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Ausgabe Mai/Juni 2012
Nützlich sein; Interview mit Ole Nydahl

Ole Nydahl war einer der ersten Westler, die Übertragungen des Buddhismus empfingen und als Lehrer nach Europa brachten. Er lehrt in der tibetischen Karma-Kagyü-Tradition und hat in den rund 40 Jahren seit seiner ersten Begegnung mit deren Oberhaupt, dem

Dirk Grosser: Ich denke, auch Buddha selbst war kein Softie, sondern im Grunde ein wirklicher Revolutionär. Wie er sich gegen die Sitten des Hinduismus seiner Zeit gestellt hat, erforderte sicherlich viel Kraft.
Ole Nydahl: Er war ein Krieger. Er entstammte nicht der Kaste der Brahmanen, der Priester, sondern der Kaste der Kshatriya, der Krieger, was bis heute gern vergessen wird. Bis zu seinem 29. Lebensjahr hat er sich in jeder Form der Kriegsführung, jeder damals bekannten Art zu kämpfen geübt. Und 500 Konkubinen soll er gehabt haben, was damals unter den indoeuropäischen Stämmen Nordindiens als Zeichen der Würde galt. Meist waren es wohl die Witwen gefallener Krieger, um die sich dann die Gemeinschaft kümmerte. Es heißt auch, dass Buddha alle seine Frauen zufrieden stellen konnte. Offensichtlich ging er früh ins Bett und nahm genügend Vitamine zu sich. ...

Kann man auf jeder Ebene erleuchtet werden?
Sehr schwierig, denn die Götter vergeuden ihre Zeit, ohne die Fehlvorstellung eines abgetrennten „Ich“ aufzulösen. Die beste Möglichkeit ist das menschliche Leben mit seinem Gemisch von anspornenden Bedingungen und Reizen.

Ich hatte bei meinem Hund oft das Gefühl, dass er schon erleuchtet wäre. Das mag bescheuert klingen, aber wenn ich ihn sah, wie er über eine Wiese rannte und sich freute, wusste ich immer, dass er völlig im Hier und Jetzt war.
Hunde haben sehr gute Eigenschaften und erscheinen oft im nächsten Leben als Zweibeiner. Erleuchtung ist aber ein Dauerzustand höchsten Glücks und heißt, tatsächlich zu wissen, was Frau Müller am anderen Ende der Stadt gerade kocht und was sie dabei denkt. Uferloses, bewusstes Einssein mit allem, das ist Erleuchtung. Und ich habe bislang nur einen Menschen wahrgenommen, der das wirklich war und konnte. Das war der 16. Karmapa. Er ließ Berufsfotografen mit schwarzen Filmen stehen, wenn er ungewollt fotografiert wurde, erschien als Buddhaform oder halb durchsichtig auf Bildern – alles auf den damaligen Polaroidfotos und vor der Zeit digitaler Bildbearbeitung. Er sagte uns in Colorado 1980 15 Monate vorher seinen Tod voraus und lud uns ein, unsere Freunde dazu in den Himalaya mitzunehmen. Nach seinem Tod schrumpfte er 45 Tage lang seinen unverwesten Körper in einem warmen Raum ohne Einbalsamierung auf einen halben Meter zusammen, bis er am 20. Dezember 1981 verbrannt wurde. ...

Du behauptest also von dir selbst nicht, dass du erleuchtet bist.
Nein, so etwas würde ich doch ständig erfahren. „Erleuchtet“ heißt auf dem Diamantweg „allwissend“. Ich denke aber tatsächlich, bescheiden wie ich nun einmal bin, dass ich einen nachahmenswerten, grundlegend glücklichen und befreiten Zustand erlangt habe. Ich fühle mich als ein Werkzeug, das anderen nützt. Meine größte Freude ist es, etwas dauerhaft Sinnvolles für sie zu tun, und ich erfahre mit, wenn plötzlich Licht in ihren Augen aufgeht und sie verstehen: „Ich brauche vor nichts Angst zu haben. Mein Geist ist Raum und dadurch unzerstörbar.“ ...

Was sind denn Merkmale erleuchteter Menschen?
Eine umfassende und alles durchdringende Heiterkeit, ganz von innen her, ist sehr bemerkenswert. Der Karmapa hatte immer Spaß, lachte ständig, machte ununterbrochen Witze. Er war ganz entspannt, ganz offen und immer für andere da.




Ole Nydahl: Nützlich sein,
Aurum, Bielefeld,
2011,164 Seiten, 17,95 Euro


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