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Ausgabe Januar/Februar 2011
Was ist Gerechtigkeit? von Christian Salvesen

Gerechtigkeit (lat. Iustitia) ist die Grundlage unseres menschlichen Zusammenlebens. Alle demokratischen Verfassungen berufen sich auf sie. Doch zugleich entstehen mit der Frage: Ist das gerecht? stets neue Diskussionen. Christian Salvesen versucht eine m

„Der kriegt doppelt soviel Taschengeld wie ich“ beschwert sich der achtjährige Ingo bei seiner Mutter. „Das ist ungerecht!“. Die Mutter erklärt: „Dein Bruder ist schon 12. Er braucht mehr Geld als du. Er muss länger in der Schule sein, manchmal in der Stadt essen, sich bestimmte Sachen kaufen, verstehst du?“ Ingo schüttelt den Kopf. Es ist und bleibt ungerecht. Warum soll er sich mit weniger Taschengeld begnügen als sein älterer Bruder? Kinder entwickeln schon recht früh eine Art von Gerechtigkeitssinn, der auf ungleiche Behandlung reagiert. Gleichheit ist einer der Maßstäbe für Gerechtigkeit. So heißt es im Grundgesetz (Artikel 3): Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
Gerechtigkeit gilt seit Plato als eine Kardinaltugend. Überall und zu allen Zeiten hatten und haben Menschen ein Gerechtigkeitsempfinden. Doch was ist gerecht und was nicht? Kann es da überhaupt eine allge­meingültige Antwort geben oder ist das nicht eher von Fall zu Fall zu erwägen? Und dann erst die Frage: Was ist Gerechtigkeit? Unzählige Bücher wurden darüber geschrieben. Wie könnte die Frage auf zwei Seiten beantwortet werden?



Eine kurze Geschichte der Gerechtigkeit

Im Alten Testament ist Gott die höchste Instanz für Gerechtigkeit. „Gott ist gerecht.“ „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: nichts anderes als Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.“ (Micha 6, 8). Das gilt für Juden, Christen und Moslems gleichermaßen bis heute. Er, der alle Wesen erschafft, hat kein persönliches Interesse, ein bestimmtes Geschöpf zu bevorzugen. Jedes Lebewesen bekommt auf der Erde dem ihm angemessenen Platz und die „gerechte“ Lebensspanne. Der Maulwurf beschwert sich nicht, dass er nicht fliegen darf wie der Adler. Er ist zufrieden, unterirdisch wühlen zu können. Die Fliege mokiert sich nicht darüber, dass sie nur wenige Tage lebt, eine Schildkröte dagegen bis zu 300 Jahren.
Der Mensch vergleicht aber, und da wird es schwie­rig. Warum stirbt mir das Vieh weg, während bei meinem Nachbarn die Herden immer größer werden? Warum hast du mir meine Frau und mein Kind genommen, Gott, während meine Verwandten ein glückliches Leben führen? Ist das etwa gerecht? Oder ist das deine Strafe? Wofür? Was habe ich falsch gemacht? Hier kommen neben dem Gedanken der Gleichheit und der Angemessenheit auch die von Schuld und Leistung ins Spiel. Gott ist zugleich oberster Richter. Dementsprechend sind die Bücher des Alten Testaments und der Koran zur Hälfte mit Vorschriften und Gesetzen gefüllt, die für Gerechtigkeit unter den Menschen sorgen sollen. (Ähnlich verhält es sich in den Veden, den heiligen Schriften der Hindus.) Jesus setzte im Neuen Testament Nächstenliebe und Barmherzigkeit als Alternative zur Gerechtigkeit. Buddhas Lehre könnte parallel dazu als befreiende Antwort auf die angeblich göttliche Gerechtigkeit des indischen Kastensystems verstanden werden.



Laut Plato/Sokrates ist der Gerechte weiser, stärker und glücklicher als der Ungerechte. Gerechtigkeit ist als ein höchstes Gut anzustreben. Die Seele in ihren drei Teilen Vernunft, Tatkraft und Begehren richtet sich, wenn sie von der Vernunft (Weisheit) geleitet wird, nach der Gerechtigkeit aus. In einer gerechten staatlichen Ordnung nimmt jeder seine Aufgabe nach seinen Fähigkeiten wahr. Ähnlich wie in der indischen Bhagavadgita werden bei Platon seelische Qualitäten analog zur gesellschaftlichen Hierarchie gesetzt (1. Vernunft: Brahmanen/Philosophen, 2. Tatkraft: Könige/Krieger, 3. Begehren: Handwerker/Bauern).
Platons Schüler Aristoteles erweiterte den auf das Individuum bezogenen Gerechtigkeitsbegriff auf den realen Staat und die damit verbundenen komplexen Beziehungen zwischen Bürger und Gemeinschaft. Wie können die Menschen in einem Staat gemeinsam und selbstverantwortlich dafür sorgen, dass allgemein Gerechtigkeit herrscht? Diese Frage ist bis heute aktuell. In den vergangenen Jahrhunderten sind dazu ganz unterschiedliche Theorien entwickelt worden.



Der Gesellschaftsvertrag

Nach dem Mittelalter rückte die Vorstellung von der göttlichen Gerechtigkeit allmählich in den Hintergrund. Der Mensch musste selbst für Gerechtigkeit sorgen, und das in einem zunehmend komplexer werdenden Gemeinschaftswesen. Was ist der Mensch in seinem Urzustand, ohne moralische Einschränkung, Recht und Gesetz? Ist er von Natur aus gerecht? Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) befand: Nein. Er sah im Menschen einen Wolf, der durch eine Institution bzw. einen Vertrag zu einem sozialen Verhalten geradezu gezwungen werden müsse. Ironischerweise gilt den Wissenschaftlern heute gerade der Wolf als ein Tier mit besonders ausgeprägter Sozialstruktur. Doch wie dem auch sei, Hobbes rein hypothetische Gegenüberstellung einer anarchischen Natur des Menschen und dem Bedürfnis nach einer geordneten Gemeinschaft wurde zu einem neuzeitlichen Modell.
Nachfolgende Theorien der Gerechtigkeit konzentrierten sich darauf, wie der Mensch in einer Gemeinschaft vor sich selbst geschützt werden könne. Der von Hobbes eingeführte Begriff des Gesellschaftsvertrages wurde bis in unsere Zeit immer wieder aufgegriffen und neu definiert. In einem Vertrag werden Rechte und Pflichten verbindlich ausgehandelt. Man könnte sagen, dass auf der Grundlage des Gesellschaftsvertrags bis heute Gerechtigkeit in erster Linie vertraglich und gesetzlich geregelt ist.



Bei aller Komplexität des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der oft durchaus richtigen Vertragsregelungen könnte heute auch wieder stärker an die Weisheit des einzelnen Menschen selbst erinnert werden. Wir können und müssen in so vielen alltäglichen Situationen selbst entscheiden, was gerecht ist und was nicht – ohne bestimmte Gesetze und Paragrafen zu kennen. Die uralten Fragen bleiben, ob mit oder ohne Vertrag.



Konzepte von Gerechtigkeit

Gleichberechtigung aller Menschen. Keine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Rasse, Religion oder sonstiger Weltanschauungen.
Politische Gerechtigkeit im Hinblick auf Freiheiten, Ämter und Chancen auf nationaler und internationaler Ebene.
Juristische Gerechtigkeit in Form angemessener und ausgewogener Gesetze, einer adäquaten Rechtsprechung und eines angemessenen Strafvollzugs.
Soziale oder ausgleichende Gerechtigkeit als an­gemessene Verteilung von materiellen Gütern, Arbeitsstellen und Ressourcen einschließlich der Chancengleichheit (Bildung, medizinische Versorgung etc.).
Schützende Gerechtigkeit durch Friedenssicherung, strafrechtliche bzw. institutionalisierte Sanktionierung struktureller Gewalt im öffentlichen und privaten Raum, Minderheitenschutz.
Generationengerechtigkeit im Verhältnis der heute Lebenden zu künftigen Generationen, vor allem durch Begrenzung der Staatsverschuldung, ausreichende Investitionen in Bildung und Umweltschutz, aber auch familienintern im Verhältnis von Eltern zu ihren minderjährigen Kindern wie von Kindern zu ihren alt gewordenen Eltern.
Geschlechtergerechtigkeit als Pflicht zur Herstellung der Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern im Berufs- und Privatleben wie in Politik und Öffentlichkeit.
Kontributive Gerechtigkeit als Recht auf Mitbestimmung, aber auch als Pflicht zur Mitwirkung.
(nach wikipedia.de)



Der Autor Christian Salvesen ist Redakteur der Zeitschrift „Visionen“ und lebt mit seiner Familie in Süddeutschland.
Er ist Autor der Bücher: „Liebe: Das Herz aller Weltreligionen“ und „Advaita. Vom Glück mit sich und der Welt eins zu sein“ (beide O.W. Barth Verlag) und „Die Formel der Unsterblichkeit. Ein Schamanenkrimi“ (Koha-Verlag).


Buchtipps
Otfried Höffe: Gerechtigkeit: Eine philosophische Einführung. 126 S., TB, C.H. Beck, € 7.95
John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness: ein Neuentwurf. 316 S., Suhrkamp, € 12.00


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