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Ausgabe Januar/Februar 2014
Was tun? Bei der Gestaltung unserer Zukunft – jetzt! – können wir aus der Geschichte lernen. Von Wolf Schneider


»Was tun?«, das war der Titel einer Schrift von Lenin, mit der er 1902 die aktive, revolutionäre Phase der Arbeiterbewegung anfeuerte, in gewisser Hinsicht begründete er sie damit erst. Ab 1917 wurde die Bewegung als Bolschewismus gewalttätig und begründete so die Sowjetunion. Unter der stalinistischen Willkürherrschaft erfolgten »Säuberungen« und die Vernichtung des selbständigen Bauerntums, mit mehr als zehn Millionen Toten.
Auch Maos Kommunismus basiert in vielem noch auf Lenin. Sein »großer Sprung nach vorn« sollte eine Abkürzung zur kommunistischen Gesellschaft sein, in der jeder nach seinen Bedürfnissen versorgt würde. Die Folge waren mehr als zwanzig Millionen Tote, vor allem durch Hungersnöte. Ahnte Lenin in dunklen Stunden, dass seine Ideologie solche Opfer fordern würde? Rückblickend muss man sagen, dass die Gewalt und die Bereitschaft, für die Ziele einer guten Zukunftsgesellschaft über Leichen zu gehen in seinem Werk und vor allem in seinem praktischen Vorgehen bereits angelegt waren.
Was wollen wir heute? Und was ist für uns zu tun, angesichts von Klimakatastrophe, Vernichtung der Regenwälder, Vermüllung der Weltmeere, fortdauernden Kriegen und der Ausbeutung der Menschen sogar bei uns in Europa, wo wir durch Stress und Überforderung ausbrennen und kaum einer mehr an einem der üblichen Arbeitsplätzen noch glücklich ist, obwohl wir doch so reich sind? Was sollen wir und was können wir da tun?

Enthusiasmus mit negativen Folgen
Ich habe hier bewusst Lenins Schrift an den Anfang gestellt, die heute als sein Hauptwerk gilt. Sie erschien zwölf Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs, fünfzehn Jahre vor der Oktoberrevolution, und bewegte damals viele Menschen der politischen Avantgarde auch außerhalb der sozialistischen Kreise.
Ich will damit sowohl an die Begeisterung erinnern, mit der Lenin seine Zukunftsvision präsentierte, wie auch an die negativen Folgen der sozialistischen Bewegung, aus der sich die gewaltbereitere, kommunistische Fraktion ja erst 1917 abspaltete.
Sie hatte nicht nur negative Folgen, aber eben auch negative, obwohl sie doch den Benachteiligten und Ausgebeuteten helfen wollte und unter deren Führung (einer »Diktatur des Proletariats«) eine heile Welt zu errichten beanspruchte. Stattdessen errichtete sie Terrorsysteme, die schlimmer waren als das, was sie überwinden wollte. Und das Ziel, die kommunistische Gesellschaft, wurde nicht erreicht. Warum? Die Gründe lagen hauptsächlich in den eigenen inneren Widersprüchen, und nicht – jedenfalls nicht bloß – im befeindeten Kapitalismus.

Die Macht der Wirtschaft
Zurück zu uns spirituell Bewegten, die Meditation und ganzheitliche Heilweisen kennengelernt haben und nun diese guten Ideen in den Mainstream tragen wollen. Hinein in eine Welt, die noch von Schulmedizin, Pharmaindustrie und einer in vieler Hinsicht blinden politischen Klasse bestimmt wird und von weltbeherrschenden Konzernen, die unseren nationalen Politikern diktieren, was zu tun ist. Nicht nur der militärisch-industrielle Komplex, längst auch der ernährungsindustrielle und medizinisch-pharmazeutische Komplex können mit ihrer Lobby und ihrer gewaltigen wirtschaftlichen Macht bestimmen, was unsere regierenden Politiker für Gesetze erlassen, auch wenn sie von uns für eine ganz andere Agenda gewählt wurden. Was können wir in dieser Lage tun?

Selbsterkenntnis
Ich will an dieser Stelle in aller Kürze nur drei Schritte nennen. Der erste ist: Erkenne dich selbst! Das stand schon über dem Eingang zum Orakel von Delphi, der wichtigsten Kultstätte des antiken Griechenlands, und es ist bis heute die zentrale Aufforderung aller tiefen Philosophien und spirituellen Wege aller Weltkulturen geblieben. »Dich« sollst du erkennen – also das Ich, das die Welt betrachtet. Das da fragt und sucht und betrachtet. Dasselbe Ich, das die Inder Atman nennen, Selbst, und Buddha als Anatta enthüllte, als Nicht-Selbst und Wesenskern seiner Philosophie. Was Buddha Nicht-Ich nannte, An-atman, bezeichneten die Upanishaden als identisch mit dem Großen, Ganzen, mit Gott, was auf dasselbe hinausläuft. Dieses Ich als etwas Gewordenes zu erkennen, etwas Beeinflussbares, als eine Konstruktion, dessen Festigkeit eine Illusion ist, nenne ich »spirituelles Erwachen«. Meist ist das erste Eintauchen in diese Erkenntnis mit ekstatischen Gefühlen verbunden. Das griechische Wort Ek-stasis, Außer-sich-sein, beschreibt ein Bewusstsein, das sich außerhalb des individuellen Ich befindet.
Begeistert von dem Erfolg, das Ich durchschaut zu haben, und verführt von den großartigen, ekstatischen Gefühlen, die damit meist verbunden sind, bleiben viele dort hängen. Sie halten sich für erleuchtet und finden es angemessen, nun eine Schülerschaft um sich zu scharen, die sie verehrt und ihnen so die Mühe abnimmt, sich um einen Lebensunterhalt zu kümmern. Das Lehren erscheint für sie nun die angemessene Art der Arbeit zu sein, ihr Beruf und ihre Berufung.

Autor des eigenen Drehbuchs sein
Hier steht nun der nächste Schritt an. Das Ich als aufgelöst zu betrachten, das wäre wieder eine Illusion. Stattdessen gilt es, die gewonnene Erkenntnis zu nutzen, um dieses Ich zu gestalten und das Drehbuch des eigenen Lebens in die Hand zu nehmen. Dort nun nicht mehr nur der Protagonist zu sein, sondern – bewusst – auch der Autor des Drehbuchs.
Sobald du die Verantwortung für dieses Ich übernommen hast, das du da dir selbst und der Welt zumutest – dein Charakter, deine Identität, die Ecken und Kanten deiner Individualität – hast du absolviert, was C. G. Jung einst »Individuation« nannte. Du bist du selbst geworden. Endlich ganz erwachsen. Nun beschuldigst du nicht mehr die Welt dafür, wie du bist, sondern weißt, dass du zwar Einflüssen ausgesetzt warst und noch immer bist, aber das Ergebnis dieser Einflüsse liegt in deiner Hand.
Die Struktur deines Körpers kannst du nur in engen Grenzen bestimmen, aber wer du geistig bist, ist weitgehend von dir bestimmbar. Wir sind zwar keine Inseln, die Umgebung wirkt mit; aber jedes Mal, wenn wir bemerken, dass wir gestaltet wurden, nehmen wir das nun prinzipiell an und sind das dann.

Die Zukunft gestalten
Nach dem Übernehmen der Verantwortung dafür, wer du bist, steht nun die Übernahme der Verantwortung dafür an, wie deine Umgebung aussieht, dein Wirkungsraum. Wenn das die ganze Welt ist, gut, dann sei ein Weltverbesserer! Wenn es nur deine Liebesbeziehung, deine Familie oder dein Arbeitsplatz ist, dann das.
Mit dem ersten Schritt bist du zum Eingeweihten geworden; nun weißt du um das ewige Jetzt und die »Power of now«. Mit dem zweiten hast du die Hölle der spirituellen Arroganz durchschritten und mit dem dritten die Illusion hinter dir gelassen, dass ein erwachter Mensch keine Zukunft plant und keine Vergangenheit hat, weil er im Jetzt lebt. Du planst nun in gereifter Weise für dich und deinen Wirkungsraum eine Zukunft, wissend, dass sie auf dem aufbaut, was vorher da war. Und du planst – jetzt! Das ist weise Planung. Und das Ich, das da Zukunft gestaltet, ist ein bewusstes Ich, ein durchschautes und transparentes Ich; nicht mehr, so wie damals, der agierende blinde Fleck hinter all deinem Tun.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.


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