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Ausgabe November/Dezember 2012
Der Geist, die Geister und die Transzendenz, Wolf Schneider



Mit dem Geist ist das so eine Sache, speziell für uns Deutsche. Die Angelsachsen tun sich da leichter, sie unterscheiden, wie auch die auf Latein basierenden romanischen Sprachen, zwischen spirit und mind (lat. mens). Aber auch dann, wenn wir, wie in der spirituellen Szene üblich, den spirit ganz toll finden und den mind ganz schlimm, bleibt ein Problem übrig: Es gibt ja alle Arten von Spirits (Geister), in den islamischen Kulturen Dschinn genannt, in den indisch-stämmigen Kulturen Devas. Denn die sind mal himmlisch, wie die Devas in Indien, mal eher teuflisch, wie Devas in Persien (dort auch divs oder deavas genannt; alle diese Worte haben dieselbe Wurzel wie devil).
Diese Spaltung zeigt sich auch in unserer Gesellschaft. Wer hier Geister hört oder sieht oder sonstwie ihre Botschaften empfängt, ist für einen normal schulmedizinisch ausgebildeten Psychiater ein klarer Fall – ein Problemfall. Für die meisten der sich spirituell nennenden Menschen aber ist die Fähigkeit, von Geistern Botschaften empfangen zu können ein Zeichen von Medialität und wird sehr geschätzt. Was ein bisschen leichtsinnig ist, denn man weiß ja nicht, ob die auf diese Weise empfangenen Botschaften was taugen oder ob diese Geister vielleicht Kobolde sind, die sich über uns belustigen, oder Gespenster oder gar Dämonen, die uns Botschaften einflüstern, die wir lieber nicht befolgen sollten.

Diesseits und jenseits von Gut und Böse
Hier zeigt sich wieder das Problem der Spiris, die größtenteils glauben, durch das Eröffnen einer jenseitigen, andersweltlichen Wahrnehmungsquelle bereits alle ethischen Fragen und Probleme überwunden zu haben. Hierzu wird dann gerne Rumi zitiert: „Jenseits von Gut und Böse, dort treffen wir uns“. Ja, prima, dort treff ich euch gerne! Aber damit habe ich noch keine der ethischen Fragen beantwortet: Was tun? Was essen wir heute? Wie beenden wir die Kriege? Mit welchen Menschen möchte ich befreundet sein? Das alles müssen wir nämlich diesseits von Gut und Böse beantworten. Andernfalls Gnade uns und Ade Spritualität.
Zudem liegt der Entscheidung für das Jenseits („Dort treffen wir uns“) bereits eine Bewertung zugrunde, die man doch so gerne meiden wollte. Das Ego ist schlecht, alles jenseits des Ego ist gut – das ist eine klare Bewertung. Und die führt dazu, dass Menschen, die imstande sind zu channeln, also Botschaften von einer Persönlichkeit jenseits ihres eigenen Ego zu empfangen, generell bewundert werden, egal welche jenseitigen Persönlichkeiten sie auf diese Weise empfangen und ob diese mehr Weisheit drauf haben als das Alltagsego des Channelingmediums. Manchmal haben sie das ja!
Gratuliere, Glück gehabt. Aber es gibt auch andere Fälle, die Psychiater wissen davon einiges zu erzählen.

Mediale Partnerwahl
Auch bei der Partnerwahl spielt unser Verständnis von Geist, Spirit und Medialität eine große Rolle. Neulich sah ich wieder mal einen Film über eine der Massenhochzeiten des koreanischen Gurus Sun Myung Moon (er ist kürzlich im Alter von 92 gestorben, sein Sohn ist nun der Nachfolger), der seine Schüler miteinander verheiratet – er bestimmt, wer zu wem passt, und zwar bei Tausenden, er hat ja so viele Jünger. Wenn zwei frisch Verliebte hierzulande zu einem Medium gehen und fragen „Sind wir füreinander die Richtigen?“ holen sie sich damit zwar einen individuelleren Rat, aber in der Hinsicht ist es dasselbe: Man glaubt, ein anderer, medial begabterer Mensch, könne besser sehen, wer zu mir passt als ich selbst. Mein eigenes Herz ist dafür nicht gut genug, nicht medial genug, nicht offen genug oder es entscheidet zu egoistisch.
Eine Orakel-Technik wie das Legen von Tarot-Karten ist verglichen damit etwas weniger autoritätsgläubig. Da legt man Karten, um – jungianisch gesprochen – das eigene Unbewusste anzuzapfen und von dort Botschaften zu erhalten, ob der Mensch, in den ich mich da gerade verliebt habe, wirklich der für mich bestimmte Traumpartner ist.

Schicksal
„Für mich bestimmt“? Ich bin nicht schicksalsgläubig. Ich glaube eher, dass es hauptsächlich bei mir liegt, bei meinem Umgang mit einer Chance, was ich daraus mache. Die meisten der Selbsterkenntnismethoden unterstützen solch einen Ansatz und betonen, dass vor allem du selbst es bist, der entscheidet, was du aus einer Partnerschaft machst, und sogar schon, wen du überhaupt triffst. Es gibt Umwelteinflüsse, es gibt auch Familiensystemisches und noch größere, ebenfalls stark wirkende Systeme, aber es liegt sehr viel beim Einzelnen, was er oder sie draus macht.
Kennen wir uns aus einem früheren Leben? Haben wir da vielleicht jetzt noch was aufzuarbeiten, was damals ungelöst blieb? Abgesehen davon, dass das eine prima Anbaggermethode ist, taugt die Sache mit den früheren Leben nicht viel. Ja, es gibt karmische Kräfte. Damit meine ich jetzt Ursachen, die über meine genetische Ausstattung und meine biografische Konditionierung in diesem einen Leben hinausgehen. Die zu erfassen aber ist nicht leicht. Träume und Eingebungen davon, wer ich damals war, sind schon vom Stil und Inhalt her meist so kitschig, dass sie kaum wahrer sein können als ein Hollywoodfilm.

Intuition
Mir genügt der Begriff der Intuition für den Umgang mit dem, was jenseits des vordergründig rational Erfassbaren auf mich, meine Partnerschaften und meinen beruflichen Weg einwirkt. Zu oft schon sind Menschen, die sich als hellsichtig oder paranormal Begabte bezeichneten, auf mich zugekommen, um mir anzubieten, dass ich sie interviewen dürfe und sie bereit seien, für meine spirituelle Zeitschrift, von der sie schon so viel Gutes gehört hätten, exklusiv einen Text zu verfassen oder etwas für unsere Leser zu channeln – wenn ich mir dann ihre Webseite ansah, ihre Texte las oder ihnen persönlich begegnet bin, war mir klar: Nein danke, bitte nicht. Allenfalls eine Anzeige, sonst geht da nichts bei mir. Das war mir intuitiv völlig klar und zugleich auch rational (will sagen: Ich hatte auch benennbare Gründe dafür). Warum haben sie nicht schon vorher gemerkt, dass bei mir in der Hinsicht nichts zu machen war? Wenn sie hellsichtig wären, hätten sie doch schon vor ihrer Anfrage meine Antwort wissen müssen, und den Diesseitigeren unter ihnen hätte ein Blick auf meine Webseite genügt.

Geist versus Geister
Um mich den vielen nur schwer lösbaren Fragen nach dem Geist und den Geistern zu entziehen, habe ich mir eine Definition zurechtgelegt, die mir schon deshalb gut gefällt, weil sie sehr einfach ist: Geist (alias Spirit) ist die Fähigkeit, die Ebene zu wechseln. »Probleme kann man niemals auf der Ebene lösen, auf der sie entstanden sind«, soll Einstein gesagt haben. Also ab auf die nächste Ebene! Die Fähigkeit, das zu können, nenne ich Geist. Man könnte es auch Transzendenz nennen: die Fähigkeit, über etwas hinauszugehen, auf eine Meta-Ebene, und dann weiter, immer weiter: Gate, gate, paragate, prasamgate, bodhi svaha. Geister brauche ich dazu nicht. Mir genügt der Geist.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com


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