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Ausgabe März/April 2012
Zugang zu unseren Gefühlen, Von Wilfried Reuter


Um Mitgefühl zu entfalten, kannst du dir grundsätzliche Gemeinsamkeiten aller Menschen bewusst machen: Alle Menschen sind Alter, Krankheit und Tod unterworfen. Wir alle empfinden Angst vor Schmerz und Tod. Wir alle wünschen uns Sicherheit, Geborgenheit und ein erfülltes Leben und sehnen uns nach Nähe.
Versuche, deine Sehnsucht so häufig wie möglich zu spüren, und gib ihr Raum in dir. Sie ist ein wichtiger Zugang zum Mitgefühl mit dir selbst. Um ihn zu nutzen, braucht es einen Entschluss, der immer wieder erneuert werden muss. Wende dich dir selbst bewusst zu und sage dir: »Ich möchte mich um mich kümmern.«
Dein Körper kann dir dabei eine große Hilfe sein. Du kannst zum Beispiel beginnen, indem du deine Hand auf Herz oder Bauch legst. Ich selbst erlebe große Teile meines Tages mit meiner Hand auf meinem Bauch. Sie liegt dort fast immer - das ist ihr Platz. Wenn ich die Hand auf dem Bauch spüre, spüre ich auch alles andere besser.

Der erste Schritt zum Mitgefühl
Das Spüren beginnt mit dem Körper und kann sich von dort aus weiter vortasten zu den Emotionen. Ich spüre mich zärtlich, liebevoll. Der Bauch darf sein, wie er ist, auch wenn ich ihn vielleicht in anderen Momenten zu dick finde. Alles darf sein.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich im Bewusstsein mit einem persönlichen Wohlfühlort im Körper zu verbinden. Der Wohlfühlort ist ein Bereich deines Körpers, den du leicht und gerne spürst. Das kann in der Herzgegend sein oder im Bauch, in den Armen oder Beinen oder vielleicht in der Wirbelsäule. In schwierigen Situationen kannst du dich in deinem Wohlfühlort innerlich verankern. Das wird dich beruhigen und dir Sicherheit geben, so dass du besonnen handeln kannst.
Am besten machst du dich auf die Suche nach deinem Wohlfühlort, wenn es dir gut geht. So kannst du dich in Ruhe mit ihm vertraut machen und üben, mit ihm Verbindung aufzunehmen. In schwierigen Zeiten weißt du dann sofort, was du tun kannst.

Wahrgenommene Emotionen
Körper und Emotionen sind eng miteinander verbunden. Häufig zeigen sich bestimmte Emotionen schneller als körperliche Empfindungen denn als bewusst wahrgenommene Emotionen. Das Herz rast, die Hände sind kalt oder feucht, deine Schultern verspannen sich. Erst im nächsten Schritt erkennst du, dass ein unangenehmes Gefühl dahinter steckt. Versuche jetzt, es genauer zu spüren!
Auf diese Weise wirst du vertraut mit deinen Gefühlen. Um dich zu spüren, musst du dich verlangsamen. Nimm dir Zeit und gönne dir Pausen. Und dann versuch, dir deiner Gefühle bewusst zu werden und sie für einen Moment einfach mal so sein zu lassen, wie sie gerade sind. Du wirst sofort spüren, dass dir das gut tut.
So bist du mit der Zeit auch gewappnet, immer schwierigere Gefühle zuzulassen. Mitgefühl bedeutet, dem Dukkha nicht auszuweichen. Mitgefühl für dich selbst beginnt also damit, dass du nicht ausweichst, wenn es weh tut. Auch dazu musst du dich immer wieder aktiv entschließen: »Wenn es das nächste Mal weh tut, dann lasse ich es zu.«
Die Versuchung, auszuweichen, ist groß. Unsere schnell-lebige Zeit bietet uns viele Möglichkeiten, einfach zum nächsten Tagesordnungspunkt überzugehen oder uns abzulenken. Schon spürst du das Dukkha nicht mehr und glaubst, es sei weg. Das ist es natürlich nicht! Es ist nur nicht mehr offenkundig und strahlt stattdessen im Verborgenen seine negative Kraft aus. Unbemerkt vergiftet es deine Lebensfreude und deine Klarheit.
Die Aufgabe besteht also darin, nicht so schnell auf das Dukkha verzichten zu wollen. Diese Formulierung mag provozierend wirken: auf Dukkha nicht verzichten wollen. Ist es nicht natürlich, dass wir Leid so schnell wie möglich hinter uns lassen möchten? Darauf nicht verzichten wollen - ist das nicht Masochismus?
Nein, es ist das genaue Gegenteil. Es ist der Zugang zum Mitgefühl. Ich sage nicht: »Lasst uns das Dukkha verstärken oder willentlich herbeiführen.« Ich sage: »Nicht vorschnell auf das vorhandene Dukkha verzichten wollen.« Indem du es spürst, annimmst und verstehst, kannst du es verwandeln und hinter dir lassen. Das ist das Feuer der Alchimisten, das Feuer, in dem Schrott zu Gold wird.

Die Bedürfnisse hinter den Gefühlen
Je klarer du dich selbst wahrnehmen kannst, umso leichter wird Mitgefühl sich entfalten. Das liegt daran, dass Mitgefühl Teil deines tiefsten Wesens ist. Du musst es nicht lernen; es ist in dir bereits vorhanden. Zugang bekommst du über das bewusste Erspüren deiner Gefühle. Der nächste Schritt ist dann herauszufinden, welche Bedürfnisse sich hinter diesen Gefühlen verbergen. Denn hinter jedem Gefühl steht ein Bedürfnis.
Sich vom Gefühl zum Bedürfnis gewissermaßen durchzufragen - das ist ein Vorgehen, das der US-amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg in seinem Modell der Gewaltfreien Kommunikation formuliert hat (Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderbom:Junfermann 2007). Diese Methode ist eine große Hilfe, denn sie lässt Klarheit entstehen: »Da sind bestimmte Gefühle in mir, dahinter stecken bestimmte ungestillte Bedürfnisse.« Oder: »Da sind freudige Gefühle in mir, dahinter stecken bestimmte gestillte Bedürfnisse.«
Bist du dir im Klaren über die jeweils ungestillten Bedürfnisse, hast du die Wahl: Du kannst dich um ihre Erfülllung kümmern oder sie ruhen lassen. Du kannst aus dem Erleben deiner Bedürfnisse Wünsche formulieren. Auf die Erfüllung unerfüllter Bedürfnisse zu bestehen würde aber Mitgefühl blockieren und damit Schwierigkeiten vermehren. Viele Bedürfnisse müssen nicht erfüllt werden - aber alle wollen gehört werden.

Wenn du daraufbestehst, dass deine Bedürfnisse erfüllt werden, blockierst du Mitgefühl.

Im nächsten Schritt kannst du auch im Umgang mit anderen Menschen so vorgehen. Wie du handeln auch sie aufgrund bestimmter Bedürfnisse. Mit Einfühlung kannst du versuchen herauszufinden, welche Bedürfnisse sie sich dir gegenüber erfüllen wollten. Du kannst erkennen, was geschieht, wenn Menschen auf der Befriedigung ihrer Bedürfnisse beharren und wenn sie untaugliche Strategien wählen. Aber du behältst weiter die Gemeinsamkeiten im Blick, verwechselst den Menschen nicht mit seinen Handlungen und kannst mitfühlend statt wütend reagieren.
Manchmal werfen mir in meiner Arztpraxis Patientinnen vor, etwas falsch gemacht zu haben: Falsche Diagnose, falsche Therapie, zu spät gehandelt, zu früh gehandelt - da gibt es viele Möglichkeiten. Natürlich lassen mich Vorwürfe nicht unberührt. In solchen Momenten frage ich mich: »Was steckt hinter den Vorwürfen?« Vermutlich das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Das kann ich verstehen, und ich brauche meinerseits nicht abweisend zu reagieren, um mich zu schützen.
Genau so können wir mit uns selbst umgehen, wenn wir gerade mal wieder kein gutes Haar an uns lassen. Erinnere dich an dieses Vorgehen, wenn du das nächste Mal Wut empfindest oder Angst hast: »Was brauche ich? Was ist mein Bedürfnis?« Vielleicht Sicherheit, vielleicht Ehrlichkeit, vielleicht Nähe. »Und was ist mein Wunsch?« Schon bist du in Kontakt mit dir. Es bedeutet nicht automatisch, dass dir dein Wunsch erfüllt werden kann. Aber du erkennst jetzt, dass du die Wahl hast, ob und wie du reagieren willst. Auf diese Weise verlieren die Emotionen ihre Macht über dich, und du wirst nicht so schnell etwas tun, was du hinterher vielleicht bereuen würdest.

Einfühlung
Ohne Einfühlung in die Innenwelt werden die alten Muster in dir aktiv bleiben und neue Wege verstellen. Du wirst weiter deine Sicherheit in Aktivitäten suchen, versuchen Anerkennung für Leistung zu bekommen. Du wirst dann nicht erkennen können, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Die spirituelle Praxis ist wie eine Entdeckungsreise und zugleich ein schöpferischer Prozess: Ich entdecke, erforsche und gestalte.

Auszug aus: W. Reuter, Weck den Buddha, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags


Der Autor Dr. Wilfried Reuter praktiziert seit über 30 Jahren regelmäßig Meditation. Dr. Wilfried Reuter ist der spirituelle Leiter von Lotos-Vihara. Sein spirituelles Wissen fließt auch in seine Arbeit als Frauenarzt in Berlin-Kreuzberg ein. Zugleich bereichern seine beruflichen Erfahrungen die Tätigkeit als buddhistischer Lehrer.
www.Lotos-Vihara.de, Neue Blumenstr. 5, 10179 Berlin. Tel: 030 25762164, info@lotos-vihara.de: jeden Sonntag von 19:00 - 21:00 Meditation und Vortrag mit Dr. Wilfried Reuter. Einführung beim ersten Besuch: jeden Sonntag 18:00 - 19:00

Buchtipps:
Wilfried Reuter, Weck den Buddha in Dir, Wege zu innerer Stärke, 204 S., mit CD (geführte Meditationen), ISBN 978-3-942085-08-3, edition steinrich
Wilfried Reuter, Die Medizin des Buddha, Was Heilung bedeutet, 120 Seiten, ISBN 978-3-942085-20-5, edition steinrich
Wilfried Reuter, Zusammen aufwachen, Buddhistische Weisheit für glückliche Beziehungen, (mit CD/geleitete Meditationen), 192 S., erscheint im April, ISBN 978-3-942085-21-2, edition steinrich


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