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Ausgabe Mai/Juni 2014
Im Herzen der Erde. Besuch bei den Kogi. Teil 1. Von Oliver Driver

Der Autor Oliver Driver war im Februar 2014 für drei Wochen in Kolumbien und besuchte die Kogi, dieses sagenumwobene Indianervolk der Sierra Nevada de Santa Marta. In dieser und drei weiteren Folgen erzählt er von seiner Reise, dem gemeinsam mit den Kogi-

Welch ein Erlebnis! Ich bin soeben zurückgekehrt aus einer anderen Dimension, die sich unseren üblichen Bewertungsmaßstäben völlig entzieht. Im Nordosten Kolumbiens durfte ich das Volk der Kogi besuchen. Diese kleinen Indianer leben wie vor Hunderten von Jahren in der Sierra Nevada – dem höchsten Küstengebirge der Erde, wo auf einem 50 km breiten Streifen traumhafte karibische Strände und tropisch-feuchter Dschungel auf trockene Wüsten, Nebelwald und schneebedeckte Berge treffen. Aufgrund der politischen Situation in Kolumbien wagte bis vor wenigen Jahren kaum jemand, die Sierra zu bereisen. So gelang es den Kogi, zwischen Drogen, Terror und Militär, ihren Lebensraum zu erhalten. Bis heute schotten sie sich radikal nach außen ab. Eine Woche lang fühlte ich mich wie in einer fremden Dimension, wie auf einer Zeitreise und dennoch – oder gerade deswegen - sehr nahe zu Mutter Erde.

Das erste Treffen
Über einhundert in strahlendweißen Gewändern gekleidete Kogi stehen in Kreisen auf einer saftig grünen Wiese unter und um einen uralten großen Baum, der das Zentrum dieser heiligen Stätte ist. Sie verbinden sich mit Alúna, dem Ursprung der Schöpfung. Fast alle sind rituell mit ihrem Poporro, dem Gefäß ihrer heiligen Mischung aus Koka und Kalk, beschäftigt, die wesentlicher Bestandteil ihres Weltbildes ist. Bis zu acht Meter große, rundgeschliffene Felsen bilden den Rahmen. Drei Mal im Jahr treffen sich die Schamanen und Würdenträger der Kogi zu einer Woche des Austauschs und der Entscheidungen.
Ein „Tagesordnungspunkt“ des Treffens ist die Zusammenarbeit mit mir: Ist dieser Deutsche, der nicht locker gelassen hatte, der Richtige, um das Projekt „Café Kogi“ in Deutschland zu starten? Ist er spirituell genug, um unsere Absicht und Botschaft zu verstehen? Ich kam mir vor wie bei einem Vorstellungsgespräch in einer Welt, deren Regeln ich nicht kannte, in einer mir unbekannten Sprache…
Gut daran war, dass ich mich nicht verstellen musste. Ich habe nicht den Zwang, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Der Gedanke, mich als deutschen Schamanen vorzustellen, kommt mir angesichts dieser uralten Heilerkultur absurd vor. Was weiß ich schon im Vergleich zu den Mámus, den Schamanen und spirituellen Oberhäuptern der Kogi?

Die Kogi
Die Kogi-Indianer sind eines der letzten Völker dieser Erde, das sich seine ursprüngliche Kultur erhalten konnte, indem sie sich auch heute noch radikal nach außen abschotten. Nach Ankunft der spanischen Eroberer um 1500 zogen sie sich immer höher in die Berge der Sierra Nevada zurück. Sie selbst bezeichnen sich als die Älteren Brüder. Alle anderen Menschen sind die Kleinen Brüder, die vor langer Zeit das Land der Kogi über das große Wasser verlassen haben.
In ihrem Verständnis wurde die Welt erschaffen, indem die Große Mutter eine Webspindel in das Gebirge der Sierra Nevada in Nordkolumbien stieß. Es entstanden neun Welten, wir Menschen leben in der fünften, mittleren Welt. Alles Leben entstand in der Sierra Nevada, diesem höchsten Küstengebirge der Erde. Noch heute sehen sich die Kogi als Hüter der Erde. Ihre spirituellen Oberhäupter sind die Mámus, also Priester, Weise und Schamanen.

Die Mámus – Schamanen, Weise und Priester
Man berichtet, dass einige der Mámus, die hoch in den Bergen leben, die ersten 18 Jahre ihres Lebens in Dunkelheit in der Abgeschiedenheit der Berge verbringen. Dort, in kleinen Steinhäusern, leben mehrere Schüler bei der Familie ihres Lehrers in einem separaten Haus und lernen, sich mit der unsichtbaren Welt der Spirits zu verbinden.
Um immer in Verbindung mit Mutter Erde zu stehen, tragen die Mámus möglichst keine Schuhe. Ihre Gebete erhalten die kosmische Ordnung. Während der Ausbildung bekommen sie eine salzarme Diät mit keinen Gewürzen und wenig Fleisch. Weiße, helle Lebensmittel wie Mais, Kürbis, Pilze und Süßwassergarnelen werden bevorzugt. Betrachtet man die Ausbildungsinhalte, die von Kosmologie und Mythologie über verschiedenste Bereiche der Naturwissenschaften bis hin zu Ritualen und Heilwissen reichen, wird das große Wissen der Mámus deutlich. Die Kogi wissen, dass intellektuelle Tätigkeiten von der sprachlichen Kompetenz abhängen. Sprache ist ein Schwerpunkt der Ausbildung, so lernen sie ein sehr umfangreiches Vokabular. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Kogi eine eher intellektuelle Art des Schamanismus haben. Bei vielem, was ich lese und höre, meine ich, Ähnlichkeiten zum Daoismus zu erkennen.
Am Ende der Initiationsphase werden sie zum Sonnenaufgang zum Tageslicht geführt. Und wenn sie die Augen öffnen, sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Sonnenaufgang. Und sie sehen zum ersten Mal das Land ihrer Väter, sie sehen Mutter Erde, die sie nur aus den Erzählungen kennen. In diesem Moment des ersten Tageslichts, wenn die Sonnenstrahlen langsam über diese fantastische Landschaft gleiten, tritt der Ausbilder zurück und sagt: „Siehst du? Es ist wirklich, wie ich es dir erzählt habe. Es ist so wundervoll, du musst es beschützen!“. Alles, wovon sie zuvor nur abstrakt gehört hatten, wird in diesem Augenblick in dieser großartigen Pracht in ihre Welt geboren.

Entscheidungen durch Divination
Mamaluwa nennt sich ein Ort, den ich im Rahmen meiner Wanderungen besuche. Er liegt idyllisch auf einem kleinen Plateau am Berg, von dem man das weite, grüne Tal überblickt. In der Ferne sind die Gipfel der Sierra zu sehen. Nach Art von Liegestühlen sind dort große Felsplatten arrangiert, auf denen die Mámus bei ihrer Weissagung Platz nehmen. Heute bin ich allerdings allein mit Arregoces, meinem Führer, hier. Er beschreibt mir, wie die Kogi für alle wichtigen Entscheidungen Alúna, den Ursprung alles Seins, durch Divination befragen.
Dazu benutzen sie eine mit klarem Wasser gefüllte Kürbisschale, in die sie einen bestimmten Stein legen. Beim Betrachten der Blasen und Bewegungen sehen sie die Antwort auf ihre Frage. Jeder Mámu erzählt, was er sieht, und im Konsens wird eine Lösung besprochen. Diese Zeremonie kann nicht überall stattfinden, für bestimmte Themen und Fragestellungen gibt es fest zugeordnete, heilige Orte. Die Welt der Kogi basiert auf Analogien. Wenn irgendwann ein Mámu eine Eingebung zum Thema Kaffee an einem bestimmten Ort hatte, so werden zukünftig ähnliche Entscheidungen ebenfalls dort getroffen. Genauso gibt es für die Heilung von Krankheiten und zwischenmenschlichen Themen feste Orte.

In der nächsten Ausgabe erzähle ich über meinen nächtlichen Besuch im Versammlungshaus Nu-Hué, wo ich unter gut einhundert Kokablätter kauenden Indianern die Nacht verbringe.

Der Autor Oliver Driver ist Bauingenieur, Organisationsentwickler, Coach und Autor. Er beschäftigt sich mit Tiefenökologie, Prozessen für nachhaltigen Wandel, indigenem Wissen, Schamanismus und nun auch Kaffee. www.oliver-driver.de

Wer sich für das Projekt interessiert, findet auf www.kalashe.com die Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen, Ideen zu teilen, zu spenden – und natürlich den Kaffee zu erwerben.


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