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Ausgabe November/Dezember 2012
Buchauszug aus Osho: Das Buch der Geheimnisse

Das Vigyan Bhairav Tantra ist eine alte tantrische Schrift, die der indischen Mythologie zufolge von Gott Shiva der Welt überbracht wurde. Sie enthält nicht weniger als 112 Meditationstechniken. Diese bilden die Grundlage aller Meditationstechniken überha

Über das Schauen
„Für das Kind ist das Essen das Grundbedürfnis. Aber sollte einmal ein Kind zur Welt kommen, das selbstgenügsam wäre, das keine Nahrung brauchte, keinerlei äußere Hilfe, um zu überleben, würde es die Welt völlig links liegen lassen. Oder seid ihr anderer Meinung? Es wäre kein Bedürfnis da. Und ohne ein Bedürfnis setzt sich die Energie nie in Bewegung. Wir gehen nicht nach außen, weil wir Sünder sind; wir gehen nach außen, weil wir Bedürfnisse haben, die sich nur durch Objekte befriedigen lassen – Objekte, die nur erlangt werden können, indem wir uns in die Welt der Objekte hineinbegeben.
Warum geht ihr nicht nach innen? Weil ihr noch nicht das Bedürfnis geweckt habt, nach innen zu gehen. Wenn das Bedürfnis erste einmal da ist, dann könnt ihr genauso leicht nach innen gehen wie nach außen. Was für ein Bedürfnis ist das?

Dieses Bedürfnis hat mit Religion zu tun. Ihr könnt nicht religiös sein, es sei denn, dieses Besürfnis ist da. Wie wird dieses Bedürfnis geweckt? Durch welchen Vorgang wird man sich eines tiefen Bedürfnisses bewusst, das dir hilft, nach innen zu gehen?
Da ist zuerst der Tod. Denkt daran: Alle Lebensbedürfnisse zwingen euch, nach außen zu gehen. Wenn ihr nach innen gehen wollt, muss der Tod zu einer Grundsorge werden. Darum geschah es, dass sich ein Mensch wie Buddha, als er sich zutiefst des Todes bewusst wurde, nach innen kehrte. Erst wenn man sich des Todes bewusst wird, entwickelt man das Bedürfnis rückwärtszuschauen.
Das Leben schaut nach vorn. Solange man sich nicht des Todes bewusst wird, ist Religion bedeutungslos für euch. Darum haben Tiere keine Religion. Sie sind lebendig – so lebendig wie der Mensch, wenn nicht gar mehr. Aber sie können sich nicht des Todes bewusst sein, sie können sich den Tod nicht vorstellen, sie können den Tod nicht auf sich zukommen sehen. Sie sehen zwar, wie andere sterben, aber es kommt keinem Tier in den Sinn, dass dieser Tod auch ein Hinweis auf seinen eigenen Tod ist.
Für den Tierhorizont stößt der Tod immer nur anderen zu. Und solange für dich der Tod lediglich etwas ist, was nur anderen zustößt, lebst auch du noch mit dem Tierhorizont. Wenn du dir nicht des Todes bewusst bist, bist du noch nicht Mensch geworden. Das ist der Grundunterschied zwischen Tier und Mensch: dass Tiere nichts vom Tod wissen können; das kann nur der Mensch. Wenn du dir nicht des Todes bewusst bist, dann bist du noch nicht Mensch. Nur der Mensch entwickelt das Bedürfnis, nach innen zu gehen.

Für mich heißt Menschsein Todesbewusstsein. Damit sage ich nicht, ihr solltet Angst vor dem Tod haben. Da ist nicht Bewusstheit. Macht euch lediglich die Tatsache bewusst, dass der Tod immer näher rückt und ihr darauf vorbereitet sein müsst.
Das Leben hat seine eigenen Bedürfnisse, der Tod erzeugt seine eigenen Bedürfnisse. Aus diesem Grund sind jüngere Gesellschaften unreligiös – weil jüngere Gesellschaften sich des Phänomens Tod noch nicht bewusst sind; es ist für sie noch kein dringliches Problem geworden. Eine ältere Gesellschaft, z.B. Indien, eine der ältesten Gesellschaften überhaupt, ist allzu todesbewusst. Wegen dieser Bewusstheit ist Indien tief im Inneren religiös.
Das Erste also: Macht euch den Tod bewusst. Denkt über ihn nach, schaut ihn an, versenkt euch hinein. Habt keine Angst, lauft nicht vor der Tatsache davon. Er ist da, und ihr könnt ihm nicht entrinnen. Er ist zugleich mit euch in die Existenz getreten.“


Osho: Das Buch der Geheimnisse – 112 Meditations-Techniken zur Entdeckung der inneren Wahrheit, arkana, München, 2. Auflage 2012, 1414 Seiten, 29,95 Euro


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