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Ausgabe Mai/Juni 2011
Empfangen, um zu geben, zum Buch von Yossef Touval

Die Kabbalah bezeichnet eine semitische Geheimlehre, die sich vor allem auf alt-testamentarische Quellen bezieht und nicht so einfach zu entschlüsseln ist. Das neue Buch von Yossef Touval bezieht sich auf die Schlüsselinhalte der kabbalistischen Lehre und

Jahrhunderte lang als Geheimlehre nur von Auserwählten an Auserwählte weitergegeben, ist die Kabbalah heute eine Lehre, die jeder Mensch auf dieser Welt studieren kann – egal, welche Nationalität er hat und egal, welcher Religion er angehört. Die Inhalte sind so machtvoll, dass früher nur Menschen mit einem erweiterten Bewusstseinszustand Träger und Übermittler waren. Heute ist die Zeit reif, dass allen Menschen der Zugang zu diesem Wissen möglich wird – was an der wachsenden Zahl der Kabbalah-Zentren weltweit sichtbar ist.

Der Zohar
Grundlage für das Studium der Kabbalah ist der -„Zohar“ – ein aus 23 Bänden bestehendes Buch mit Informationen über alle Bereiche dieses Universums, die für uns Menschen von Bedeutung sind – sei es Wissenschaft, Philosophie, Astrologie, Zahlenmystik, Medizin und über der Aufbau der spirituellen Welt. Im Zohar sind alle Informationen über die Mechanismen der Wirklichkeit enthalten: Wie das Leben funktioniert, welche unsichtbaren Mechanismen entweder zu Erfüllung oder Chaos führen und – als letztendliches Ziel – wie wir nicht nur Opfer unseres Schicksals bleiben, sondern zu Schöpfern unserer Realität werden können. Damit ist nicht gemeint, dass wir uns unsere Realität selbst gestalten, indem wir das Glas als halb leer oder halb voll empfinden. Auch nicht im Sinne der zahlreichen Ratgebern von „wünsch dich schlank und glücklich“ und auch nicht auf der Ebene der Bestellungen beim Universum. Der Schöpfergedanke der Kabbalah umfasst etwas ganz anderes.

Der Schöpfergedanke der Kabbalah
Kabbalah heißt übersetzt „empfangen, um zu geben“. Hinter dieser Botschaft verbergen sich die komplexen Strukturen, aus denen die Lebensfäden gesponnen werden. Den Inhalt von 23 Bänden hier darzustellen, ist leider nicht möglich. Deshalb versuche ich, mich auf die zentrale Aussage der Kabbalah zu konzentrieren und sie vorzustellen.
Ziel eines Menschen, der die Kabbalah studiert, ist, das Schicksal zu überwinden und Schöpfer seines Lebens zu werden. Ein anderes Wort für Gott ist Schöpfer: Es heißt, er schuf die Welt in sieben Tagen. Die Kabbalah lehrt, dass er das nicht tat, damit wir ihm etwas dafür zurückgeben. Natürlich können wir ihm danken – für das Leben und die Perfektion, mit der er die Welt erschaffen hat. Aber er hat es nicht deswegen getan. Er tat es, damit wir eine Chance haben, selber zu Schöpfern in dieser Welt zu werden, in der nicht nur Fülle und Frieden herrschen, sondern auch Mangel und Krieg. Das ist ein entscheidender Faktor, denn es braucht den Mangel, damit überhaupt Empfänger für Gaben existieren. Wir müssen in einer Welt des Mangels leben, damit wir zum Schöpfer werden können.

Empfangen...
Ein Paar „empfängt“ ein Kind – diese Formulierung impliziert den Gedanken, dass das Leben ein Geschenk ist, das wir empfangen. Im Geschenkpaket enthalten ist ein physischer Körper, die Fähigkeit zu denken und zu fühlen und die unterschiedlichsten Talente und Begabungen. Gleichzeitig brauchen unser Körper und unser Geist gewisse Dinge, um zu überleben: Sie benötigen Sauerstoff, Wasser, Nahrung und Wärme, aber auch Eiscreme und Streicheleinheiten sowie geistige Nahrung. Damit die Versorgung gewährleistet ist, haben wir eine Instanz in uns, die wir als „Ego“ bezeichnen. Diese Instanz sorgt dafür, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden – manchmal auch auf Kosten anderer. Das bezeichnen wir dann als „egoistisch“ und meinen es meist negativ. Aber jeder Mensch ist egoistisch und das muss er auch sein.
Das Ego will haben und behalten und zwar für sich alleine – das liegt in der Natur der Sache. Es geht hier nicht darum, das Ego zu verteufeln, sondern nur darum festzustellen, dass wir ein Ego haben und es auch brauchen!
Allerdings kann ich nicht das, was ich haben will, gleichzeitig geben – das sind zwei Gegensätze, die sich ausschließen. Folglich hindert uns unser menschlicher Körper mit dem Ego als „Abteilungsleiter“ daran zu geben, ohne einen Vorteil davon zu haben und demnach zum Schöpfer zu werden. (Vorsicht: Um ein Schöpfer zu werden, geht es um bedingungsloses Geben. Wenn ich jemandem etwas schenke, damit er mich nett findet, ist das nicht bedingungslos. Die meisten unserer guten Taten sind keine Gesten im Sinne der Schöpfung, sondern Tauschgeschäfte – gegen einen Dank, ein Lächeln oder auch, um das Gewissen zu beruhigen.)

... um zu geben
Diese Konstruktion eines bedürftigen Körpers ist keine Schlamperei vom Schöpfer, sondern Teil eines genialen Schachzuges. Der andere Teil unseres Seins besteht nämlich aus einer Instanz in uns, die geben möchte: unsere Seele. Sie ist unser Verbindungskabel zur göttlichen Ebene und damit mit dem Schöpfergedanken verbunden. Mit diesen beiden Instanzen in uns haben wir es nicht einfach, aber wir haben eine Chance, selbst zu einem Schöpfer zu werden.

Das Spiel des Lebens
Das Ego will haben und behalten, die Seele will geben und teilen. Das eine schließt das andere aus. Die Kabbalah wäre keine Weisheitslehre, wenn sie uns mit diesem Dilemma im Regen stehen lassen würde. Die Konstellation ist keine Sackgasse, sondern die Startlinie für ein erfülltes Leben. Die Spielregeln finden wir in der Kabbalah und damit aus dem Spiel des Lebens kein „Mensch ärgere dich nicht“ wird, sondern ein „Mensch freu dich“, empfehle ich das Buch von Yossef Touval. Ihm gelingt es, auf anschauliche und unterhaltsame Weise die Spielregeln so darzustellen, dass einem alleine nach der Lektüre die entscheidenden ersten Schritte für einen erfüllten Lebenslauf leichter fallen.


Während ich den Artikel schreibe, laufe ich gerade durch die Goethestr. Goethe war ein spiritueller Mensch und kannte die Kabbalah. Mit dem Ausruf „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“ hat er im Faust den ewigen Kampf zwischen Seele und Ego literarisch verarbeitet. (Wer jetzt über das Schreiben beim Laufen stolpert: Schwierige Artikel schreibe ich meistens beim zügigen Gehen. Nietzsche hat es so formuliert: „Nur die ergangenen Gedanken haben Wert.“)


Yossef Touval lebt zur Zeit in Israel und wird im September 2011 an der Samuel Hahnemann Schule (SHS) in Berlin zu Gast sein.

Buchtipp:
Yossef Touval: Kabbalah – die innersten Gesetze des Universums erkennen, beherrschen, nutzen, Ansata, München, 2011, 144 Seiten, 14,99 Euro


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