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Ausgabe Januar/Februar 2012
Mitgefühl - Die tiefe Kraft der Heilung: von Falk-Björn Kuhfuhs

Mitgefühl ist eine wundersame Kraft. Sie ist in unserer christlichen, abendländischen Welt ganz sanft, fast unbemerkt eingekehrt.

In den deutschen Übersetzungen der buddhistischen Literatur in den 30er und später in den 50er Jahren wurde sie im christlichen Kontext als Mitleid übersetzt.

So wie bei allen spirituellen kulturellen Importen wurde auch das Mitgefühl erst mal so verstanden, wie es unsere Kultur gewohnt war zu verstehen. Es wurde als eine asiatische Form des Leiden Christi aufgefasst. Dabei geht es um etwas ganz anderes.

Die Basis von Mitgefühl ist Herzenswärme und innerer Reichtum
Mitgefühl ist, technisch gesehen, eins der Hauptmittel zur Überwindung von Leiden. Genauso wie der gesamte Buddhismus, wenn wir ihn in seiner essenziellen Form betrachten, vor allem eins ist: Ein klarer und scharf gezeichneter Weg, aus unseren Leiden und Verstrickungen auszusteigen. Wir könnten ihn auch als höchst menschliche Form eines Befreiungspragmatismus bezeichnen.

Mitgefühl ist, spirituell gesehen, etwas ganz anderes, als sich in die Wunde Christi zu legen. Es basierte vor allen darauf, dass es dir gut geht. Dass dir sogar sehr, sehr gut geht und dass du aus diesem Reichtum deines Herzens handelst. Es basiert darauf, dass du fest in der Liebe bist und aus dieser Haltung der Welt auf ihr Leiden antwortest.

Hört sich schön an, wirst du jetzt sagen, aber wie kommt ich in diesen Zustand. Ich würde sagen, du bekommst Ihn von jemand anderem angeboten, wie eine gute, warme Tasse Tee, die dir ein Freund gekocht hat. Ich habe viele Tassen Tee von meinem Lehrer gebraucht, bis ich gelernt habe, ihn selbst zuzubereiten.

Wie sich das Mitgefühl vom Meditationskissen in meine Praxis schlich
Bis vor ungefähr 4 Jahren waren lange buddhistische Meditationsretreats und meine Arbeit zwei getrennte Dinge in meinen Leben. In meiner Praxis benutzte ich meine therapeutischen Fähigkeiten sicher und gekonnt. In meiner Freizeit studierte ich Buddhismus und übte mich in tiefer Meditationspraxis des Vipassana Stils, in spiritueller Begleitung des Mönchs Bhante Sujiva.
Damals war meine therapeutische Überzeugung davon geprägt, dass je schwerer ein Fall ist, ich um so mehr tun muss, um meinen Klienten helfen zu können. Die Gleichung, die ich gelernt hatte war: Je schwieriger der Fall, um so kreativer, aufrüttelnder oder sanfter oder schlauer musste ich sein. Aber dann kamen Mitgefühl und Achtsamkeit auf leisen Sohlen in meine Praxis geschlichen und zwangen mich dazu, meinen ganzen Arbeitsstil zu reformieren.

Ich sage: Zwang – denn ich kenne keinen Therapeuten, und damit meine ich vor allen mich selbst, der auch nur das kleinste Stück seines tollen, therapeutischen Egos freiwillig wieder hergeben würde. Aber manchmal zwingt eine Krise nicht nur unsere Patienten in eine Situation, in der sie wirklich etwas lernen müssen, sondern auch uns als Therapeuten.

In meinen Fall geschah dieser Prozess über eine Klientin, die mit einem großen Glauben an mich ausgestattet war und unter extremen Angstzuständen litt. Wenn du so etwas mal ganz nah an dich heran gelassen hast, weißt du, wie schlimm Angst sein kann.
Nach vielen mehr oder weniger erfolglosen Sitzungen, Studien und Supervisionen zu diesem Thema, musste ich das Ende meiner therapeutischen Möglichkeiten eingestehen. Ich war mit allen meinen Fähigkeiten nicht in der Lage, ihr zu helfen.

So eröffnete ich ihr, dass ich nichts weiter für sie tun könne. Und da geschah etwas sehr Unerwartetes.
Ich hatte Meditation bis dahin immer alleine auf meinem Kissen oder Retreat praktiziert, aber jetzt geriet ich in der Gegenwart meiner Klienten in diesen Zustand der Leerheit. Ich kam in den Zustand, einfach weil mir nichts mehr einfiel, weil ich alles gegeben hatte, ohne irgendetwas bewegen zu können. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes hilflos und vollkommen leer.
Durch diese Öffnung wurde etwas möglich, das ich vorher noch nie so erlebt hatte. Ich konnte ihr Leiden, ihren Schmerz und ihre Ängste so intensiv miterleben, wie nie zuvor bei einer Klientin.

Ich geriet in das intensive Gefühl, mit ihr zusammen auf einer brechenden Eisdecke zu stehen. Ich hatte das Gefühl, mit ihr zusammen auf dieser innerpsychischen Eisdecke zu stehen, die Risse um Risse bekommt und Stück für Stück tiefer einbricht.

Ich konnte nichts für sie tun. Ich konnte einfach nur zuschauen, während das Eis unter uns weiter brach und sie voller Wucht ihre Panikattacke erlebte.
Es war ein zeitloser Moment von unglaublicher Intensität. Wir waren beide ähnlich überwältigt von der Situation. Wir waren beide nackt und hilflos, wie zwei Kinder, die nicht wissen, was sie tun sollen. Dann passierte noch etwas Seltsames.

Wir blieben verbunden in diesem Erleben und wir sprachen über unserer Erlebnisse, während sie zeitgleich stattfanden. Ich sprach über meine Unfähigkeit ihr helfen zu können, sie über ihre Panik.

Gleichzeitig war es das erst Mal, dass sie nicht allein in diesem Zustand war. Sie hatte über Jahre diese Panik immer in einer inneren Isolation erlebt. Jetzt hatte sie das erste Mal einen Besucher, der mit offenem Herzen an ihrer Katastrophe teilnahm, ohne sich davor durch therapeutische Techniken schützen zu können. Sie erlebte das erste Mal ihre Angst nicht in der Isolation, sondern in einer tiefen Verbundenheit.
Jetzt waren wir beide zusammen nackt und hilflos, Therapeut und Klientin.

In dieser zarten Berührung konnte etwas völlig Neuartiges geschehen. Ihre Panik begann zu schmelzen. Wie Eis in der Sonne. Sie wurde einfach weniger. Die Panik nahm an Intensität ab. Ihr erstarrtes Zwerchfell begann wieder ganz leicht und sanft zu atmen. Sie war endlich nicht mehr alleine. Sie wurde in ihrem Zustand von warmen Augen berührt und er begann zu tauen. Sie begann zu weinen und ich ehrlich gesagt auch. Sie hatte mich in ihren verkapselten Zustand hineingelassen und ich glaube heute, dass sie das nur konnte, weil ich endlich aufgehört hatte, von ihr etwas zu wollen. Ich hatte aufgehört, ihr helfen zu wollen.

Nicht Wissen und Leerheit sind das Tor zum Mitgefühl
Dieses war das erste Mal, dass ich den Zustand von Mitgefühl in der Therapie wirklich erlebte. Seitdem habe ich angefangen, dieses Phänomen bewusster in meine Arbeit zu integrieren.

Wenn ich heute über einen längeren Zeitraum mit meinem offensichtlichen Nichtkönnen konfrontiert werde, entspanne ich mich. Ich höre auf, irgendetwas zu wollen und beginne, meinen Klienten auf diese Art der Arbeit vorzubereiten. Wenn er zustimmt, sinke ich mit ihm zusammen ganz sanft Schicht um Schicht tiefer in das Zentrum seines Schmerzes oder Problems hinein. Ich achtet sehr sorgfältig darauf, das die Verbindung zwischen uns bestehen bleibt.

Da, wo therapeutische Technik nicht mehr helfen kann, da wirkt eine tiefere Kraft. Zu der finde ich aber nur dann einen Zugang, wenn ich mich in meiner ursprünglichen Form zeige und mein Nichtwissen und meine Nacktheit eingestehe. Anders ausgedrückt ist Nichtwissen und persönliche Nacktheit unser Tor zu der Kraft, die in buddhistischen Texten als Mitgefühl beschrieben wird.

Poetische ausgedrückt wird Mitgefühl erst dann zu der großen, Leiden auflösenden Kraft, wenn sich die Herzen zweier Menschen wirklich in klarer Nacktheit berühren.

Mitgefühl überwindet die Trennung von mir und dir
Das war der Beginn einer persönlichen und therapeutischen Entwicklung, in der ich immer mehr buddhistische Meditationstechniken, und vor allem auch Zustände, von der Isolation des Meditationskissens in den direkten Kontakt zu meinen Klienten gebracht habe. Denn das Interessante für mich ist, dass ich mit meinem Mitgefühl genauso isoliert auf meiner Matte gesessen habe, wie meine Klienten isoliert auf ihrem brechenden Eis stand. Erst in dem Augenblick der Verbindung wurden wir beide von unserer Einsamkeit erlöst.

Mitgefühl hat einen wunderbaren Geschmack!



Der Autor Falk-Björn Kuhfuhs ist niedergelassener Heilpraktiker für Systemische Psychotherapie & miasmatische Homöopathie.
www.systemische-strukturaufstellung.de


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