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Ausgabe Mai/Juni 2014
Beitragsreihe 2013 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Agraulis vanillae, der Vanille-Schmetterling

Andreas Krüger mit dem sechzehnten Teil seiner Beitragsreihe über wichtige homöopathische Arzneimittel - erläutert anhand eigener biografischer Erfahrungen

H. Schäfer: Der Wonnemonat Mai steht vor der Tür. Ich nehme an, Sie haben durchaus etwas entsprechend der Qualität dieser Jahreszeit zu berichten.
A. Krüger: Heute ist es mir in der Tat ein großes Bedürfnis, über ein homöopathisches Mittel zu sprechen, das für mich – nach einer dunklen und grauen Zeit der langen Nächte – in dieses buntwerdende Frühlingserwachen der uns umgebenden Wirklichkeit passt. Heute möchte ich über den Vanillefalter – agraulis vanillae – sprechen. Vor vielen Jahren beschäftigte ich mich mit den Arbeiten von Frau Dr. Kübler-Ross, die viel über das Sterben und auch über das Sterben von Kindern mit uns teilte. Während ihrer Begleitung von sterbenden Kindern machte sie die Erfahrung, dass sie durch verschiedene Stadien der Annahme oder der Nicht-Annahme des Sterbens gingen. Und es gab immer einen Punkt, an dem es zu einem JA zu dem kam, was da passierte und dann fingen die Kinder an, Schmetterlinge zu zeichnen.

Mit dem JA zum Sterben kamen die Schmetterlinge?
Ja und wenn Frau Kübler-Ross die Kinder fragte, was denn ihr wichtigster Wunsch an die Eltern sei, dann kam oft die Antwort, dass es für die Kinder ganz schrecklich sei, dass die Eltern so traurig sind, weil es den Kindern das Sterben so schwer machen würde. Die gemalten Schmetterlinge, die die Kinder den Eltern schenkten, waren wie ein Hilferuf: „Es ist nicht furchtbar, es ist ganz leicht. Ich mache einen Metamorphose-Sprung und werde zu einem Schmetterling.“
Wie Sie schon in anderen Artikeln erwähnten, haben Sie selbst eine Tochter, die ganz jung verstarb, verloren.
Verloren, ja – und bin dem Verlust jahrelang treu geblieben. In der ersten Zeit war ich mit Hilfe der homöopathischen und psychotherapeutischen Zuwendungen der Meinung, dass ich weder Familie noch Praxis noch Schule vernachlässigen konnte. Gleichzeitig entwickelte ich ein Verlangen, mich schwarz zu kleiden. Innerhalb eines halben Jahres mutierte meine Garderobe von bunten Hawaiihemden zu schwarzer Tangokleidung, ohne dass ich das bewusst nachvollzogen habe – vielleicht war ich ja ein innerer Tangotänzer oder ein verkannter Subintellektueller. Während fast vier Jahren trug ich nur schwarz. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich es gewählt hatte, schwarz zu tragen. Es war keine modische Entscheidung, sondern der Ausdruck einer Wirklichkeit.
Irgendwann hatte ich einmal die Idee, mich sterilisieren zu lassen. Darüber sprach ich mit meinem damaligen Aufstellungslehrer Laszlo Mattyasovszky, der mir davon dringend abriet, da die Sterilisation einen Eingriff in das Leben darstellt und Männer danach auch anders riechen - was Frauen nicht so anziehend finden. Das stellte ich für mich auf. Heraus kam, dass ich mit meiner toten Tochter wie mit einem Schwur verbunden war: „Nach dir kann nichts mehr kommen.“ Theoretisch hätten meine Frau und ich als junges Paar noch mal Kinder kriegen können. Doch mein Wunsch nach einer Sterilisation sollte der endgültige Treuebeweis sein, denn nach ihr kann nichts mehr kommen. In dieser Aufstellung konnte ich diesen Satz nur teilweise auflösen – den Treueschwur erst sehr viel später.

Und wie?
Es passierte etwas Ungewöhnliches in meinem Leben, als ich den Film „Patch Adams“ sah. In diesem Film geht es um einen Arzt, der herausfindet, dass Lachen die wichtigste Medizin ist und der daraufhin eine Lachtherapie entwickelt. Dieser Arzt erlebt, dass seine große Liebe von einem seiner Klienten ermordet wird und das bricht ihm das Herz, so dass nichts mehr von seinem Lachen übrig bleibt. Er entschließt sich, seinem Leben ein Ende zu setzen und geht zu einer Klippe, die man im Film wunderbar sieht – meterhohes Nichts vor dem brausenden Meer – und in dem Moment kommt ein Schmetterling und setzt sich auf sein Herz. Dieser Moment, in seinem Herzen von einem Schmetterling berührt zu werden, hält ihn davon ab, sich umzubringen und daraufhin fängt er an – für diese tote Geliebte – die Lachtherapie zu entwickeln. Dieser Film hat mich so bewegt, dass ich mir den agraulis vanillea besorgte und zwar deswegen, weil ich wusste, dass Vanille eines der größten Mittel für unglückliche Liebe ist. Und weil das Leben meiner Tochter auch die Qualität einer unglücklichen Liebe hatte und seitdem meine Liebe zu Gott zutiefst unglücklich war, dachte ich, dass der Vanille-Schmetterling passt. Es ist ein Schmetterling, der aus der Karibik kommt und sehr bunt ist.

„Wer Schmetterlinge lachen hört,der weiß, wie Wolken schmecken.Der wird im Mondschein, ungestört von Furcht, die Nacht entdecken.“Carlo Karges, in einem Song der Musikgruppe Novalis von 1973

Und was passierte nach der Mitteleinnahme?
Ich träumte nachts Geschichten, die in meiner Kindheit zu den schönsten gehörten: Ich träumte als Kind, nächtelang über Britz hinwegzufliegen – mit Lenken, Landen und Sprüngen. Manchmal wachte ich aus diesen Träumen auf und war tagelang glücklich. Nach dem Kontakt mit dem Schmetterling fühlte ich wieder diese Leichtigkeit und damit kam die Fähigkeit wieder, in meine Welt die Schönheit zu reflektieren. Schwarz reflektiert nichts. Schwarz ist ein Loch, in dem alles verschwindet. Schwarz ist die Spiegelung von Schwarz. Nicht umsonst tragen die Mönche so oft schwarz. Es ist ihre Trauerkleidung über den Verlust ihres größten Geliebten – über Christus. Aber: Für den, für den man es tut, der will es nicht. Ich habe noch nie erlebt, dass die da oben es wollten, dass es uns schlecht geht – im Gegenteil: Unsere Trauer hält sie fest.

Gibt es noch eine Geschichte, bei der Agraulis half?
Ich hatte eine Patientin, die in einer erfüllten Partnerschaft lebte, als ihr Mann plötzlich verstarb. Von da an trug sie nur noch schwarz und ging dreimal täglich auf den Friedhof, um das Grab zu gießen. Ich habe alle möglichen Mittel versucht, aber nichts half. Auf einer Rentnerreise lernte sie einen sehr netten Mann kennen, konnte sich aber auf eine Beziehung nicht einlassen. Dann gab ich ihr den Schmetterling und daraufhin träumte sie, dass sie mit dem neuen Mann das Grab ihres alten Mannes goss und auf einmal tauchte der Kopf des alten Mannes hinter dem Grabstein auf, schaute die Frau an und sagte: „Danke. Jetzt kann ich gehen.“ Er konnte also erst dann gehen, nachdem der neue Mann da war.


Zusammenfassend: Wann ist der Schmetterling als homöopathische Mittel sinnvoll?
Ich kann dieses Mittel für alle Situationen im Leben empfehlen, in denen wieder Farbe ins Leben gehört. Früher wollte ich gerne auf Hawaii leben, denn da ist immer Sommer – inzwischen denke ich, dass mir etwas fehlen würde. Mir würde fehlen, in einem Park zu sitzen und den Moment wahrzunehmen – von dem Rudolf Steiner gesagt hat, dass er die meiste Kraft besitzt – wenn alles kurz vorm platzen ist. Und mit einmal erblüht alles! Und das kriegt man auf Hawaii nicht mit, denn da blüht immer alles. Diese tiefe Dunkelheit und Kargheit gibt uns die Möglichkeit, das Erblühen ganz anders zu erleben. Ich glaube schon, dass wir ein Gefühl für das Licht entwickeln, wenn wir das Dunkle kennen.
Hellinger lässt in seinen Aufstellungen von toten Kindern oder unglücklichen Lieben folgenden Satz sagen: „Liebes Kind, ich war dir treu und ich habe das Licht aus meinem Leben verbannt – auch aus Treue. Ab heute werde ich untreu und ab heute leiste ich mir, wieder die Farbe in mein Leben zu holen.“ Hellinger sagt auch, Freiheit verlangt Untreue. Der treue Mensch ist nicht frei. Leben bedeutet Schuld. In diesem Sinne: „Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse Mädchen kommen überall hin.“

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein letztes Buch „Heiler und heiler werden – Gespräche über die Heilkunst“ erschien im Verlag Simon + Leutner, 2013.


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