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Ausgabe November/Dezember 2011
„I sing you over the river“ von Andreas Krüger

Andreas Krüger über die Möglichkeiten und Grenzen des Heilpraktikers als Sterbebegleiter

Jeder Heiler hat natürlich – bedingt durch seine eigene Wirklichkeit, die er durch seinen eignen Prozess kreiert hat – spezielle Gebiete und oft auch Grenzen. Beides sollte anerkannt werden. Wenn ich merke, dass ich in einem Prozess an eine Grenze stoße, sollte ich dies auch akzeptieren und den Klienten an einen Menschen verweisen, dessen Grenzen weiter sind. Es ist gut, wenn man sich auf die Dinge spezialisiert, die man wirklich kann, die man vielleicht selbst durchlebt hat, die man selbst in sich erfahren und vielleicht auch schon erlöst hat. Darum ist der Umgang mit Sterben ein schwieriges Terrain. Viele tun sich wahrscheinlich leichter, Hebammen der Fülle zu sein, als abgemagerte Aids-Patienten würdevoll hinüber zu begleiten. Da sollte jeder Heiler durchaus kritisch mit sich sein und seine Grenzen akzeptieren. Der Umgang mit dem Sterben gehört zu dem Speziellsten, was es in der Begleitung von Menschen gibt. Denn der, der mit dem Sterben umgeht, sollte – so sagen jedenfalls die Indianer – selbst des Öfteren schon gestorben sein. Er sollte diese Grenze sehr genau kennen, an die er und über die er den Klienten bringt. Und er sollte – wenn möglich – auch das Sterben diverse Male in seinem Umfeld erlebt haben.

Der Tod im Leben
Ich hatte in meiner Praxis wenig mit Sterbenden zu tun, bis das Sterben vor 22 Jahren ganz zentral in mein Leben trat und ich meine zweitgeborene Tochter verlor. Das hat mein Leben zerschmettert und mich in die tiefste Gotteskrise geworfen – aber danach erfuhr ich mich als jemand, der das Gefühl hatte: Das habe ich überlebt, jetzt kann mich fast nichts mehr umbringen. Ich glaube, dass für uns Menschen – die ja bereit sind, das eigene Leben für das des eigenen Kindes zu opfern – das Sterben eines Kindes das Schlimmste ist, was es gibt. Auffällig ist, dass ich bis zu dem Tod meiner Tochter nie verwaiste Eltern als Patienten in meiner Praxis hatte, aber seit diesem Tod bestimmt 200. Die meisten davon kamen recht bald nach meiner Todeserfahrung – ohne dass sie davon wussten. (Im kollektiven Feld ist natürlich alles gespeichert, wenn die Seelen der Klienten anfragen, an wen sie sich denn wenden sollen.) D.h. ich bin in den letzten 30 Jahren bestimmt 500 Sterbenden begegnet und habe Sterbende begleitet: homöopathisch, leibtherapeutisch und, besonders in letzter Zeit, schamanisch.

Der Tod des Vaters
Die Initiation zu dem schamanischen „I bring you over the river“ war der Tod meines Vaters, zu dem ich zu Lebzeiten relativ wenig Kontakt hatte. Als er aber später infolge seiner senilen Demenz nur noch komatös auf seiner Hospizstation lag, besuchten wir ihn täglich, rieben ihn mit Rosenöl ein, ich machte Leibtherapie mit ihm und ließ ihm Zärtlichkeiten und Liebkosungen zukommen – weil er sich ja nicht mehr wehren konnte – wie es in den 60 Jahren davor nicht möglich war. In diesem Sterbeprozess habe ich eine tiefe Liebesbeziehung mit ihm aufnehmen können und mit einem Mal bekam ich Kontakt zu seiner Seele und diese Seele sagte zu mir: „Mein lieber Sohn, hilf mir, über diesen Fluss zu kommen.“ Ich fragte: „Wie soll ich dir denn helfen?“ Und sie sagte: „Singe für mich.“ Als ich sie danach fragte, was ich für sie singen soll, sagte sie: „Na das Lied, was ich damals immer für dich gesungen habe, als du ein Kind warst.“
Erst wusste ich nicht, was er meinte, aber dann konnte ich mich aufgrund meiner Therapien an die Frage erinnern, wann ich das letzte Mal stolz auf meinen Vater war. Damals war ich 10 und er hatte mich auf eine Italienreise mitgenommen, um mir die ganzen Schlachtfelder seiner Jugend zu zeigen, wo er mit 17 Jahren als junger Soldat gegen die Amerikaner gekämpft hatte. Es waren harte Kämpfe und er wurde sogar zwei Mal fast zerfetzt. Er zeigte mir die Wunden an seinem Körper, die Hügel, die er verteidigte und auch das Dorf, in dem er eine italienische Freundin hatte. Auf dieser Reise war ich das letzte Mal stolz auf meinen Vater, den ich später immer verachtet habe. Damals hat er mir ein Soldatenlied vorgesungen, an das ich mich nicht mehr gut erinnern konnte – aber Dank Internet habe ich dieses Lied wiedergefunden.

Wenn die Seele geht
Als mein Vater im Sterben lag, verhinderte ein Herzschrittmacher den natürlichen Sterbeprozess. Ich wusste, dass mein Vater nicht verfaulen wollte, denn er war ein narzisstischer Mensch und wollte intakt sterben. Eines Abends setzte ich mich neben ihn, rasselte, legte meine Hand auf sein Herz, begann schamanisch zu reisen und sang laut dieses Soldatenlied. In diesem Moment kam ein Rudel Kojoten – in den letzten Jahren hat mein Vater auf verbale Angriffe immer geantwortet: „Hau doch einem toten Kojoten nicht auf die Pfoten“ – und postierte sich um ihn. Ich fragte das Rudel, was sie hier machen und sie antworteten, dass sie die Seele meines Vaters holen, denn er wird ein Kojote. Das war in meinen Augen völlig unverständlich, denn es sollte doch immer eine Entwicklung nach oben geben. Nein, war die Antwort – manchmal ist es für Menschen, die in ihrem Leben kaum soziale Energie entwickelt haben, wichtig, eine Zwischeninkarnation als Rudelwesen zu machen. Das hätte seine Seele schon vorher gewusst, um noch einmal soziales Verhalten zu lernen und dann als Mensch weiter zu machen. Das konnte ich verstehen, denn sozial war mein Vater in diesem Leben wirklich nicht gewesen.
Als ich das Lied sang und dabei rasselte, merkte ich, wie seine Seele ganz freundlich heraus kam und die Kojoten begleiteten ihn über den Fluss – over the river. Ich wusste, es war passiert. Und in dieser Nacht ist er gestorben.
Heute macht mir Sterben keine Angst mehr. Der schamanische Blick auf das Sterben hat mir den Umgang mit dem Sterben noch einmal einfacher gemacht. Es gibt im naturheilkundlichen Fundus reichhaltige Mittel, dem Sterbenden ein Gefährte zu sein: I sing you over the river. Man muss es sich nur trauen. Die traditionelle Medizin kann helfen, wenn wir aus der geistigen Welt in die physische Welt hineinsterben – also geboren werden – und wenn wir aus der physischen Welt in die geistige Welt hineinsterben, bzw. geboren werden. Das sind die Schwerpunkte.




Weitere Informationen:
Samuel-Hahnemann-Schule, Mommsenstr. 45, 10629 Berlin, Tel.: 323 30 50, buero@heilpraktiker-berlin.org, www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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