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Ausgabe März/April 2012
Der Mensch als Heilmittel Gottes, Interview mit Andreas Krüger über Geschenk und Last der Emotionen


Haidrun Schäfer: Auf der einen Seite sind Emotionen ein Geschenk, weil sie uns lebendig machen und auf der anderen Seite fühlen sich viele Menschen ihren Gefühlen ausgeliefert und leiden darunter. Gibt es einen Weg aus diesem Zwiespalt?

Andreas Krüger: Wir sind, weil wir fühlen. Wir sind, weil wir lieben. Wir sind, weil wir hoffen. Und wir sind auch, weil wir leiden. Dies ist die reine Essenz unseres Menschseins. Und vielleicht ist es auch das, was uns als Menschen überhaupt bedeutungsvoll macht in dieser Schöpfung. Und wenn wir eine Schöpfungsinstanz irgendwo ansetzen – ob als Gott, Göttin oder schöpfendes Bewusstsein –, sind wir das deshalb, weil wir der Spiegel dieser schöpfenden Instanz sind. Als ich mich neulich wieder einmal in meinem Leben durch heftige Gefühle in eine schwierige Situation brachte, habe ich meinen Lehrer Salman Shadow gefragt: „Rabbi, du sagst, wir sollen lieben, lieben, lieben und ich versuche mich wirklich daran zu halten – aber immer wieder komme ich in Schwierigkeiten. WARUM? Und was hat Gott davon, dass wir mit all diesen Schmerzen und mit all diesen Hoffnungen lieben?“ Und Salman antwortet einfach nur: „Er will es, weil er davon lebt.“
Die Liebe, die Emotionen, der Schmerz, die Freude und die Ekstase des Menschen – all das ist förmlich die Nahrung dessen, was da schöpft – egal ob überpersönlich oder personifiziert. Das mindert nicht die Schmerzen, aber es könnte eine Form von Sinnhaftigkeit in alles hinein bringen. Denn wenn wir fühlen und wenn wir lieben, sind wir der Essenz unseres Menschseins am ähnlichsten. Man könnte auch sagen: Dann sind wir der tiefsten Bestimmung unseres Menschseins am nächsten. Der Mensch der Zukunft wird ein liebender und ein zärtlicher sein – oder er wird nicht sein. Einer unserer großen spirituellen Lehrer – Vywamus – hat einmal gesagt, dass es eine unserer Hauptaufgaben in diesem Jahr 2012 sei, unverleugnet Zärtlichkeit zu zünden. Damit meint er, dass diese Welt – dieses große Experiment Menschheit – das unverleugnete Zünden dieser Emotionen braucht, um zu überleben. Die Menschheit wird diese Emotionen unverleugnet zünden oder sie wird nicht sein.

Aber warum bereiten uns unsere Gefühle Schmerzen?

Ich behaupte als Avatäter und aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen, dass die Emotion der Liebe überhaupt nicht leidvoll ist. Es ist ihr eher fremd, leidvoll zu sein. Denn das, was ich im anderen liebe, ist – avatäterisch gedacht – immer das, was ich in seinem Spiegel sehe, was ich in mir nicht wahrnehme. Es ist das, was ich in ihm sehe und liebend eigentlich von mir durch die Spiegelung in ihm annehmen kann – und umgekehrt. Optimale Liebe, halbwegs leidlos und freudvoll, ist die Begegnung zweier geputzter Spiegel, in der sich die Wertschätzung, die man bei sich selbst einfach noch nicht wahrnehmen kann, im Spiegel des Gegenübers wahrnehmbar wird. Wenn man sich dessen bewusst wird, dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes im anderen immer nur selbst erkennt und der andere sich in seinem selbst, dann ist die Liebe der tiefste und existenziellste Weg zum „erkenne dich selbst“ und vielleicht auch der einzige.

Alles, was an einer Liebe Schmerz, Wollen oder Müssen ist, ist nichts anderes, als die tiefste Angst des Menschen, sich selbst und damit sein Licht zu erkennen.

Das bedeutet, wenn ich jemandem begegne, der mir diese Essenz eines für mich geschaffenen und präsentierten Spiegels bietet, dann ist das zum einen die größte Möglichkeit von Befreiung, Ekstase, Einswerden und Zündung aller Potenziale. Zum anderen werden auch alle Verleugnungsprogramme gestartet, die unser System hat, um diesen Schritt ins Licht einzeln und in der Gegenseitigkeit zu verhindern, denn das ist – nach Nelson Mandela – unsere größte Angst. Darum können wir sagen, umso klarer unsere Spiegel sind und umso größer das Licht ist, das wir im anderen erkennen, desto achtsamer müssen wir sein und desto geschulter müssen wir sein, um diese Verleugnungsprogramme früh genug zu erkennen und ihnen mit Techniken wie Homöopathie entgegenwirken zu können. Die Heilung des Menschen passiert immer nur durch den Menschen. Und da sich in uns der Gott wiederum selbst spiegelt, um sich zu heilen – der Mensch also als Heilmittel Gottes – ist es wohl etwas ganz Wichtiges, was wir hier leben. Dieses Lieben, dieses Sich-Erkennen und dieses Sich-Spiegeln ist tatsächlich eine Möglichkeit, die Welt zu retten und sie zu einer Einheit zurückzuführen.

Und wie?

Eine meiner liebsten Geschichten ist „das Gastmahl“ von Platon. Hier wird die Geschichte der Menschen erzählt, die einst von der Erdmutter Gaia geschöpft wurden als kugelige Doppelwesen mit vier Beinen, vier Armen, zwei Gesichtern und zwei Genitalien und am Rücken zusammengewachsen. Sie waren also nie alleine, sondern immer zusammen. Diese Wesen waren unendlich ekstatisch, glücklich und lebten in Harmonie und Einheit. Dieses Glücksgefühl drückten sie dadurch aus, indem sie Rad schlugen. Sie verbrachten ihr Leben damit, Rad zu schlagen. Als die Männergötter an die Macht kamen, missfiel Zeus diese glücklichen, vereinten und genügsamen Wesen und er schickte Apollon mit einem Messer los, um die Menschen voneinander zu trennen. Unsere Haut zog sich nach der Trennung zusammen und das sichtbare Zeichen dafür ist unser Nabel. Anschließend drehte Zeus unsere Köpfe so, dass wir immer auf unsere Trennung schauen. Das brach uns das Herz und wir rannten weinend durch die Welt, um unsere andere Hälfte zu finden. Und wenn wir sie dann trafen, umarmten wir uns, waren aber so traurig über die Trennung, dass wir starben. Und so starben die Menschen aus. Aber das war dem alten Zeus auch nicht Recht. Er wollte die Menschen zwar schwächen, aber nur, damit sie ihn verehren und nicht, damit sie sterben. Also schickte er Apollon noch einmal los und diesmal schnitt er den Menschen die Genitalien ab und brachte sie auf unserer vorderen Seite wieder an. Woraufhin wir wieder durch die Welt rannten und uns suchten und wenn wir uns fanden, über unsere Genitalität wenigstens kurzfristig die Möglichkeit dieser Einheit zu erleben. Das ist unser status präsens. Wir sind immer noch getrennt, wir leiden unendlich unter dieser Trennung, wir suchen immer noch diese fehlende Hälfte – manche behaupten, es gibt tatsächlich nur eine, aber ich weiß es nicht – und wenn wir sie gefunden haben, dann haben wir dank der Sexualität die Möglichkeit, das Gefühl der Trennung kurzfristig zu überwinden. Um auf die Eingangsfrage zurück zu kommen: Wir müssen fühlen und wir müssen lieben – sonst sterben wir!

Der Autor Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule (SHS) in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst

mehr Info: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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