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Ausgabe Mai/Juni 2012
Der innere Kompass; Kirsten Loesch

Über die Qual der Wahl auf dem Erlösungsmarkt

Es gibt drei Situationen, in denen Orientierung besonders schwer fällt. In großen Städten wimmelt es nur so von Straßen, Häusern und Menschen, da kann man sich schon einmal verirren, trotz Karte. In der Wildnis sieht man weit und breit keine Straßen, Häuser und Menschen, aber man findet sich deswegen nicht unbedingt besser zurecht, auch weil es für manche Erdflecken noch immer keine Karten gibt. Oder es verschlägt einen in eine wirkliche Extremsituation in der Antarktis, den Anden oder der Sahara – im Schnee- und Sandsturm sieht alles gleich aus und eine Orientierung wird ohne technische Hilfsmittel fast unmöglich. Der Weltmarkt der Spiritualität zeigt sich oftmals genauso vielfältig an Situationen wie diese Erde und die Wetterbedingungen.

Orientierungshilfe für spirituelle Überlebensfragen
Die Orientierung in den großen Städten der Spiritualität, wo viele Menschen verschiedene Erlösungsstraßen testen und die unterschiedlichsten Traditionen ihre Konsulate erbaut haben, kann schwer fallen. Auch, weil jedes Konsulat eine andere Empfehlung gibt, welche Art von Karte den „richtigen“ Weg zum „besten“ Ziel zeigt. In der spirituellen Wildnis, ganz auf sich selbst gestellt, kann sich Hilflosigkeit breit machen. Dann erwischt einen irgendwann vielleicht die Hitze oder Kälte der persönlichen Entwicklung und man findet sich im Schnee- oder Sandsturm wieder. Egal, ob man gerade durch die Stadt läuft, in der Wildnis sitzt oder an einer Tasse Kräutertee in einem der Konsulate nippt, alles sieht plötzlich gleich aus. Wie soll man sich da zurecht finden?
In allen weltlichen und spirituellen Überlebensfragen ist es schlau, jemanden dabei zu haben, der sich auskennt, also einen Guide oder einen Kompass. Der Vorteil von einem Guide ist, dass er inspiriert und Möglichkeiten ausfindig macht, auf die man selbst gar nicht gekommen wäre. Sein Nachteil ist: Er ist jemand anderer als man selbst. Der Kompass, der für die Welt der Spiritualität taugt, ist ein innerer Kompass und damit eben niemand anders als man selbst. Der Nachteil am inneren Kompass ist jedoch: Er kann in verschiedene Richtungen zeigen, man kann sich irren und niemand anderen dafür verantwortlich machen.

Die Himmelsrichtungen im Inneren
Die vier Himmelsrichtungen, auf die der Kompass in der inneren Welt zeigen kann, sind: Verstand, Herz, Bauch und Füße. Wirklich Füße? Ja, sie stehen für das, was man gewohnheitsmäßig tut. Man geht eben diesen oder jenen Weg, weil es der Weg ist, den man kennt. Auf die Füße ist der Kompass eingestellt, wenn man das Erziehungsprogramm seiner Kultur erfolgreich absolviert hat. Man läuft unbewusst mit den Wertevorstellungen und Zielen anderer durchs Leben. Die Füße stehen für eine Haupthimmelsrichtung auf dieser Erde, den Norden, der anhand des Erdmagnetfelds am einfachsten bestimmt werden kann. Wie sich der Zeiger eines Magnetkompass gemäß den Begebenheiten auf dieser Erde automatisch nach Norden ausrichtet, richtet sich der Mensch erst einmal gemäß den Begebenheiten in seinem Lebensumfeld aus.
Wenn man weiß, wo der Norden liegt, kennt man auch die zweite Haupthimmelsrichtung, den Süden. Sie steht für den Verstand, der den Füßen gegenüber im Kopf angesiedelt ist. Der Verstand rechtfertigt, was die Füße unbewusst tun oder er reflektiert darüber und wirft eine lieb gewonnene Gewohnheit zu Gunsten einer neuen Idee über den Haufen. Der Verstand hält den Kurs, oder ändert ihn. Norden und Süden sind schon alles, was man zur Orientierung auf dieser Erde benötigt, weil man die anderen Richtungen Westen und Osten daraus erschließen kann. Genauso kommt man mit Füßen und Kopf, der Gewohnheit und dem Verstand des inneren Kompasses gut durchs Leben, ohne andere Möglichkeiten genauer erkunden zu müssen. Nur, wenn man mit seinem Leben unzufrieden ist, reicht das nicht mehr aus und es stellt sich die Frage, was es noch mehr gibt.

Mit Bauch und Herz unterwegs
Da wäre einmal der Osten des inneren Kompasses: die Herzintuition. Ihm gegenüber liegt außerdem noch der Westen: das Bauchgefühl. Beide sind nicht leicht auseinander zu halten, weil man im Regelfall einer gewohnheits- und verstandesfixierten Erziehung nicht gelernt hat, mehr als einen flüchtigen Blick nach rechts und links zu werfen. Man beruft sich gerne auf das hilfreiche Bauchgefühl, wenn man nicht mehr weiß, wo es im Leben hingehen soll. Nur liegt der Bauch im inneren Kompass den Füßen sehr nahe. Das Bauchgefühl zieht einen auf einen neuen Weg, der passend erscheint, weil er unbewusst bereits bekannt ist. Es führt zur Neuauflage der Themen und Herausforderungen, die man aus der Vergangenheit noch verarbeiten muss. Das macht Sinn, weil man Interessantes findet, das einen beschäftigt und im Leben wieder voranbringt. Schließlich verweist der Bauch manchmal auch auf seinen zweiten Nachbarn im inneren Kompass, das Herz.
Die Herzintuition im Osten des inneren Kompasses zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf die für den modernen Menschen fremdartigsten Gebiete hinweist: Selbstlose Liebe und eine Verbindung zum Wissen des Universums. Es fühlt sich gut an, in diese Richtung zu gehen. Manchmal ist es verrückt, da es Bauchgefühl, Verstand und Gewohnheit herausfordert. Wahrscheinlich bemerkt man es nicht einmal, weil es einfach passiert und diese Richtung nur so auf authentische Weise eingeschlagen werden kann. Es scheint nicht möglich, sich für die Herzintuition entscheiden zu können. Sie ist da, wenn man sie am dringendsten braucht. Sie bleibt, wenn alles andere wegfällt.

Wie die innere Welt sich wandelt
Während man durch eine der vielen spirituellen Städte mit all ihren Straßen, Menschen und Konsulaten schlendert, sich durch die Wildnis schlägt, im spirituellen Schnee- oder Sandsturm in Deckung geht, hat man jemanden dabei, der sich auskennt: einen inneren Kompass, der die Orientierung erleichtert. Durch Beobachtung kann man erkennen, welche Richtung man eingeschlagen hat, ob man mit den Füßen, dem Verstand, dem Bauch oder dem Herzen unterwegs ist. Mehr kann man nicht wissen. Der Kompass zeigt nicht an, ob es der „richtige“ oder „wahre“ Weg ist, und wohin das führt. Das liegt daran, dass der spirituelle Weg so vielfältig ist, wie die Menschen, die sich auf ihm tummeln. Es gibt gar keine Karte, die für alle und jeden Gültigkeit haben könnte.
Trotzdem ist es ein magischer Prozess. Während der äußere Kompass nur anzeigt, wie die Begebenheiten auf dieser Erde und ihr Magnetfeld nun einmal unveränderlich sind, kann der genaue Blick auf den inneren Kompass das Magnetfeld und die Begebenheiten der inneren Welt verwandeln. Es fühlt sich plötzlich anders an, durchs Leben zu gehen, weil man andere Entscheidungen trifft und neue Situationen entstehen, die man vorher gar nicht für möglich gehalten hätte – und von denen am dicken Ende der Guide, der ein Stück weit so wunderbar inspiriert hat, selbst nichts wusste.




Die Autorin Kirsten Loesch hat sich als Laie in die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen eingearbeitet, um Antworten zu finden. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Medienwissenschaft arbeitete sie zunächst als Journalistin, dann als Publicity Managerin in der Filmbranche. Sie gab alle Sicherheiten und Ansprüche auf, um sich neu zu erden. Mehr unter: www.laechelndes-universum.de.

Buchtipp:Kirsten Loesch „Das Lächeln des Universums“,
256 Seiten, 16.95 €, Verlag J. Kamphausen


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