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Ausgabe Januar/Februar 2014
Geborgen im Universum. Von Wolf Schneider

Über das Glück des Ichs, das seiner Umgebung, dem vermeintlich Anderen, nicht mehr misstraut

Vor Jahren nahm ich im Intersein-Zentrum im Bayerischen Wald an einem „Tag der Achtsamkeit“ teil. Wir waren am frühen Vormittag eingetroffen und warteten in einem großen Festzelt auf Thich Nhat Hanh und seine Begleiterin Chan Khong, für die in dem Zelt eine Bühne hergerichtet war, auf der in riesengroßen Buchstaben stand „Ich bin angekommen“.
Angekommen sein, zuhause sein, bei sich und nicht außer sich, das ist das Ziel von uns Suchenden. Nicht mehr draußen suchen – dort und dann würden wir finden, was wir suchen – sondern jetzt, hier, vor meiner Nase, in diesem Atemzug und Augenblick. Wir brauchen nicht mehr zu suchen, wir sind schon angekommen. Wir müssen nirgendwo mehr hin, denn der Weg und das Ziel sind eins.

Ein Gefühl der Geborgenheit
Die Möglichkeit, uns dieser Gegenwärtigkeit bewusst zu werden, haben wir der Fähigkeit zu verdanken, Aufmerksamkeit lenken zu können. Wir können sie auf vergangene, zukünftige oder gegenwärtige Ereignisse richten. Ob es gelingt, damit die Gegenwart nicht nur zu streifen, sondern darin zu verweilen, ist mehr als nur das Ergebnis einer mentalen Lenkung, es hat mit einem Gefühl zu tun: dem Gefühl der Geborgenheit. Je mehr wir uns im Universum geborgen fühlen, anstatt als unfreiwillig ins Leben hinein Geworfene, die dort nun mehr oder weniger irrend, verzweifelt oder selbstsicher ihren Weg suchen, umso besser gelingt dieses Verweilen. Und es hat mit Vertrauen zu tun, dem Vertrauen hier richtig zu sein, willkommen im Leben, in der condition humaine, diesem Leben zwischen Tier und Gott, in dem wir erst Werdende sind, noch keine fertigen Wesen.

Was mich umgibt
Wie jedes Kind sich im Mutterleib geborgen fühlt, noch ganz ohne spirituelle Suche und philosophische Fragen, so können wir uns in unserer Umgebung geborgen fühlen, in dem, was uns umgibt. In dem, was das Ich umgibt! Was auch immer das gerade ist, was ich als mich selbst oder mein eigen empfinde. Ist es nur das, was diese Haut begrenzt? Oder auch mein Besitz und meine „Angehörigen“? Jedenfalls hat es eine Umgebung, in der es geborgen ist, die es bedingt, vielleicht sogar behütet, ohne die das Ich und das Eigene nicht sein könnten: Dieses hier ist in dem anderen, was es umgibt, geborgen.

Theismus und Atheismus
Manche Menschen stellen sich diese Umgebung oder das, was hinter dem ist, was sie umgibt, lieber als Person vor. Um den Uterus herum, der uns einst umgab, gibt es eine Person: unsere Mutter. So kann man sich hinter der Umgebung, in der auch das kleine Ich des Erwachsenen geborgen ist, eine große Mutter vorstellen, oder – in Zeiten des Patriarchats – einen großen Vater. Wenn das die Geborgenheit erhöht, gut so, dann sind wir Theisten. Andernfalls Atheisten. So groß ist der Unterschied zwischen den beiden also nicht – kein Grund, die eine Gruppe als gottlos zu verdammen. Wenn ich genau nachdenke, bin ich Atheist. Als fühlendes Wesen möchte ich das Große, Ganze, das mich hält und in sich birgt, aber gerne mit Du ansprechen. Also bin ich doch auch ein Theist.

Spiris und Ökos
Auch die Umweltschutzbewegung weist uns auf unsere Geborgenheit hin in dem, was uns umgibt, und ermahnt uns, diese Umwelt zu achten oder sie wenigstens nicht als Müllabladeplatz zu verachten.
Insofern kann man auch die Umweltschützer in einem modernen, wissenschaftlich aufgeklärten Sinn als religiös bezeichnen: Sie erinnern an unsere Abhängigkeit von dem Biotop, in dem wir leben, und ermahnen, ihn zu schützen, denn in ihm sind wir geborgen wie in einem Mutterleib. Wenn wir ihn vergiften, zerstört uns das selbst, weil das Gift dann wie in einer Nabelschnur zu uns zurückfließt. Ob wir dann noch „Mutter Natur“ zu dieser Umgebung sagen oder die Erde Gaia nennen, ist nur eine Sache des Gefühls, der Anrede. So gesehen trennt die Spiris und die Ökos gar nicht so viel. Beide kann man als sowohl spirituelle wie politische Bewegungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse bezeichnen.

Nachnähren
Was aber, wenn es mir nicht gelingt, meine Aufmerksamkeit darin zu verankern, dass ich unvermeidlich im ewigen Jetzt lebe, auch dann, wenn ich mich erinnere oder meine Zukunft plane? Was, wenn ich trotz meines Wissens über die Umwelt und meine Gesundheit weiterhin Coca Cola trinke, täglich Fleisch esse und Plastikverpackungen aus dem Autofenster werfe? Vielleicht weil mir meine Eltern als Kind nicht das Gefühl gaben, willkommen zu sein in der Welt, so dass ich jetzt auf tausenderlei Weise um meinen Selbstwert kämpfe, mit Statussymbolen und trotzigen Akten der Selbstvergewisserung, die mir zu sagen scheinen: Ja, ich darf! So bin ich eben! Ich lasse mich nicht unterkriegen!
Da hilft dann manchmal auch kein Achtsamkeitstraining, sondern nur eine Rückführung zu den Verletzungen und seelischen Wunden von damals. Die Humanistische Psychologie bietet eine Vielfalt an Methoden damit umzugehen und das Gefühl mangelnder Geborgenheit von damals heute nachzunähren.

Ego oder Eigenheit?
Hierbei ist auch wichtig, dass das Ich, die Persönlichkeit, sich erlaubt eigen zu sein, individuell, einzigartig – oder dass sie sich erlaubt, die Entwicklung einer solchen Eigenheit überhaupt erstmal zu erstreben. Hierfür braucht es eine Unterscheidung zwischen dem vor allem in den spirituellen Kreisen verpönten Ego – der Illusion einer festen, unverrückbaren, ureigenen Persönlichkeit, die für sich steht und kämpft und bestreitet, ihre Umgebung zu brauchen – und der gestaltbaren, flexiblen Eigenheit eines gewordenen Charakters, der um seine Interdependenz mit der Umgebung weiß und diese würdigt.

Fremd in der Welt
Egoismus und Eigenheit sind zwei sehr verschiedene Haltungen der Ichs zur Welt. Man kann sie auch anhand der Begriffe Geborgenheit und Vertrauen voneinander unterscheiden: Das eine Ich vertraut seiner Umgebung und fühlt sich in ihr geborgen, das andere misstraut ihr und fühlt sich darin fremd, vielleicht sogar befeindet.
Wobei ein bisschen Alien-Gefühl, Einsamkeit, Befremdung in der Welt natürlich und menschlich ist; es sollte nicht durch Tröstungsstrategien überdeckt werden. Die Existenzialisten des 20. Jahrhunderts (z.B. Camus mit seinem Hauptwerk „Der Fremde“) sind tief in dieses Gefühl eingetaucht, in der Welt irgendwie fremd zu sein, alien – und konnten doch trotzdem ganz unegoistisch empathisch und solidarisch sein, wie Camus das etwa durch seine Mitarbeit in der französischen Résistance gegen die Nazis gezeigt hat.

Intimität
Trotzdem ist eine Beheimatung in der Welt für dieses Gefühl der Befremdung und Einsamkeit das Ziel der Sehnsucht. Allein ist man dann immer noch, aber nun in der Gewissheit, in der Welt zuhause zu sein, geborgen und beheimatet. Das kann eine kulturelle Heimat sein, eine geografische, eine Zugehörigkeit zu einem Freundeskreis und insbesondere die Beheimatung durch die Intimität mit einem oder mehreren Menschen, vor dem oder denen man sein Innerstes nach außen kehren darf und nicht mehr verbergen muss.

Von guten Mächten wunderbar getragen
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“, schrieb Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944 aus einem Gestapo-Gefängnis. Ein paar Wochen später wurde er hingerichtet. Was für ein tiefes Vertrauen, was für ein Gefühl der Geborgenheit! Bonhoeffer muss sich zutiefst in sich selbst beheimatet gefühlt haben, in seiner gewordenen und gewählten Identität, und diese als willkommen im Universum erlebt haben – in seinem Empfinden „gottgewollt“ – sogar noch als todgeweihter Gefangener der Gestapo, als der er am 9. April 1944, kurz vor der Befreiung durch die Alliierten, den Weg zum Galgen antrat.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de.


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