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Ausgabe März/April 2014
Integrative Psychotherapie. Konzept einer Psychotherapie der Zukunft. Von Christoph Mahr


Andere Bezeichnungen, hinter denen die Konzepte der Integrativen Psychotherapie zu finden sind, lauten: Ganzheitliche Psychotherapie und Allgemeine Psychotherapie. Es geht also ganz dem Zeitgeist entsprechend um Ganzheit, um die Nutzbarmachung verschiedener Therapieansätze unter Berücksichtigung der empirischen Erkenntnisse moderner Psychotherapie- und Hirnforschung. Ein „Meilenstein in der Entwicklung der psychotherapeutischen Prozessforschung“ und aus wissenschaftlicher Sicht der Kern integrativen Denkens und Handelns sind die schulen- und methodenübergreifenden Wirkfaktoren der Psychotherapie.
Welche sind die Therapieschulen übergreifenden Wirkfaktoren, die dafür sorgen, dass jenseits eines spezifischen Psychotherapieverfahrens im Rahmen von Behandlungen Erfolge realisiert werden? Dieser Frage ging insbesondere der früh verstorbene Psychotherapieforscher Klaus Grawe (1943-2005) nach. Die fünf schulen- und methodenübergreifenden Wirkfaktoren, die Grawe nach umfangreichen wissenschaftlichen Forschungen empirisch nachprüfbar identifizieren konnte und die notwendige Voraussetzungen für das Gelingen von Psychotherapie sind, und somit in jeder wirkungsvollen Psychotherapie enthalten sein sollten, sind: 1.Therapeutische Beziehung, 2.Ressourcenaktivierung, 3. Problemaktualisierung, 4. Motivationale Klärung, 5. Problembewältigung.
Es geht bei den Wirkfaktoren nicht mehr um die Frage, welches Therapieverfahren besser oder schlechter ist, sondern darum: Welches sind die übergeordneten Elemente, durch die Behandlungserfolge realisiert werden? Welches Verfahren hat bezüglich eines spezifischen Wirkfaktors besonders viel zu bieten? Wenn überhaupt, geht es bezüglich der einzelnen Therapieverfahren um partielle Schwerpunktsetzungen und nicht um eine Entscheidung für das Eine oder das Andere. Daraus ergibt sich ganz zwangsläufig als logische Konsequenz die Kombination und Integration verschiedener Ansätze und Methoden.
Psychotherapie ist nichts Statisches, sondern ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess. Jedes einzelne Psychotherapieverfahren hat seine Stärken und so ist es selbstverständlich, dass sie sinnvoll zusammengeführt eine viel größere und ganzheitlichere Kraft entwickeln und folglich auch ein weitreichenderes Spektrum abdecken.
Die einzelnen Therapieschulen haben in der Psychotherapie eine nützliche Funktion erfüllt. In ihnen wurden therapeutische Vorgehensweisen konzipiert, erprobt und kultiviert. Ohne sie gäbe es nicht die vielfältigen Erkenntnisse, Modelle und Methoden, derer sich heute das integrative therapeutische Handeln bedienen kann.
Aber die Welt dreht sich weiter und wenn es darum geht, die empirischen Erkenntnisse von Psychotherapie- und Hirnforschung umzusetzen, dann ist kein Psychotherapieverfahren für sich allein genommen – herausgefiltert aus der großen Vielfalt der heute verfügbaren Therapiemethoden – in der Lage den Forderungen von Forschung und Wissenschaft Rechnung zu tragen. Mit anderen Worten: Die Zeit der „Psychotherapieschulenhörigkeit“ ist abgelaufen.
Das integrative psychotherapeutische Arbeiten ist alles andere als neu und steht in vielen, auch in unseren deutschsprachigen Nachbarländern, an „vorderster Front“.
Es stünde vermutlich auch in Deutschland an erster Stelle, wenn die empirischen Erkenntnisse der Psychotherapieforschung umgesetzt würden. Es war sogar die Bundesregierung selbst, die im Vorfeld der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes dem Psychotherapieforscher Klaus Grawe ein Gutachten in Auftrag gab, bei dem es um die Wirksamkeit von Psychotherapieverfahren ging. Grawe stieß mit den Ergebnissen seiner umfangreichen wissenschaftlichen Forschungen jedoch auf zahlreiche Widerstände und die empirischen Erkenntnisse seiner Studien wurden in der Folge in Deutschland auch nicht umgesetzt.
In seinem Buch zur Studie („Psychotherapie im Wandel“, Hogrefe, 1994) schrieb Grawe: „Glaubens- und Interessengemeinschaften, die an der Erhaltung der bestehenden Verhältnisse interessiert sind, sperren sich gegen den Einzug aufgeklärter Vernunft und Professionalität in ihre Bastion sorgsam gehüteter geheimnisvoller Undurchsichtigkeit und verschleierter Ineffizienz.
Durch vermeidbare Missstände wird der mögliche Beitrag der Psychotherapie zur Gesundheitsversorgung gegenwärtig bei weitem nicht ausgeschöpft. Es bestehen vielmehr so große Diskrepanzen zwischen dem, was eigentlich durch die effektive Anwendung der verfügbaren psychologischen Behandlungsmethoden möglich wäre, und dem, was tatsächlich geschieht, dass sie weder ethisch noch volkswirtschaftlich vertretbar erscheinen.“
Spätestens durch die Studie wurde Grawe zu einem Gegner einer einseitigen, „schulenhörigkeitsgetönten“ Psychotherapie. Er war einer der ganz großen Befürworter einer schulenübergreifenden, integrativen, ganzheitlichen Psychotherapie, die er selbst „Allgemeine Psychotherapie“ nannte.
Und so hat sich bis heute nichts geändert. Angehende Psychotherapeuten, die in der BRD mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen wollen, können sich nicht frei, entsprechend empirischer Studien entscheiden und werden in die therapieschulorientierten „Scheuklappen“-Ausbildungen der sogenannten Richtlinienverfahren gedrängt, die explizit andere Verfahren ausschließen. Wenn sie dann doch andere Verfahren abrechnen wollen, dann tun sie dies über verschleierte Umwege, aber nicht im Rahmen offizieller Genehmigungen. Für viele scheint dies die einzige oder zumindest beste Strategie zu sein, um sich an den reich gefüllten „Brotkörben“ der gesetzlichen Krankenkassen in der BRD zu laben. Wie unsinnig diese Regelung ist, braucht man, wie ich denke, hier nicht weiter auszuführen. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont sind die neuesten Entwicklungen der Verhaltenstherapie, die durch die Einführung der Schematherapie einen großen Beitrag zum Verständnis integrativer Psychotherapie geleistet hat.
Viele moderne Psychotherapeuten haben heutzutage Mehrfach-Aus- und Weiterbildungen, arbeiten sehr vielseitig und setzen eine Vielzahl von Methoden ein, von denen sie denken, dass sie für ihre Klienten und Patienten am besten geeignet sind. Für moderne Therapeuten geht es nicht mehr wie einst darum, allen Menschen mit dem Einen, sich gegen andere abgrenzenden Psychotherapieverfahren zu begegnen. Das integrative Verständnis erachtet die Wirklichkeit menschlichen Daseins als viel zu groß und den einzelnen Menschen als zu einzigartig, um ihn mit dem „Einen“, alles glücklich machenden Konzept erfassen zu können. Im Fokus steht heute vielmehr, sich so „aufzustellen“, dass man flexibel auf die individuellen Bedürfnisse des Hilfesuchenden reagieren kann. Was auch bedeutet, seine therapeutische Handlungskompetenz durch Integration verschiedener Therapiekonzepte an den empirisch abgesicherten Wirkfaktoren der aktuellen Therapieforschung zu orientieren.


Der Autor Christoph Mahr ist Gründer und Leiter des Instituts Christoph Mahr und Dozent für Psychiatrie und Psychotherapie und Entwickler des Therapiekonzepts INTEGRATIVE PSYCHOTHERAPIE – Konzept einer Psychotherapie der Zukunft. Dieser emotionsfokussierte Therapieansatz ist eine sinnvolle und logisch nachvollziehbare Zusammenführung von Modellen und Methoden verschiedener Therapiekonzepte. Er orientiert sich an einem eigenen Menschenbild, am Erklärungs- bzw. Störungsmodell der Schematherapie sowie an den Erkenntnissen moderner Psychotherapie- und Hirnforschung mit seinen schulen- und methodenübergreifenden Wirkfaktoren, den hinreichend akzeptierten seelischen Grundbedürfnissen und einer vielschichtigen Psychoedukation. weitere Infos auf www.ipt-berlin.de


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