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Ausgabe November/Dezember 2011
Unsterblichkeit - eine Familiengeschichte von Dietmar Bittrich

Großonkel Joseph war nicht allein mein Erbonkel, sondern auch der Erbonkel zahlreicher anderer Mitglieder unserer spirituellen Familie. Wir machten ihm regelmäßig unsere Aufwartung.
Nach zwei missglückten Affären und einer kurz vor der Heirat gelösten Ve

Nach einer längst überholten Tradition ehrbarer Kaufleute hatte Joseph sein Leben lang an der Gewohnheit festgehalten, Arztkosten aus eigener Tasche zu begleichen. Versicherungen hielt er für Betrugskartelle. Nun, mit achtzig, würde keine Krankenkasse ihn mehr als Mitglied aufnehmen. Und müsste er in ein Pflegeheim ziehen, würden bei den unverschämten Tagessätzen seine Millionen in wenigen Jahren dahinschmelzen. Am Ende würden wir einen Brief vom Sozialamt erhalten und an seinem Unterhalt arm werden. Das mussten wir auf feinstoffliche Art verhindern.
An einem Sonntag im Oktober erwachte Joseph aus einem dumpfen Mittagsschlaf und glaubte, die Aura der Gegenstände und Zimmerpflanzen sehen zu können. Er berichtete von der vibrierenden Unschärfe aller Konturen, als meine Mutter sich am Abend telefonisch nach seinem Wohlergehen erkundigte. Seine Sprache war so verworren, dass sie kaum dahinter kam, was er meinte. Einer ängstlichen Eingebung folgend, flehte sie ihn an, die Füße hochzulegen, und fuhr zu ihm, um seine Bettruhe zu überwachen. Am nächsten Tag hatte er die gewöhnliche Sicht der Dinge wiedererlangt.
Zweieinhalb Monate später, beim Weihnachtsessen, beschuldigte er meine Mutter, die Gans mit verdorbenen Maronen gestopft zu haben, da sie ihm Lippen und Zunge betäubten. Wir, die ihm gegenüber saßen, wurden Zeuge, wie die rechte Hälfte seines Gesichts ins Rutschen kam. Es sah aus wie ein in Zeitlupe zusammenstürzendes Hochhaus: die Fassade scheint als Ganzes abwärts zu gleiten und wahrt im Absacken noch für einen würdigen Augenblick ihre Gestalt, bevor sie sich in Staub und Trümmern auflöst. Wir nötigten Joseph, sich auf die Couch zu legen. Doch auch dieser Anfall ging spurlos an ihm vorüber. Als sensitive Menschen wussten wir, dass es Zeit war zu handeln.

Als im Februar ein Regenschauer Bürgersteige und Straßen mit einer Eisschicht bedeckte, fiel uns ein, dass unser Großonkel sich viel zu selten die Beine vertrat.
„Es ist nicht gut, dass er immer drinnen hockt“, sagte meine Mutter. Reihum riefen wir ihn an, um ihn zu einem Spaziergang zu ermutigen. Schließlich raffte er sich tatsächlich auf.
Mit pochenden Herzen saßen wir in den folgenden Stunden neben dem Telefon. Keiner von uns war an diesem Tag ohne blaue Flecken oder verstauchte Handgelenke davongekommen. Auf den spiegelglatten Straßen waren scharenweise Menschen gestürzt und unter die Räder geraten. Nicht einmal die mit Ketten ausgerüsteten Krankenwagen konnten sich unfallfrei über die eisglasierten Flächen bewegen.
Nun warteten wir auf den erlösenden Anruf. Der kam gegen achtzehn Uhr. Onkel Joseph dankte uns für den guten Rat. Er sei nach einem wackeren Gang erquickt und froh heimgekehrt und fühle sich durch die frische Winterluft wohltuend gestärkt.
Zu Ostern spendierten wir Onkel Joseph ein Shampoo, damit er sein Geld nicht immer zu der jungen Friseurin trug, die sich ganz offensichtlich bei ihm einschmeichelte.
„Alte Menschen müssen aktiv bleiben“, sagte meine Mutter. „Es ist besser für ihn, wenn er seine Haare selber wäscht.“
Und damit es danach schnell wieder trocken würde, schenkten wir ihm obendrein noch einen Fön. Mein elektrisch versierter Vetter, auch als Deeksha-Geber erfolgreich, installierte eine neue Steckdose im Badezimmer und erklärte Onkel Joseph, dass man einen Fön am besten in der Badewanne benutzt, damit man es von allen Seiten schön warm hat. Unser Großonkel fand das überzeugend und hielt sich fortan daran. Es bekam ihm gut.
An einem schwülen Nachmittag Ende August durchfuhr Onkel Joseph der Blitz eines unsichtbaren Gewitters. Er saß im Lehnstuhl und hatte das Gefühl, auf einmal ans Polster genagelt zu werden. Der zweite Blitz ließ ihn nach hinten umkippen. So fand ihn meine Mutter am Ende eines Tages voll vergeblicher Anrufe.
In Bad Bevensen, einer deprimierenden Ballung von Krankenhäusern, Rehabilitationsstätten, Thermalbädern, Fastenkliniken und Seniorencafés erlebte unser Onkel fortan die unerbittliche Routine eines Pflegeheims. Sein Zimmer teilte er mit einem stumm dahindämmernden Herrn namens Marotzke.
„Statt dass er sich schon mal reinkarnieren kann, wird sein Leben dort in die Länge gezogen“, klagte meine Mutter. „Und das auf seine eigenen Kosten! Noch hat er Geld …“
Im Wahn, er könne nach ein paar Wochen der Rehabilitation das Heim wieder verlassen, weigerte der Onkel sich zu allem Überfluss, seine teure Wohnung zu kündigen. Wenn wir ihn besuchten, lag er in wächserner Starre da und stierte an die Zimmerdecke. Doch sobald er uns wahrnahm, belebten sich seine Züge und er begann, uns einen seiner berüchtigten Vorträge zu halten.

Nach einigen Monaten ereiferte er sich beinahe wie früher, noch verworrener zwar als zuvor, doch brachte er es immerhin fertig, mit den Armen zu fuchteln und dabei Telefon und Saftglas vom Nachttisch zu fegen. Es war ein Jammer, mit anzusehen, dass er unserem Einfluss entzogen war und sich dabei noch erholte. Wir machten uns Vorwürfe, dass wir nicht eher eingegriffen hatten.
„Man hat einfach nicht die Zeit“, seufzte meine Mutter, „sich so um die alten Menschen zu kümmern, wie es nötig wäre.“
Im Herbst bekam der Onkel einen Rollstuhl, der teurer war als ein Kleinwagen und den er ebenfalls selbst bezahlte. An sonnigen Tagen mussten wir ihn nun über die ebenen Wege des Kurparks schieben. Es schien in dem ganzen Ort weder Hügel noch Treppen zu geben, und sogar die flachsten Teiche waren von unüberwindlichen Mauern umgeben.

Onkel Joseph genoss die frische Luft und die Sonne und gewann auf gespenstische Weise seine Vitalität zurück. Durch unverständliche Ausrufe und herrisches Gestikulieren wies er die Richtung, in die er gefahren werden wollte. Meine Mutter hatte beobachtet, dass er sogar im Schlaf mit den Armen ruderte.
Meine Kusine, die aufgestiegene Meister channelt, kam auf die wunderbare Idee, ihm zum ersten Advent eine Kerze mitzubringen, auf dass er ein Licht habe in dieser dunklen Zeit. Der Onkel hasste Weihnachten. Er hasste auch die Lieder, die wir ihm sangen, während seinem stummen Zimmergenossen Marotzke Tränen der Rührung in die Augen traten. Ich bin sicher, Onkel Joseph hasste auch die Kerze, die wir ihm auf den Nachttisch stellten. Bevor wir uns verabschiedeten, zündeten wir sie an. Um ganz ehrlich zu sein, war ich es, der sie anzündete. Meine Kusine aber war es, die sagte: „Du solltest jetzt ein wenig schlafen, Joseph.“ Und dabei betrachtete sie die langen Ärmel seines Nachthemdes.

Wir wanderten zurück durch den langen Gang mit den verschlossenen Türen, hinter denen sich nichts regte, vorbei am Zimmer der Nachtschwester, die uns hinter der Scheibe nicht einmal wahrnahm. „Man soll ja ins Licht gehen, wenn man sein leibliches Kleid ablegt“, sagte mein Vetter, der sich gut mit Nahtod-Forschung auskennt. „Ich kann ihn dann ja auch channeln“, sagte meine Kusine.
Als wir uns unten vor dem Haus umdrehten, war es mir, als sähe ich bereits den Schein des Feuers im Fenster. Wir fuhren schnell heim, um eine spirituelle Adventsfeier im Kreis der Erbengemeinschaft zu halten.
Am späten Abend rief meine Mutter im Pflegeheim an; doch weder auf der Station noch im Zimmer unseres Onkels nahm jemand ab. Meine Mutter nickte vielsagend. Wir verbrachten die Nacht in schlafloser Unruhe. Am Vormittag ereilte uns die schreckliche Nachricht. Bei einem Fluchtversuch mit dem Rollstuhl habe unser Onkel eine Kerze umgestoßen, die neben seinem Bett brannte. Das sofort ausgebrochene Feuer sei zwar von der Sprinkleranlage gelöscht worden. Doch für einen Heimbewohner sei jede Rettung zu spät gekommen.

Den ganzen Tag saßen wir bedrückt und wortlos beisammen. „Eigentlich“, sagte meine Mutter, „müsste die Familie Marotzke uns etwas abgeben von ihrem Erbe.“
Aber den Gedanken, die Familie anzusprechen, haben wir bald wieder fallengelassen. Das ist sechs Jahre her. Noch heute stellen wir uns immer wieder vor, wie die Marotzkes in Saus und Braus leben, und zwar dank unserer Fürsorge, während Onkel Joseph längst zum Sozialfall geworden ist und uns mit seiner Unsterblichkeit langsam und unwiderstehlich in den Ruin treibt.


Dietmar Bittrich lebt in Hamburg.
Er schrieb unter anderem „Das Gummibärchen-Orakel“, den Satsang-Guide „Die Erleuchteten kommen“ und das aktuelle „Weihnachtshasser-Buch“.

Infos und weitere Bücher auf: www.dietmar-bittrich.de



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