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Ausgabe Juli/August 2001
Yin und Yang

Das Konzept und seine Übertragbarkeit auf die westliche medizinische Sichtweise

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Yin und Yang symbolisieren das Gesetz der Polarität. Unsere „westlich“ geprägte Wahrnehmung hat die Tendenz, die Umwandlung von einem Zustand in den nächsten als eine abgeschlossene Veränderung zu empfinden und verliert dabei den Blick für den Prozess der Wandlung. Wir ignorieren, was in dem Yin-Yang-Symbol bildlich dargestellt wird: dass jeder Prozess bereits den Keim des anderen in sich trägt. Was dieses Schwarz-Weiß-Denken für Auswirkungen auf unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit hat und wie die Chinesische Medizin Yin, Yang und die dritte Kraft Qi versteht und nutzt, erklärt der Sinologe Reimund Grewe.

Die Kategorien Yin und Yang repräsentieren sich ergänzende Prozesse, die helfen, Gesetzmäßigkeiten des Wandels im Kosmos wie im menschlichen Leben zu verstehen. Das chinesische Schriftzeichen für Yin zeigt die von Wolken abgedunkelte und von der Sonne weniger beschienene Nordseite eines Hügels; das Schriftzeichen für Yang zeigt die sonnenbeschienene Südseite. Hier ist bereits die Dynamik erkennbar, wie sie auch im so genannten Yin-Yang-Symbol offensichtlich ist: Jeder Prozess trägt bereits den Keim des anderen, ihn ablösenden in sich.


Für die Betrachtung von Krankheit und Gesundheit bezeichnet Yin rezeptive, strukturierende Prozesse, weshalb es manchmal mit „passiv“ gleich gesetzt wird, und Yang aktive, Impuls gebende und nach außen gerichtete Prozesse. Einfacher gesagt: Yin ist die Erde, Yang der Sonnenstrahl; Yin die Eizelle, weshalb es stark vereinfachend mit weiblich gleichgesetzt wird, und Yang die Samenzelle, weshalb es eben auch als männlich bezeichnet wird. Mit dieser grundlegenden Kategorisierung lassen sich alle Momentaufnahmen des Lebens - also auch alle menschlichen Befindlichkeiten und Erfahrungen - einordnen: Yang ist die Jugend, Yin das Alter, die aufbrausende Emotion ist Yang, das stille in sich Hineinschauen ist Yin usw.


Das Gesetz des Wandels

Am Ende des einen Prozesses steht der Übergang in den anderen: Wenn die Sonne oder das Leben eines Menschen ihren Zenit erreicht haben (maximales Yang) beginnt wieder die Hinwendung zum Abnehmen/zur Nacht (Anstieg des Yin) und umgekehrt. Der Mensch wird geboren im Yin, entwickelt Kraft und Bewegung (Yang) und kehrt zurück zum Yin (Ruhe und Weisheit). Noch anders gesagt: Wir stehen vor einer Aufgabe und müssen unsere Situation erkennen (Yin), eine Entscheidung treffen, ein Ziel formulieren, einen Weg einschlagen (Yang) und ankommen bzw. die Früchte unserer Taten ernten (Yin).
Wozu dient uns dieses Modell? Zuerst einmal dazu zu erkennen, dass nichts statisch ist, dass es nichts festzuhalten gibt. Als nächstes, dass es eine Gesetzmäßigkeit der Veränderung auch für unser Leben gibt. Und schließlich, dass es Kraft sparender und befriedigender sein kann, mit diesen Veränderungen zu gehen, als sich gegen sie zu sträuben. Die Umwandlung von einem Zustand (z. B. Regen) in den anderen (z. B. Sonnenschein) erschließt sich uns oft nur als abgeschlossene Veränderung: diese Form der Wahrnehmung hat Auswirkungen für unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Tatsächlich wird niemand von einem Tag auf den anderen krank, wenn er zuvor bei „vollkommener Gesundheit“ war.
Aus therapeutischer Sicht bedeutet dies, dass das Wissen um zwar noch nicht manifeste, aber im Moment bereits angelegte Erscheinungen einen anderen Handlungsbedarf erfordert als das Reagieren auf im Augenblick dominante Erscheinungen. Es besteht ein inhaltlicher Bezug zwischen dem Namen der Krankheit und ihrer Tendenz zur Veränderung, sprich Heilung. Im Chinesischen wird deshalb nicht von Krankheiten, sondern von Mustern gesprochen, das heißt mit der Benennung der Erkrankung wird auch etwas über den konstitutionellen Typ mitgeteilt. Ferner ergibt sich aus dem mit einer ausführlichen Diagnose erfassten Krankheitsmuster auch die Handlungsimplikation, z. B. einen Prozess, der zu mehr Yang führt, einzudämmen (etwa bei bestehendem hohen Fieber) oder einen Prozess zu mehr Yang zu fördern (z.B. bei phlegmatischen Erscheinungen).


Aus medizinischer Betrachtung sind mit Yin verbundene Krankeitsprozesse im Organismus solche der Auszehrung und des Verschleißes, wie z.B. sklerotische Erkrankungen: Die Körperenergien geraten ins Stocken, da dem Organismus Substanz (Yin) verloren geht, die wieder herzustellen nicht einfach und langwierig ist. Mit Yang verbundene Prozesse sind in der Regel die akuteren und gehen oft mit Entzündungsgeschehen einher. Bei allen Krankheitsverläufen gibt es Anzeichen für den Wandel: Bei einer Erschöpfung etwa wird das Immunsystem geschwächt sein (Mangel an Yin), woraufhin es erst zu Infektionen (überschießendes Yang) kommen kann. Bei Lust- und Antriebslosigkeit (Mangel an Yang) wird es nicht lange dauern, bis sich Stauungsphänomene wie Ödeme oder dumpfe ziehende Schmerzen (stagnierendes Yin) einstellen. Nach einer Entzündung oder akuten Schmerzen (Yang) folgt wieder ein Yin (Ruhe- und Regenerationsphase). Therapeutisch relevant ist die behutsame Kombination zwischen der Eindämmung des akuten Geschehens und der Stärkung bei gleichzeitigem Mangelzustand.


Das Konzept von Qi

Die jedem Organismus zur Verfügung stehende Energie/Selbstheilungskraft wird als Qi bezeichnet. Das harmonische Zusammenspiel von Yin und Yang kreiert eine dritte Kraft, das gesunde Qi (zheng qi). Ein unharmonisches Zusammenspiel kreiert ein pathogenes Qi (xie qi). Das gesunde Qi zirkuliert in den Meridianen und wird in den inneren Organen gespeichert. An den Akupunkturpunkten dringt es an die Oberfläche und steht so im Austausch mit dem kosmischen Qi. Bei schleichend degenerativen Erkrankungen spricht man von Qi-Mangel. Bei obstruktiven Prozessen spricht man von Qi-Stauung. Qi zu tonisieren und wieder in Bewegung zu bringen, ist eine der Hauptaufgaben der Chinesischen Medizin. Alle Akupunkturpunkte lassen sich für ihre therapeutische Wirksamkeit in Yin-, Yang- und Qi-stärkend unterteilen. Um Yang-qi zu stärken, bedarf es anregender Stimuli wie scharfe Gewürze, aromatische Tees etc. Um Yin-qi zu stärken, bedarf es regenerierender Maßnahmen, wie z.B. Ruhe und Schlaf und ausgewogene Diät. Eine vorbeugende Stärkung und Harmonisierung von Yang-qi und Yin-qi kennt man auch aus den Übungen des Qi gong und des Tai ji quan.


Das Bemühen der chinesischen Philosophie wie der Medizin ist es, diese Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, zu beschreiben und in therapeutische Handlungen umzusetzen. Das bedeutet, von der sehr subjektiven Prognose der einzelnen Betrachtung zu der objektiven Beurteilung einer Situation zu gelangen. In diesem empirischen Sinne ist auch die Chinesische Medizin eine exakte Wissenschaft. Die Behandlungslogik sowohl der Akupunktur und Akupressur als auch der Pharmakologie und Diätetik ist streng nachvollziehbar. Sie begründet sich in einer allen diesen Therapieformen gemeinsamen sehr genauen Diagnostik. Das heißt auch, dass Menschen mit derselben Krankheit nicht gleich behandelt werden, sondern dass jeder Mensch komplett erfasst wird, mit seinen gegenwärtigen Symptomen und mit seiner konstitutionellen Herkunft, der Verbindung zwischen der Form und der Wurzel der Erkrankung. In diesem Sinne ausgeschöpft wird die Chinesische Medizin immer auch eine Ganzheitsbehandlung bleiben.
Reimund Grewe ist Sinologe, Doktor der Akupunktur (O.M.D., China) und Heilpraktiker. Er hat mehrere Jahre im chinesischen Sprachraum gelebt, studiert und gearbeitet. Heute ist er im gemeinnützigen Gesundheitszentrum WEG DER MITTE in Berlin und Gerode als Leiter der Abteilung Östliche Heilweisen, der Naturheilpraxis im Kloster Gerode sowie der Heilpraktiker-Ausbildung tätig.



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