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Ausgabe November/Dezember 2011
Stresskinder - Lernprobleme und Verhaltensauffälligkeiten; von Gerhard Alber

Der Evolutionspädagoge Gerhard Alber erklärt, warum und was es über Lernprobleme und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zu wissen und zu tun gibt.

Kinder, die stressen, Kinder, die mit ihrem Verhalten ihre Umgebung provozieren, sind fast schon ein all

Exkurs in die Gehirnkunde
Ein wesentliches Merkmal des menschlichen Großhirns ist, dass es asymmetrisch angelegt ist. Das heißt: Es gibt eine anatomische, vor allem aber eine funktionelle Ungleichheit der beiden Großhirnhemisphären (cerebrale Dominanz); gewisse Fähigkeiten werden der linken, andere wiederum der rechten Gehirnhälfte zugeordnet. Am deutlichsten wird dies bei der Sprache und der Händigkeit.
Durch unsere linke Gehirnhälfte (Hemisphäre), dem sogenannten Sprachhirn, erleben wir die Sprache und sind imstande, analytische Zusammenhänge zu erkennen. Auch unsere Feinmotorik ist dort angelegt. Diese Gehirnhälfte arbeitet zeitorientiert und geht ins Detail.
Die rechte Gehirnhälfte hingegen, das sogenannte Gestalthirn, ist für unsere gestalterischen und handwerklichen Fähigkeiten zuständig. Raumorientierung, Grobmotorik, Kreativität und Emotionen werden ebenfalls von dieser Hemisphäre gesteuert.
Die neurologische Steuerung arbeitet diagonal, das heißt: Die linke Körperseite wird von der rechten Hemisphäre und die rechte Körperseite von der linken Hemisphäre gesteuert. Damit diese Steuerung optimal funktioniert, muss die neurologische Vernetzung zwischen den Hemisphären aktiv sein. Die Hauptverbindung dieses Nervenstrangs nennt man Corpus Callosum.
Lernschwierigkeiten treten meist dann auf, wenn der Informationsfluss zwischen den Hemisphären blockiert ist, denn optimales Lernen gelingt nur dann, wenn das Potenzial beider Hemisphären genutzt werden kann. Wenn aber eine bestimmte Form von Stress den Informationsfluss und die Informationsverarbeitung blockiert, können wir uns unserer intellektuellen, emotionalen und motorischen Fähigkeiten nicht bedienen.
In der Evolutionspädagogik sprechen wir dann von einer Rechts – Links – Blockade.
Die traditionelle Pädagogik betrachtet diese stressbedingten Ausfälle als ein Zeichen mangelnder Intelligenz, Unfähigkeit, Bequemlichkeit oder Ignoranz. Diese Sichtweise führt jedoch nicht zu Lösungen. Sinnvoller ist es, etwas gegen diese Blockaden zu tun. Und etwas gegen diese Blockaden zu tun, heißt Bedingungen für ein stressfreies Lernen zu schaffen, indem man neurologische Erkenntnisse in die praktische Arbeit mit einbezieht, und so erkennt, was tatsächlich hinter den Lernschwierigkeiten steckt.

Schreibhand und Sprachgehirn
Es folgt ein kleiner Ausflug in den Bereich der Händigkeit. Die Schreibhaltung eines Kindes gibt uns Aufschluss über die Hemisphärenanordnung. So deutet eine invertierte Schreibhaltung (eingedrehte Schreibhand) oft darauf hin, dass die Schreibhand und die Sprachhemisphäre auf der gleichen Seite liegen. Die Kinder schreiben dann mit der grobmotorischen Hand, was sich im Schriftbild erkennen lässt (große Schrift, die nicht im Fluss ist).
Viele Lern- und Verhaltensprobleme haben hier ihren Ursprung. Dies kann sowohl für Rechtshänder als auch Linkshänder zutreffen. Wenn Schreibhand und Sprachhemisphäre auf der gleichen Seite liegen, sprechen wir von einer Mischform. Das heißt also, dass die Funktionen der Gehirnhälften nicht ihrer typischen Anordnung entsprechen.

Traditionell wird von eindeutiger Links- oder Rechtshändigkeit ausgegangen. Unsere Erfahrungen und die Forschungsergebnisse vieler Wissenschaftler belegen aber, dass diese Annahme nicht grundsätzlich gilt. In unserer praktischen Arbeit können wir immer wieder feststellen, dass ein Großteil der Kinder mit Lernproblemen keine eindeutigen neurologischen „Schaltungen“ zwischen Sprachgehirn und gewählter Schreibhand haben. Die Regel ist aber, dass die Schreibhand dem Sprachgehirn (linke Gehirnhälfte) gegenüber liegt. Selbst bei einem konsequenten Linkshänder ist dies so geregelt (hier ist die Sprache dann rechts angesiedelt).
Bei Kindern mit Lern- und Verhaltensproblemen ist dies häufig anders organisiert: Sprachgehirn und Schreibhand liegen auf derselben Seite, daher der Begriff Mischformstruktur. Diese Schüler sind unserer Erfahrung nach in der Regel überdurchschnittlich begabt, aber sehr anfällig für Stress und es stellen sich bei ihnen häufig Blockaden ein.

Kinder mit einer Mischform der Gehirnstruktur haben einen hohen Koordinationsbedarf. Erhalten sie keine Hilfe, neigen diese Kinder zu Schwierigkeiten wie beim systematischen Denken, im Umgang mit Regeln und Rechtschreib- und Rechenprobleme.
Diese Schwierigkeiten lassen sich mit den Bewegungsübungen aus der Evolutionspädagogik schnell und nachhaltig beheben. Es werden sogenannte Stressblockaden gelöst und ganzheitliches Lernen wird ermöglicht.


Gerhard Alber ist Coach und Evolutionspädagoge. Er leitet den Ausbildungsstandort für Evolutionspädagogik in Berlin.
weitere Infos unter www.lernberatung-pp.de

Buchtipp: Ludwig Koneberg und Silke Gramer-Rottler, „Das bewegte Gehirn; Die sieben Sicherheiten, die Kinder brauchen“ und „Verkannte Genies“, beide im Kösel Verlag erschienen


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