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Ausgabe Juli/August 2014
Ein Navi für den spirituellen Weg? Von Wolf Schneider

Nicht alles, was von innen kommt, ist gut.

Unter den Quellen und Instanzen, die uns steuern, gibt es äußere und innere. In spirituellen Kreisen werden fast ausnahmslos eher die inneren Instanzen gefeiert und als Lösung für Probleme aller Art angeboten. Oft heißt es sogar, der spirituelle Weg sei der Weg nach innen. Der sich selbst bezichtigende spirituelle Sucher (man ist ja nie ganz zufrieden mit sich selbst) stellt dann hin und wieder fest, dass er etwas »noch im Außen« gesucht habe, um reumütig und spirituell korrekt zurückzukehren zum »Weg nach innen«, wo dann die inneren Stimmen – oft sogar die innere Stimme – darauf wartet, erkannt zu werden und ihm den richtigen Weg zu weisen.

Außen pfui, innen hui
Ach, wäre es doch so einfach! Außen ist pfui, innen hui, und schon haben wir den Weg zum guten, spirituellen Menschen gefunden, der nicht mehr manipulierbar ist (er hört ja auf die innere Stimme), keinen falschen Autoritäten mehr folgt (die sind immer außen), den Weg des Herzens geht (auch das Herz ist natürlich innen) und so Liebe, Erleuchtung und Glück erlangt.
Leider ist es in Wirklichkeit vertrackter. Innen und außen sind schier unauflösbar ineinander verwoben – miteinander »vernetzt« würde man heute wohl sagen. Vermeintlich gute, innere Quellen (Stimmen, Bauchgefühle, Visionen, Durchgaben) können jedoch verinnerlichte Instanzen sein, die ethisch unvertretbare äußeren Instanzen in uns introjiziert haben. Das heißt: Wir haben sie gefressen und uns zu eigen gemacht. Mir fallen dazu immer die Frauen ein, die tränenüberströmt am Straßenrand standen, glücklich ihn zu sehen und ihm so nahe sein zu dürfen, als Hitler in seinem Cabrio vorbeifuhr – weil er, der Führer, sie alle retten würde, ganz tief innen haben sie das total authentisch gespürt. Sie haben ihn wirklich geliebt. Wer von uns würde denn diese Liebe von unserer Liebe zum Dalai Lama oder Karmapa oder (für Katholiken) zur Mutter Teresa unterscheiden können? Die Liebe meine ich, nicht die rationale, ethisch tiefschürfende Beurteilung des geliebten Objektes.
Das Innere generell als gut abzusegnen (»hui«) und das Äußere zu verurteilen (»pfui«) ist weder ethisch noch gefühlsmäßig zu vertreten, noch ist es ganzheitlich, und es enthält auch kein bisschen Weisheit. Wir können uns doch Vorbilder wählen (außen!), die für uns Leuchttürme sind und uns in dunklen Stunden Mut machen weiterzugehen, wenn wir schon drauf und dran waren, uns selbst oder ein wirklich gutes Projekt aufzugeben und zu verzweifeln. Dann hat da mal etwas Äußeres uns gerettet (und auch noch eine Person - aller Transpersonalität zum Trotz). Vielleicht hat es uns sogar aufgeweckt, sicherlich aber inspiriert und mit guter Hand geführt.

Das Herz als Mitte
Auch der generelle Rückgriff auf das allerseits so beliebte Herz ist nur ungefähr so hilfreich, wie der Versuch, in das Navi-Suchfeld »Navigieren zu« das Wort »Herz« einzugeben. Was soll denn damit gemeint sein? Eine Adresse? Für Verliebte mag das Herz eine Adresse sein, sonst eher nicht. Ist es vielleicht eine Richtung? Wenn ja, welche Kriterien sollen dann entscheiden, ob eine Richtung eine des Herzens ist – oder dieser Weg ein Weg des Herzens? Den doch so viele, von St.-Exupérys Kleinem Prinzen über Carlos Castaneda bis zu den heutigen spirituellen Lehrern uns anempfohlen haben. Herzlich zu sein heißt ja nicht emotional überdreht zu sein, gefühlsduselig, romantisch oder euphorisch. Den einzigen nachhaltigen … nein, bitte, können wir statt dieses Modeworts nicht auch mal was anderes sagen? Den einzigen nicht nur modeaktuell, sondern auch langfristig vertretbaren Weg – Wahrheit ist ja das, was bleibt – finde ich in diesem: das Herz als Mitte zu verstehen.
Ein herzlicher Mensch wäre demnach einer, der aus seiner Mitte heraus handelt. Der integrierend handelt, alle inneren Motive und Instanzen zusammenfassend. Ungefähr so wie ein Vektordiagramm aus vielen, in verschiedene Richtungen weisenden Pfeilen, den einen macht – ich habe Mathe in der Schule nicht generell geliebt, aber das habe ich mir aus dem Geometrieunterricht gemerkt. Wir versenken uns in die Mitte, den Dantien, das Hara – das Herz. Ja, das ist dann eine innere Mitte, aber eine, die auch die Mitte von allem Äußeren ist, denn dieses Ich ist die Mitte der Welt, alles andere ist Peripherie. Die Intuition ist die Eigenschaft, die uns darauf zurückgreifen lässt. Und weil dieses Ich nicht ein fremdistalliertes ist – das wäre ja eine Insel, und nicht die Mitte – weil dieses Ich die Null des Narren ist, also: leer, frei, gestaltbar – oder, moderner gesagt: das Hologramm – ist es so schwer zu finden und braucht so viel Mut, sich ihm anzuvertrauen.

Der Autopilot
Ich bin froh, dass ich beim Autofahren keine Straßenkarte mehr brauche, mein Navi erledigt das. Einfach die Adresse eingeben, fertig. Nun kann ich mich diesem Wegweiser anvertrauen. Mein Navi weiß sogar Baustellen und Staus (meistens). Es sagt mir, wie weit das Ziel noch entfernt ist und wie lange ich voraussichtlich bis dorthin brauche. Auf dem spirituellen Weg ist das ein bisschen schwieriger. Welches Navi würde mir meine inneren Blockaden angeben und innere/äußere Umwege weisen? Da kann man nicht so leicht auf Autopilot schalten. Obwohl so viele Wege – vor allem die alten Religionen tun das – uns weismachen wollen, wir bräuchten nur diesen oder jenen Katechismus oder ethischen Mach’s-richtig-Katalog einzuhalten oder jene sieben goldenen Regeln zum Glück oder Erfolg. Das Leben auf Autopilot ist durchaus möglich, viele machen es ja so. Aber es schränkt ein und macht rechthaberisch. Es ist das viel gescholtene Leben »vom Kopf her«, aus einer festen Struktur heraus, das allzu oft nicht situationsadäquat ist. Ein solches Leben ist kein Abenteuer mehr, es fehlt da die Spontanität, die Direktheit eines frischen Handelns aus dem Moment heraus, für die alles, was wir erleben, ein Wunder ist, das letztlich keiner versteht, auch wenn wir uns aus allem immer wieder ein Konzept zu machen versuchen. Immer wieder. Was ja legitim ist, sogar nützlich. Nur, wenn wir glauben, dass ein Konzept haltbar ist, wird uns das unausweichlich darauf folgende Scheitern deprimieren.

Leben wie ein Narr
Lass es uns anders machen: Lebe wie ein Clown oder Narr, der nach jedem Scheitern immer wieder aufsteht! Setze den Autopiloten nur streckenweise ein, zum Beispiel bei Müdigkeit – man kann ja nicht immer über alles nachdenken und alles immer wieder neu infrage stellen. Aber vergiss dabei den Abschaltknopf nicht! Den Autopiloten abschalten zu können, bedeutet Freiheit. Wenn du schon seit zwei Jahren aus durchaus vernünftigen Gründen immer auf Navi gefahren bist, dann schalt ihn einfach probeweise mal aus: Plötzlich siehst du die Häuser und Straßenkreuzungen mit ganz anderen Augen! Nicht mehr das kleine Bild auf dem Screen deines Navis leitet dich, sondern die Wirklichkeit da draußen, von der dein Navi – bei allem, was man lobend über dieses Gerät sagen kann – nur ein sehr eingeschränktes Bild hat.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. www.connection.de


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