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Ausgabe Juli/August 2012
Kunst für den Frieden. Interview mit Kazuaki Tanahashi

Pinselstriche zwischen Himmel und Erde
Friederike Boissevain sprach mit dem Kalligrafiemeister Kazuaki Tanahashi

Es gibt Menschen, die scheinen aus längst vergangenen Jahrhunderten zu uns gereist zu sein. Kazuaki Tanahashi ist einer von ihnen. Der Kalligrafiemeister, bildende Künstler, Übersetzer, Schriftsteller, Friedensaktivist und Dharma-Praktizierende zeigte sich im Gespräch mit Friederike Boissevain als wahrer Allround-Künstler.

F.B: Im Buddhismus nimmt die Praxis der Achtsamkeit eine zentrale Stellung ein. Wie sieht das bei dir aus?
Meine Kunst ist meine Achtsamkeitspraxis. Ich bin Kalligraf. Kalligrafie ist in Ostasien sehr bekannt, sie gilt als eine der höchsten Künste. In der Kalligrafie muss jede Linie mit einem hohen Maß an Konzentration und einem gleich hohen Maß an Entspannung gezogen werden. Das gleiche Prinzip wende ich auf meine Malerei an. Ich verwende oft selbst gebastelte Pinsel, die manchmal länger sind als ich. Damit erschaffe ich Bilder, die mit nur einem Pinselstrich gemalt werden. Dann habe ich den Zen-Kreis (Enso) weiterentwickelt, der normalerweise monochrom gemalt wird. Ich male ihn vielfarbig. Manchmal beschäftige ich mich auch mit Stillleben oder Landschaftsmalerei, also den mehr konventionellen Sparten.

Wie ist das Verhältnis zwischen deiner Kunst und deinem buddhistischen Engagement?
In der Meditation lernen wir, entspannt zu sein, unseren Kopf klar zu bekommen, konzentriert zu sein. Kalligrafie erfordert Meditation, sie stellt in Ostasien einen wichtigen Bestandteil buddhistischer Meditationspraxis dar. Die Präsenz des Künstlers und die Tiefe der Übung eines Meditierenden sind miteinander verschränkt. Kunst ist weit mehr als Technik und Ästhetik, sie ist auch Präsenz und Praxis desjenigen, der sie erschafft.
Dogen sagt: „Auf der großen Straße der Buddha-Ahnen gibt es immer unübertroffene Übung, fortwährend und anhaltend. Sie bildet den Kreis des Weges und ist niemals unterbrochen. Zwischen dem Streben nach Praxis, Erwachen und Nirwana gibt es keinen Zwischenraum; fortwährende Übung bildet den Kreis des Weges.“
Nach Dogens Worten stellt in der Meditation jeder Augenblick ein Erkennen, eine Verwirklichung dar: Streben nach Erwachen, Praxis des Erwachens, Erwachen, Nirwana sind für Dogen unteilbare Erfahrungen. Die Übung der Meditation ist auf gewisse Weise ähnlich wie das wiederholte Malen eines Kreises: Nichts ist perfekt, aber jeder Kreis, obschon verschieden, ist in sich vollkommen. Jeder Kreis ist Ausdruck der Vollkommenheit jedes Augenblicks. In der Kalligrafie ist das ähnlich: Jede Linie muss unter Einbeziehung des ganzen Lebens gezogen werden – sozusagen mit Himmel und Erde. Du malst vielleicht nur eine Linie, aber sie drückt dein gesamtes Leben aus.

In welchem Verhältnis steht deine Kunst zu deiner Friedensarbeit?
Ende der siebziger Jahre war der Schrecken der atomaren Bedrohung auch in San Francisco groß. Ich schloss mich daher einer Bewegung an, die sich zum Ziel gesetzt hatte, dem nuklearen Wettrüsten ein Ende zu bereiten, und schuf eine Bilderserie mit dem Titel „Beendet das Wettrüsten oder ...“. Zu Beginn des ersten Golfkriegs malte ich mit einem menschengroßen Pinsel eine Reihe von explosiven Bildern, ganz in Schwarz und Blutrot gehalten. Etwa 1992 gründeten der Maler Mayumi Oda und ich einen Verein namens „Plutoniumfreie Zukunft“, um gemeinsam mit anderen gegen Japans Plutoniumprogramm zu protestieren, das kostengünstige Elektrizität versprach. Wundersamerweise gelang es uns, mit überzeugender Sprache und bildnerischen Mitteln eines der ehrgeizigsten Regierungsprojekte zu stoppen. 1995 malte ich gemeinsam mit Kollegen der Amerikanischen Schule für japanische Kunst einen überdimensionalen vielfarbigen Kreis anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der Unterzeichnung der UN-Charta in San Francisco. „A World Without Armies“ wurde 1999 inspiriert durch die Vision von Rodrigo Carazo, einem früheren Präsidenten von Costa Rica. Costa Rica hat seit 1949 keine Armee mehr, seine Einwohner erfreuen sich eines guten Gesundheitssystems, kostenloser Schulbildung und eines hohen Grades an Zufriedenheit. Panama folgte 1994. Ich habe in dieses Projekt viel Zeit und Energie gesteckt und spende nach wie vor einen Teil der Einnahmen aus meinen Bildern dafür.

Was sagst du zur Atomkatastrophe in Fukushima?
Mein Herz ist bei allen, die ihr Leben dort ließen, die ihre Angehörige verloren haben, ihr Zuhause, ihre Arbeit und den Millionen von Menschen, die sich jetzt einer radioaktiver Verseuchung gegenüber sehen. Als Gründungsmitglied des Projektes „Plutoniumfreie Zukunft“ möchte ich meine Japanischen Mitbürgerinnen und Mitbürger auf das Kräftigste ermutigen, sich für eine Gesellschaft einzusetzen, die ausschließlich von sauberen, sicheren und erneuerbaren Energien abhängig ist.

Wie siehst du die buddhistischen Übenden im Westen?
Der japanische Buddhismus hat eine reiche Geschichte voller ernsthafter Übender – bis heute. Inzwischen ist sein Geist aber auch sehr institutionalisiert. Außerdem ist das Kernstück, die Meditation, vorwiegend der Priesterschaft vorbehalten. Im Westen hingegen gibt es eine stark von Laien getragene Übung, die auf Gleichberechtigung beruht und sehr umweltbewusst ist. Es besteht ein hohes Interesse an sozialer Veränderung. Ich besuche viele Zen-Zentren und empfinde die Atmosphäre meistens als erfrischend offen, rein und von erstaunlicher Vielfalt. Für einen Japaner sehr inspirierend!
Es ist schon erstaunlich, an Konferenzen teilzunehmen, auf denen Neurowissenschaftler über die biologischen Vorgänge während der Meditation referieren, oder zu beobachten, wie die von meinem langjährigen Freund Jon Kabat-Zinn gegründete „mindfulness-based stress reduction“ Einzug in Arbeitsplätze und Krankenhäuser hält. Bestimmt werden die Veränderungen, die der Dharma im Westen vollzieht, dabei helfen, den Buddhismus in Asien zu erhalten und zu revitalisieren.

Worin besteht die Rolle von Dharma-Übenden in einer Zeit der globalen Krise?
Ich bin tatsächlich der Meinung, dass wir uns in Richtung einer kollektiven Vernichtung bewegen: durch unseren Konsum, unsere schweren Nuklearwaffen, unsere Umweltverschmutzung. Natürlich kann ein Künstler sagen, er sei nur an der Kunst interessiert, genauso wie ein Dharma-Übender sagen kann, er sei nur am eigenen Erwachen interessiert. Das muss jedem Einzelnen überlassen bleiben. Ich glaube aber, wir benötigen auch Dharma-Übende, die sich engagieren und eine Inspiration für all jene darstellen, die leiden müssen. Wir brauchen Einzelne, die sich für den Frieden einsetzen – Frieden mit unseren Nachbarn, mit anderen Ländern, mit der Umwelt.
Du bist ein anerkannter Künstler. Für die meisten Menschen endet ihr künstlerischer Ausdruck mit der Schulzeit. Wie wichtig ist Kreativität für unser Leben?
Ob anerkannt oder nicht – jeder ist Künstler. Jeder macht etwas Schönes. Es kommt darauf an, dies zu sehen. Alles, was achtsam getan wird, ist Kunst. Singen, musizieren, tanzen, malen – das ist die eine Sache. Jeder aber kann einen Kreis malen oder eine Linie. Ich habe Freunde, die jeden Tag versuchen, eine Linie zu malen oder die ein bisschen Kalligrafie üben. Diese Dinge machen einfach so viel Freude.

Das Interview führte Friederike Boissevain. Sie arbeitet als Ärztin und Übersetzerin und hat 2010 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. Das Interwiew erschien in ausführlicherer Version in Buddhimus Aktuell 4/11. Weitere Infos unter: www.brushmind.net, www.tanahashi.de und www.wind-wolken-sangha.de



Kazuaki Tanahashi, 1933 in Japan geboren, erlernte dort traditionelle Kalligraphie und Malerei. Seit 1977 lebt und arbeitet er in den USA als Maler, Kalligraphiemeister, Schriftsteller, Friedens- und Umweltaktivist. Er hat mehr als 20 Bücher veröffentlicht. Sein letztes Buch ist die 2.500 Seiten umfassende englischsprachige Gesamtausgabe des japanischen Zen-Meisters und Begründers der Soto-Zen-Schule, Dogen Zenji (1200–1253): „Treasury of the True Dharma Eye: Zen Master Dogen’s Shobo Genzo“. Seit Ende der achtziger Jahre kommt er regelmäßig auch in die deutschsprachigen Länder – vornehmlich, um Kalligrafiekurse abzuhalten.

Buchtipp: Kazuaki Tanahashi & Friederike Boissevain, Hoher Himmel, Großer Wind - Leben, Gedichte und Kalligraphie des Zen-Meisters Ryokan, 208 Seiten, mit zahlreichen Kalligraphien, gebunden, € 19,90


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