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Ausgabe September/Oktober 2012
Verbunden sein. Von Wolf Schneider

Wir sind nicht eines, sondern viele, aber so auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden, dass niemand allein bestehen kann.

Merkwürdig: Obwohl ich mich keineswegs nur in spirituellen Kreisen bewege, treffe ich zur Zeit keine Menschen mehr, die nicht spirituell unterwegs sind. Beim Zugfahren, beim Einkaufen, überall begegne ich bewegten Menschen, die aufbrechen, weil sie erschüttert sind. Weil unsere Welt in ihren Grundfesten erschüttert ist – das Geldsystem, das politische System, die religiösen und moralischen Autoritäten sowieso. Auf Nachfragen antworten sie mir, dass sie sich selbst nicht mehr als etwas Festes wahrnehmen und akzeptiert haben, dass sich alles bewegt. Einige von ihnen haben damit sogar tief Frieden geschlossen und eine Kontinuität des Staunens erlangt – ein Staunen, das sie die Wechselfälle und Widrigkeiten des Lebens hinnehmen lässt; nicht immer gleich mit Leichtigkeit, dann aber doch.
So verschwimmen die Grenzen zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen. Die da sagen „Ich glaube an nichts“ und die Gläubigen, sie sind nur oberflächlich verschieden. Spirituell zu sein, ist ein Brückenbegriff geworden. So unklar dieser Begriff auch ist, heute können sich damit auch immer mehr Menschen identifizieren, die keiner religiösen Gruppe angehören und die man normalerweise profan oder ungläubig nennen würde. Der Grund für diese Brückenbildung scheint mir das Wissen um die Verbundenheit von allem zu sein, das immer mehr Menschen erreicht, religiöse wie profane, gläubige wie ungläubige.

Wir sind eine Gemeinschaft – das Mikrobiom
Der Spiegel brachte das Thema im Juni, der Economist im August dann sogar als Titelthema: das Mikrobiom. Damit ist die Gesamtheit aller den Menschen besiedelnden Mikroorganismen gemeint. Grundlage der Berichte waren zwei Veröffentlichungen in Nature, dem neben Science weltweit führenden wissenschaftlichen Fachblatt. Dort präsentierte das Human Mikrobiome Project (HMP) nach fünf Jahren der Forschung von über 80 Forschungseinrichtungen in der ganzen Welt zum ersten Mal ein Zwischenergebnis, und eines, das es in sich hat. Das HMP hatte sich vorgenommen, die Vielfalt und das Ausmaß der im Menschen lebenden Bakterien zu erfassen und kommt nun zu Ergebnissen, die nicht nur Fachwissenschaftler staunen lassen, sondern die Identität von uns Menschen berühren. Wir sind nicht, was wir dachten – dieser aus etwa zehn Billionen Zellen bestehende Organismus, den Produkten unserer 23.000 Gene, sondern wir sind als Mensch jeweils ein Ökosystem, das auch die 100 Billionen Zellen seiner einzelligen Mitbewohner enthält, dieser mehrere tausend verschiedenen Bakterienarten, die aus deren mehreren Millionen Genen entstanden sind. Denn diese Bakterien sind keine Parasiten, sondern Symbionten: Sie leisten wertvolle Arbeit, vor allem im Darm, aber auch im Mundraum und auf der Haut und an vielen anderen Orten. Eine Arbeit, ohne die der Mensch nicht leben könnte – und sie nicht ohne den Menschen. Wir sind also kein aus Organen bestehender Organismus, sondern ein Superorganismus, der aus vielen Organismen besteht, die zusammenarbeiten. Anders gesagt: Jedes menschliche Individuum ist eigentlich ein Ökosystem, eine Gemeinschaft aus vielen Billionen Lebewesen, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind.

Nichts können wir allein
Bereits die Tatsache, dass wir einatmen und ausatmen, essen und kacken, hat unsere Identität als klar definierbarer Hautsack in Frage gestellt, ebenso wie die Tatsache, dass wir gezeugt wurden, gewachsen sind und eines Tages sterben werden. Und nun das! Wir sind nicht bloß die zehn Billionen Zellen, die aus den vom Humangenomprojekt (von 1990 bis 2003) gezählten 23.000 Genen entstanden sind, sondern eine Gemeinschaft von Lebewesen, von denen keines ohne die anderen weiterleben könnte! Wem die drei deva-duta (göttliche Boten) Alter, Krankheit und Tod, die Buddha damals seine spirituelle Suche beginnen ließen, noch nicht genügen, der hat nun nach den Weisheiten der Ökologie über unsere Allverbundenheit und denen der Psychoanalyse über das Unbewusste, das uns steuert, mit den Erkenntnissen des Mikrobiom-Projektes noch einen weiteren Schlag gegen das alte Ego zu verkraften. Dass wir nichts Festes sind, das war schon schlimm genug. Es kommt aber noch viel krasser: Wir sind nicht mal ein Individuum, ein aus diesen gefeierten 23.000 je individuell einzigartigen Genen entstandenes Einzelwesen von zehn Billionen Zellen, sondern eine Gemeinschaft. Wir sind verbunden mit anderen Menschen, das sowieso. Ebenso mit Pflanzen und Tieren (auch Veganer brauchen Regenwürmer im Kompost), die für unsere Ernährung und Atmung unerlässlich sind, und nun zeigt sich auch noch, dass wir nicht einmal allein verdauen können. Nichts können wir allein, gar nichts, das autonome Individuum ist ein Phantom unserer Träume, gespeist aus den Heldengeschichten der Kitschliteratur.

Verbunden sein
Dabei genügt es, den Atem zu beobachten und all die anderen Bewegungen im Alltag. Wie wir aufstehen und uns wieder hinsetzen, wie wir essen, kauen und schlucken und dann unseren Darm und die Blase entleeren. Wie wir sprechen und anderen zuhören und inmitten von alledem versuchen ein paar Ziele zu erreichen, die sich doch ständig ändern, sei es, weil wir nicht erreichen, was wir wollten, sei es, weil uns inzwischen was anderes einfällt. In unseren Gedanken und unserer Kommunikation sind wir eng mit der uns umgebenden Menschengesellschaft verbunden und durch die Atmung und den Stoffwechsel mit der uns umgebenden physischen Natur. Niemand kann allein bestehen, auch der Einsiedler nicht. Wie jedes andere Ding oder Lebewesen sind wir mit unserer Umgebung verbunden, und sogar innerhalb unserer Haut sind wir eine Gemeinschaft.
Wer dies verstanden hat, versteht auch, dass es keine Partikel gibt, kein Ego, kein Ding, nichts Separates. Der braucht nichts anderes mehr zu wissen über Religion und Spiritualität – keine Bibel mehr und keinen Koran, keine Veden und keinen Dhammapada, kein Channeling aufgestiegener Meister und keinen Mayakalender: Es genügt zu wissen, dass wir miteinander verbunden sind. Wir sind connected. Wir sind nicht eines, sondern viele, aber diese vielen sind so miteinander connected, dass man sie nicht trennen kann, ohne dass die einzelnen Teile, wenn es Lebewesen sind, sterben würden. Und für die Dinge gilt, dass sie nur in unserer Wahrnehmung Dinge sind, die wir mittels unseres differenzierenden Verstandes aus dem Ganzen herauslösen, um sie für unsere menschlichen Zwecke neu zu gruppieren. Nur durch die Brille unserer zweckorientierten Wahrnehmung sind sie einzelne Dinge; ohne diese Art der Wahrnehmung gleichen sie eher Wellen auf der Wasseroberfläche als Steinen im Flussbett. Und auch Steine können zu Sand zermalmt werden: unter dem Pflaster, der Strand.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com


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