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Ausgabe September/Oktober 2011
Mani Wagner (Interview): Seelenreisen - auf dem Weg zur Leichtigkeit des Seins

Mani Wagner ist Bewusstseinstrainerin und führt Menschen auf Seelenreisen zu ihrem inneren Begleiter oder auch inneren Heiler - wie immer man diese Instanz bezeichnen mag. Haidrun Schäfer hat sie zu ihrer Arbeit befragt.

Haidrun Schäfer: Was hat es dir persönlich gebracht, nachdem du deine erste Reise erlebt hast?

Mani Wagner: Ganz ehrlich? Ich war erschrocken über das, was mir da bewusst wurde.

Und was hat sich da offenbart, was so schrecklich war?

Mir wurde gezeigt, dass ich mich selbst und auch andere getäuscht hatte, dass ich mir immer um Freiheit kämpfend höchstpersönlich tiefste Abhängigkeiten selbst kreiert hatte. Das war mir damals einfach zu viel und ganz naiv dachte ich, ich könnte den Deckel wieder drüber schieben. Aber das ging nicht, denn die Erkenntnisse, die ich gewonnen hatte, ließen sich nicht weiter leugnen. Ich hatte etwas bekommen, was ich vorher nicht hatte: Ich hatte eine Wahl! Von diesem Zeitpunkt an konnte ich nur noch ganz bewusst mich oder andere täuschen. Nur noch ganz bewusst so tun, als wäre ich unverschuldet in Abhängigkeit geraten. Oder aber ich werde so mutig und ändere es. Letzteres zu tun hat mich viel Mut gekostet, aber rückblickend hat sich jeder Schritt gelohnt.

Auf diesen Reisen wird man also mit Dingen konfrontiert, die wir im täglichen Leben gerne unter Verschluss halten?

Uns werden Situationen gezeigt, die uns bewusst werden lassen, welche Ängste und Nöte wir haben. Wir können entweder über sehr schöne Themen in die Welt unseres Unterbewusstseins gelangen oder direkt ein Problem fokussieren. Tatsache ist, dass der innere Begleiter oder das Unterbewusstsein genau die Sachen thematisiert, die zu dem Zeitpunkt wichtig sind. Darauf habe ich als "Reiseleiter" keinen Einfluss. Ich kann den Reisenden am Anfang in pittoreske Landschaften geleiten und ihn zu dem Ort führen, wo er seinen inneren Begleiter trifft - aber ab diesem Zeitpunkt übernimmt er die Leitung und ich werde lediglich zum Assistenten: Ich kann den Rahmen halten und Türen öffnen oder offen lassen, aber mehr auch nicht.

Man kann also darauf vertrauen, dass einem nur das "präsentiert" wird, was man in der Lage ist anzunehmen?

Alles hat seine Zeit. Man wird nicht mit etwas konfrontiert, was das Bewusstsein nicht verkraftet. Und auch der Umgang mit den Erkenntnissen ist individuell. Für manche führt eine Reise zu klaren Entschlüssen, wie ihr Weg weitergeht und andere nehmen den Kontakt zum inneren Begleiter als ständiges Instrument, um sich bewusster wahrzunehmen und um bewusst eine Wahl zu haben.

Probleme im Alltag werden sicher oft als Reiseausgangspunkte genutzt. Was begegnet dir häufig?

Partnerschaftliche Probleme, Wutthematiken, Ängste, Depressionen, Geldsorgen, Sorge allgemein. Sorge ist auch ein diffuses vorherrschendes Gefühl, bei dem wir nicht wissen, was sich dahinter verbirgt. Aber es gibt auch genug Menschen, die zu mir kommen und so in ihren Problemen verstrickt sind, dass sie es gar nicht benennen können und nur ein unterschwelliges Angstgefühl wahrnehmen. Der Ausgangspunkt ist gar nicht so entscheidend, denn der innere Begleiter übernimmt im Laufe der Reise die Führung. Und er wird mit Sicherheit nur das zeigen, was zu dem Zeitpunkt bearbeitet werden soll.

Hast du ein konkretes Beispiel?

Eine Klientin hatte das immer wiederkehrende Muster, dass sie sich in Männer verliebte, die am Anfang ebenfalls Interesse signalisierten, sich dann aber schlagartig zurück zogen. Alle Männer führten als Grund an, dass sie zu stark sei. Das zeigt sich auch körperlich, denn sie gleicht im Erscheinungsbild einer Amazone. Auf der Reise wurde ihr eine Situation aus ihrer Kindheit gezeigt, die ihr bewusst machte, dass sie ihre ganze Kindheit hindurch um die Liebe ihrer Eltern kämpfen musste. Ihre Schwäche wurde komplett abgelehnt. Dies war ein sehr tiefer und berührender Moment für sie, in dem sie sich mit ihrer Traurigkeit und der empfundenen Ablehnung aussöhnen konnte. Aktuell lässt sie die Dinge gelassen auf sich zu kommen und übt sich darin, in Momenten ihrer Schwäche die ihr entgegengebrachte Hilfe genießen zu können. Auch die verloren geglaubte Liebe erfährt gerade eine sanfte Wiederannäherung.
Ein weiteres schönes Beispiel habe ich selbst erlebt. Als meine Kinder klein waren, machte ich mir große Sorgen um sie. In einer Reise erkannte ich, dass diese Sorge etwas damit zu tun hatte, dass ich nicht abkömmlich sein und die Kontrolle hergeben wollte. Dahinter verbarg sich die Angst vor Verlust. Nachdem ich meine Verlustangst annehmen konnte, änderte sich das Verhältnis zu meinen Kindern schlagartig. Sie wurden auffällig weniger krank, routinierte Arztbesuche waren Geschichte, und der Medikamentenkonsum verringerte sich drastisch. Das war für mich eines der schönsten Erlebnisse: Meine Kinder wurden freier, nachdem ich meine ständige Sorge und mein überfürsorgliches Verhalten aufgeben konnte.

Es gehört ein gewissen Maß an Mut dazu, sich auf diese Bewusstwerdungsprozesse einzulassen.

Auf jeden Fall. Und man wird mehr und mehr zum Beobachter - ein Beobachter von seinen Lebensmechanismen, von den eigenen Motiven, Wünschen und Ängsten. Jede Angst ist die Angst vor einem Gefühl und jeder Wunsch ist auch der Wunsch nach einem Gefühl. An unseren Wünschen und Ängsten erkennen wir uns - unsere Motive und unsere Muster. Dort hinzugucken erfordert Mut. Denn anschließend hat man eine Wahl, die man vorher nicht hatte. In dem Moment, in dem man in den eigenen Problemen und Ängsten völlig verwickelt ist, hat man keine Wahl. Wenn man durchschaut, warum man sich wie verhält, dann hat man eine Wahl. Ein Mensch mit Verlassenheitsängsten kann weiterhin seine Familie mit übertriebenen Arbeitseifer unter Druck setzten oder aber sich bewusst einscheiden, dass er ein Mensch ist, der Ängste hat. Durch die Akzeptanz entlastet er sich und sein Umfeld. In dem Moment, wo wir die Angst akzeptieren, verliert sie ihren Schrecken. Auf einer Reise kann derjenige in das Gefühl "von Angst verlassen zu werden" eintauchen - und das ist auch der Moment, der heilt. Weil man nicht nur hin-denkt, sondern hin-spürt. Es geht nicht darum, sich mental etwas schön zu transformieren und eine Angst vor Ablehnung in goldenes Schmetterlingslicht zu verwandeln. Aber durch die gefühlte Akzeptanz der negativen Emotion verliert sie ihre Macht und verändert sich.

Aber man kann doch nicht wegen jedem Problem eine Reise machen...

Nein, das braucht man nicht. Wir können auf den Seelenreisen erkennen, dass sich die Probleme oft in ihrer Essenz ähneln. Wenn wir das erkannt haben, geht es um das Annehmen, um Aussöhnung und darum, sich selbst das zu geben, was man im außen sucht. Unsere Suche nach Anerkennung, Liebe und Wertschätzung können wir uns selbst geben. Ein erster Schritt ist, immer wieder zu hinterfragen: Warum? Warum bin ich eifersüchtig? Warum habe ich Angst, den Job nicht zu bekommen? Warum will ich dieses Auto oder jene Wohnung? Wenn man sich dessen bewusst ist, hat man immer wieder die Wahl: Möchte ich wirklich dieses Auto? Denn das Gefühl, das ich ersehne und damit in Verbindung bringe, ist ja schon längst in mir. Kann ich es mir vielleicht selbst geben - in einer anderen Form? Oder aber genieße ich es aus purer Freude, ohne damit mein unbewusstes Minderwertigkeitsgefühl weiter zu verschleiern. Das Wissen darum, warum man etwas will, das macht einen frei. Und das gilt auch für die Schattenwelt. Wenn man erkennt, wovor man Angst hat, offenbart sich das größte Potenzial. Unsere Ängste zeigen, wo uns das Leben am meisten berührt. Wenn man Nähe kennen lernen möchte, schafft man erst einmal Distanz, Ablehnung oder Einsamkeit als Gegenpol. Es gibt die polaren Welten der Emotionen und wenn wir etwas kennen lernen wollen, schaffen wir zuerst den Gegenpol. Wenn eine Seele inkarniert, um etwas zu erfahren, muss sie sich erst die Gegenpole erschaffen. Um Vergebung kennen zu lernen, muss ihr etwas Schlimmes angetan werden, oder selbst etwas Schlimmes tun, damit sie erfährt, was Vergebung ist. Khalid Gibran sagt: "Eure Freude ist euer Leid ohne Maske. Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet sehen, dass nur das, was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt.
Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen, und ihr werdet sehen, dass die Wahrheit um das weint, was euch Vergnügen bereitet hat."

Über die Akzeptanz unserer Schattenseiten kommen wir also in die oft ersehnte Leichtigkeit des Seins?

Damit hat sich schon C.G. Jung beschäftigt. Er bezeichnete die verdrängten Anteile als "Schatten" und sein Weg war, sie zu erkennen und durch Akzeptanz zu erlösen. Auch im tibetischen Buddhismus gibt es Methoden, unsere Dämonen nicht zu bekämpfen, sondern sie zu füttern. Aber dass aus uns menschlichen Fröschen durch einen einzigen Bewusstseinskuss nicht gleich Märchenprinzen werden, gehört zum Leben dazu, wie es die Geschichte von dem jungen Mann erzählt, der auf der Suche nach einem erleuchteten Menschen auf einen alten Mann trifft, der einen schweren Sack über den Schultern trägt. Der junge Mann erkennt sofort, dass dieser Alte erleuchtet sein muss. Auf die Frage, wie es sich anfühlt, erleuchtet zu sein, nimmt dieser seinen schweren Sack von der Schulter und sagt strahlend: "Leicht!" "Und wie lebt man danach weiter?", fragt der junge Mann. Der alte Mann nimmt den Sack, hebt ihn sich auf die Schulter und geht weiter.
So ist das Leben. Es werden uns immer mal wieder Schwierigkeiten im Leben begegnen. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Erst wenn wir die Wahl haben, werden wir zu Schöpfern unseres Lebens.

Herzlichen Dank und viel Erfolg für weitere Reisebegleitungen.



weitere Infos: www.mani-seelenreise.de


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