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Ausgabe November/Dezember 2011
Die Trauer - Immer noch ein Geheimnis Von Eva Vogt

Das Leben ist geheimnisvoll und kostbar, es kann uns Angst machen und Freude bereiten. Manchmal läuft es rund, mal gerät es aus der Bahn oder ins Stocken. In jedem Lebenslauf finden sich Höhen und Tiefen, Hürden, Umwege, Brücken und grüne Auen. Wir haben

In Krisenzeiten spüren wir unsere Angst und auch unseren Mut. Der Tod ragt in unser Leben immer schon hinein.
Und doch sind wir fassungslos, wenn ein uns naher Mensch stirbt. Dann fühlen wir tiefen Schmerz, sind erschüttert und verunsichert. Unser System gerät durcheinander: Wir haben die vertraute Bezugs-Person, einen wichtigen Resonanz-Körper verloren. Manche Menschen fühlen sich wie amputiert. Andere fühlen sich wie betäubt oder aber überwältigt von ihren Gefühlen und Gefühlsschwankungen. Diese langwierige Zeit der Unordnung und des Ordnens, diese besondere Identitätskrise wird Trauer genannt.
Wir leiden unter dem Verlust des geliebten Menschen und wir leiden, weil uns gerade jetzt Trost und Rückhalt und Wärme dieser Person fehlen. Wir leiden auch, weil sich die Menschen in unserem Umfeld oft hilflos und distanziert verhalten. Wir sind auf uns selbst zurück geworfen.
Trauer heilt. Trauer ist eine Emotion der Wandlung. Bei kleinen oder großen Veränderungen können wir auf unsere Selbstheilungskräfte vertrauen. Wenn es uns gelingt, diesem natürlichen Prozess der Wandlung Vertrauen zu schenken, können wir unseren Schmerz, unsere Angst, Verzweiflung, Wut und Ohnmacht, unser Lachen und unsere Sehnsucht etwas besser verorten und uns immer wieder beruhigen. All diese Gefühlsregungen sind Hinweise, mit denen wir etwas anfangen können: Was sagt mir die Angst? In welche Richtung weist die Sehnsucht?

„Einmal am Tag freut man sich, dass man am Leben ist und noch nicht tot. Das ist ein unwahrscheinliches Kapital.“ Thomas Bernhard

Stellen Sie sich vor, Ihre Trauer wäre eine geheimnisvolle Gestalt, mit einer warmen Ausstrahlung zwar, aber doch etwas unheimlich: Was wünschen Sie sich von dieser Gestalt? Vielleicht möchten Sie gerne umhüllt und geschützt, geborgen sein? Möchten Sie an die Hand genommen und durch Neuland geleitet werden? Stellen Sie sich Ihre gewünschte Hilfe vor: Wie fühlt sich das an?
Sie haben die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, was Ihnen gut tut und was nicht. Diese Lebenserfahrung sammeln und sortieren Sie nicht auf ein Mal, sondern über einen langen Zeitraum mit vielen Aufs und Abs. Sie werden feststellen, wie unberechenbar wuchtig die Trauer ist, Sie werden aber auch herausfinden, dass Sie Ihren Trauerprozess gestalten können: Wann und wo, wie oft – und auch mit wem – lässt es sich gut trauern?
Wir verändern uns durch die Trauer und wir lernen uns selbst neu kennen. Wir entwickeln eine neue, andersartige Beziehung zu dem Menschen, der gestorben ist. Indem wir zu fassen versuchen, was wir verloren haben, werden wir auf besondere Art vertraut mit unseren Empfindungen. Sind wir vorher schon gut vertraut mit unserer Gefühlswelt, dann kann es etwas leichter sein, sich auf die Trauer einzulassen und ihre Qualität der Selbsterkenntnis anzuerkennen. Wir begegnen der geheimnisvollen Trauergestalt immer unfreiwillig, auch wenn sie mit unzähligen Geschenken (in Form von erfreulichen Begegnungen, liebevollen Gesten oder reichhaltigen Träumen…) aufwartet.
Die meisten Trauernden, denen ich begegne, sind in ihrer Versehrtheit mutige und feinfühlige Wesen. Sie haben sich entschieden, mit der Erinnerung an die verlorene Person und mit der Erfahrung der Sterblichkeit weiterzuleben. Vielleicht haben sie oft mehr Lebensmut, als sie selbst glauben. Es berührt mich tief, wenn ich miterlebe, wie sich Menschen über Jahre entfalten, wie aus dem notwendigen Überlebensimpuls eine lebendige Neugierde erwächst.
Als hilfreich empfinden diese Trauernden den regelmäßigen Besuch einer Trauergruppe. Diese Treffen sind eine besondere Zeit, in der sie – ohne sich erklären zu müssen – ihren Gefühlen Raum geben, ihre Erfahrungen und Fragen miteinander austauschen können. Mein Part ist dabei vor allem die Moderation dieser ‚Expertenrunde’. Für alle ist es dabei von großer Bedeutung, dass sie in einer geschützten und wohlwollenden Atmosphäre andere Menschen kennen lernen, die Ähnliches erlebt haben.
Erleichtert und gelöst, manchmal heiter, gehen wir dann auseinander. Die Tage darauf klingt das Erlebte oder Gehörte nach, und der Schmerz, die Angst klopfen wieder an. Es geschehen keine großen Wunder; die zarten Hoffnungsschimmer und Lichtblicke aber glimmen wie Glühwürmchen auf an dunklen Tagen.





Die Autorin Eva Vogt ist Dipl. Kulturpädagogin und Trauerbegleiterin, weitere Informationen zu ihrer Arbeit auf www.abschiedundaufbruch.de


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