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Ausgabe November/Dezember 2012
Bin ich ein Drachenkämpfer? Andreas Krüger im Gespräch über die Frage, warum wir die Erinnerungen aus vorherigen Leben vergessen.


Haidrun Schäfer: Sie gehen davon aus, dass wir alle schon viele Erfahrungen in vorherigen Leben gemacht haben.
Andreas Krüger: Ich möchte mit einem Satz beginnen – wie so oft – frei nach Rudolf Steiner: „Die vornehmste Aufgabe, die wir als Menschen haben, ist die Rückerinnerung an unsere vorherigen Erdenleben.“ Ich möchte hinzufügen: „Die vornehmste Aufgabe, die wir Therapeuten und Lehrer haben, ist Menschen daran zu erinnern, was sie in vorherigen Erdenleben alles schon gewesen sind, bzw. gekonnt haben oder welche Erfahrungen sie gemacht und welche Kompetenzen sie erworben haben und aus welchen Gründen sie dies alles vergessen haben.“
Seit ein paar Jahren beginne ich meine Ausbildungen – egal ob als Heilpraktiker oder Schamane oder Ikonen der Seele – immer mit dem Satz, dass ich mich nicht primär als Lehrer sehe, der seinen Schülern etwas beibringt, was sie nicht können, sondern der sie daran erinnert, was sie sowieso schon wissen. Zu diesem Thema hatte ich einmal eine Trance zur magischen Visitenkarte. Die Reise führte zu einer Art Hogwarts-Straße – also dorthin, wo die ganzen Magier wohnen – und dort gab es einen magischen Visitenkarten-Druckladen, in dem man persönlich eine magische Visitenkarte bekommen konnte, auf der stand, was man in der magischen Welt wirklich ist. Und meine erste Berufsbezeichnung war Erinnerer. Die zweite war Wunderer und Narr. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder, der in einem meiner Kurse sitzt, alles über das Heilen oder den Schamanismus weiß – sonst würde er da nicht sitzen. Clemens Kuby hat ja mal in einem Vortrag gesagt, dass wir sämtliche Heilerschulen eigentlich schließen könnten, weil wir eh schon alles wissen. Es geht also nicht ums Lernen, sondern um das Erinnern. Und deshalb ist ein guter Lehrer der, der nicht meint, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben, sondern der, der sein Können einsetzt, damit die Schüler sich erinnern.

Aber warum ist das so kompliziert? Warum vergessen wir überhaupt?
Auch darauf hat Clemens Kuby eine Antwort. Er sagt, dass fast alle von denen, die auf dem Gebiet der Magie oder der Heilung mal unterwegs waren, leider – und besonders in den letzten 5.000 Jahren, seitdem es Patriarchate und Buchreligionen gibt – mit diesem Wissen verdammt schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich weiß nicht, wie oft man mich in vorherigen Leben verfolgt hat, aber meine Seele hat das Erlebte auf jeden Fall als Gefahr gespeichert. So wie bei einer Frau, die Schändung erlebt hat, ein Automatismus von Verdrängungsmechanismen einsetzt, weil der Schmerz der Schändung so gewaltig wäre, dass die Seele daran zerbrechen würde, so vergisst die Seele diese Dinge, um zu überleben und um weiterzuziehen und nicht durch das Erinnern in dem Geschehen gefangen zu sein.

Und wie machen Sie das, dass die Menschen sich erinnern?
Ich erzähle von schamanischen Techniken, von Bilsenkraut und Hexenkraut, von matriarchalen Gesellschaften und dann kommen oft über Träume der Teilnehmer die Erfahrungen aus früheren Leben ans Licht. Dank der Homöopathie und Seelenrückführungen und schamanischen Heilaufstellungen kann der alte Schmerz geheilt werden und dann wird der Weg frei zu dem Wissen uralter Heilerkompetenzen.

Aber das ist jetzt speziell auf Ihren Heilerkreis bezogen.
Ich denke, dass es in anderen Kreisen oder anderen Sozialisationen ähnliche Gründe von Vergessen gibt, um sich in dieser patriarchal-kapitalistischen Welt zurecht finden zu können. Wir alle haben die Erinnerung aus anderen Zeiten. Das Vergessen früherer Erdenleben – und das kann man am besten mit Missbrauchserfahrungen vergleichen – ist ein Versuch der Seele, uns vor Schmerz zu schützen. Leider damit auch vor Erinnerungen an Ressourcen – weil die uns ja oft den Schmerz bereitet haben. Und der „vornehmste“ Heiler hilft zu erinnern und hilft im Erinnern, die Traumen zu lokalisieren, sie aufzulösen, Seelenanteile zurückzuholen und dann denjenigen zu unterstützen, in seine ureigenste Kraft und Kompetenz zu finden.

Was ist mit Frau Meier, die keine Heilerin, sondern Arzthelferin ist und ein ganz zufriedenes Leben mit Mann und Kind führt. Warum erinnert sie sich nicht?
Ich glaube, dass wir uns als Kinder an ganz viel erinnern. Wir kommen mit vielen Erinnerungen auf diese Welt, die wir dann in Form von Märchenspielen oder Rollenspielen verarbeiten. Viele Kinder sehen noch Elfen und leben ihre Hellsichtigkeit. Nicht umsonst leben sie spielerisch in magischen Märchen- oder Science-fiction-Welten, zu denen Erwachsene wenig Zugang haben. Die sagen ihnen dann eher, dass alles Quatsch ist: Du bist kein Drachenkämpfer und du kannst nicht zaubern und es gibt keine Toten, die du sehen kannst.

Das ist ja quasi wie ein zweites Vergessen.
Also erst einmal gibt es das Vergessen als Versuch, nicht zu retraumatisieren. Und dann gibt es die Menschen, die vielleicht sogar viele schöne Erinnerungen aus anderen Leben mitbringen, die aber von dieser Gesellschaft ins Vergessen getrieben werden. Es wäre mal interessant zu untersuchen, ob bei Kindern, die an einer freien Schule lernen – also einer Schule, die Kindern persönlichen Freiraum gewährt – mehr Erinnerungen vorhanden bleiben als bei anderen. In schamanischen Gesellschaften ist dieses Wissen etwas ganz Normales. Oder denken wir an die Tibeter: Jeder Rinpoche erinnert sich an das Wissen, das er aus früheren Leben mitbringt. Oder wie der Dalai Lama ausgewählt wird: Das Staatsorakel hat zwar eine Vision, aber dann gehen die Mönche in das Haus, wo der mögliche Dalai Lama lebt und legen ihm 17 Gebetsfahnen vor, wovon eine die des Dalai Lama ist und das Kind wählt diese Fahne. Wir erinnern also. Es ist keine Gottgegebenheit, dass wir alles vergessen. Aber wir werden in dieser Gesellschaftsform ausgelacht, wenn wir uns daran erinnern, dass wir der große Drachenkämpfer vom Sternbild Alderan sind. Und dann hören wir auf. Ich bin sicher: Eine Welt der Zukunft, in der die Menschen wirklich ihre Bestimmung leben, wird eine Welt von Hellsichtigen und von Magiern sein, für die das völlig selbstverständlich ist, diese Ströme zu sehen.

Ich glaube, wir sind auf dem besten Weg.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst

Buchtipp:
Manfred Kyber: Die drei Lichter der kleinen Veronika, Heyne Verlag


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