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Ausgabe November/Dezember 2010
Mystik ist ganz einfach
Sie ist zugleich Ursprung und höchste Form der Wahrnehmung von Wolf Schneider


Mystik wurde oft als das Herz oder die Wurzel der Religionen benannt. Sie ist jedoch eher das verleugnete Herz und die verkannte Wurzel. Denn die meisten Religionen haben sich von Herz und Wurzeln entfernt, oft bis zur Unkenntlichkeit.
Wenn ich die

Mystik versus Mystifizierung
Wenn ich zu Mystikern über Mystik spreche, ist das sehr einfach – sie verstehen mich. Wenn ich zu Nicht-Mystikern darüber spreche, gibt es meist ein großes, typisches und folgenreiches Missverständnis: Sie verwechseln Mystik mit Mystifizierung. Sie empfinden es als »mystisch«, wenn Uri Geller Löffel verbiegt, jemand ein körperloses Wesen channelt oder ein Energieheiler Auren sieht. Soweit die Esoteriker.
Und die Wissenschaftler? Neulich las ich von Neurologen, die herausgefunden hatten, dass Akupunktur schmerzlindernd wirkt, aber sie verwahrten sich gegen die »mystische Idee der Energieleitbahnen« (der Meridiane, von denen die traditionelle chinesische Medizin spricht). »Nein, um Himmels Willen, bitte nicht diesen esoterischen Hokuspokus«, scheinen diese Wissenschaftler damit zu sagen, »das wollen wir nicht unterstützen!« Dabei ist Mystik kein Hokuspokus. Im Gegenteil, Mystik ist vorurteilsfreie Wahrnehmung - zumindest eine Annäherung daran. Mystifizierung hingegen ist die Verzauberung, der wir erliegen, wenn schöne Worte, Töne oder Bilder unsere Sinne vernebeln und wir dann vor allem das sehen, was wir selbst oder die als charismatisch empfundene Quelle dieser Worte, Töne, Bilder uns sehen lassen will.
 

Heimkehr
Ja, ich gebe es zu: Ich bin einer dieser Betrunkenen, die nicht genug kriegen können vom göttlichen Nektar, vom Atem, von der puren Sinnlichkeit, vom Dasein. »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand«, sagte Margot Käßmann nach ihrer Alkoholfahrt, die dann zu ihrem Rücktritt führte. Die Mystiker aber sind schon dort, in Gottes Hand. Sie brauchen keine Angst mehr zu haben vor dem Fallen. Tiefer fallen als in die unverzerrte Wahrnehmung, ins Nichts, in die Leere, das kann man nicht. So wie im Tao Te King dem Wasser gehuldigt wird, weil es sich immer die tiefsten Stellen aussucht: Erst fällt es vom Himmel, dann fließt es im Tal an die tiefste Stelle und von dort, immer weiter die Tiefe suchend, zum Meer. Der Zyklus des Wassers ist ein Sinnbild für die Heimkehr in das große Ganze und unseren Lebenslauf: Vor der Geburt sind wir noch Wesen, die »daheim« sind, im Wasser und im Körper der Mutter, da sind wir nicht abgetrennt, und auch nach dem Tod sind wir wieder daheim, so wie der Regentropfen im Ozean. Nur dazwischen sind wir Individuen und als solche manchmal auch sehr einsam. Die mystische Erfahrung erinnert uns an diesen Zyklus der Wassertropfen und den unseres Erdenlebens. Als Eintauchen in das Unveränderliche, Unzerteilte, ist die mystische Erfahrung ein »Sterben vor dem Sterben«, ein sich Wiederverbinden (religio – to reconnect) mit dem Ganzen.


Mutter Teresas Leiden

Trotz ihrer großen und beharrlichen Hingabe als Engel der Armen in Kalkutta fand die Heilige Mutter Teresa in ihrem Lebenswerk keine Erfüllung (Tagebucheintrag: »In meinem Innern ist es eiskalt«). Ihr fehlte somit jegliche mystische Erfahrung. Ihr Berufungserlebnis bestand darin, dass Jesus ihr erschien und sie aufforderte, alles aufzugeben und ihm in den Ärmsten der Armen zu dienen. Danach war der Kontakt zum Göttlichen abgebrochen. Tot. Keine Verbindung mehr. Sie betete, aber sie meditierte nicht und hatte über die fünfzig Jahre ihres tätigen, religiösen Lebens (von ihrer Berufung durch die Vision im Jahr 1946 bis zu ihrem Tod 1997) das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Was für ein Leiden!
»Der Himmel bedeutet mir nichts mehr – für mich sieht er wie ein leerer Platz aus« – »Tief in meinem Innern ist nur Leere und Dunkelheit. Ich habe keinen Glauben – ich wage es nicht, die Worte und Gedanken auszusprechen, die mich so unbeschreiblich leiden lassen«. So blieb für sie das Tor zum Himmel versperrt. Dass sie dennoch den Dienst an den Armen durchhielt bis an ihr Lebensende finde ich bewundernswert, auch wenn einige Kritiker meinen, sie habe mit der Art ihrer Hilfe mehr Schaden angerichtet als genützt.
Dass selbst ein Papst Johannes Paul II, der doch an Güte und Einsicht unserem jetzigen Benedikt einiges voraus hatte, solch eine Frau seligspricht (so geschehen 2003), und das mit einer für die katholische Kirche ungewöhnlichen Geschwindigkeit – es war die schnellste Seligsprechung der Neuzeit – spricht wieder mal Bände darüber, welche Art von Vorbild hier gefeiert wird.


Die Gottesfrage

Viele Menschen haben den direkten Bezug zum Ganzen, aus dem sie entstanden sind, nie wirklich gesucht. Man könnte sie »areligiös« oder »religiös unmusikalisch« nennen. Ich glaube jedoch, dass sie das nur an der Oberfläche sind, denn in der Tiefe sucht jeder Mensch nach sich selbst (Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich?), und diese Suche würde ich eine religiöse nennen.
Deutlicher als bei diesen vermeintlich Areligiösen wird das Fehlen der Erfüllung bei unseren religiösen Autoritäten.
Eugen Drewermann, selbst ein Kleriker (und ein grandioser Redner! Aber auch er sieht manchmal aus wie das Leiden Christi), hat die Psyche der Kleriker in seinem Standardwerk von 1988 (»Kleriker – Psychogramm eines Ideals«) als die von zutiefst Zerrissenen beschrieben.
 »Die Gottesfrage ist in den Kirchen, nicht nur den evangelischen, unterschwellig schon länger am Gären«, schreibt Hartmut Meesmann im Publik-Forum (dieser sehr lesenswerten, kritischen christlichen Zeitschrift) vom 11. Juni 2010. »Der evangelische Theologe Klaus-Peter Jörns hat mit seinen umfangreichen Studien ... offengelegt, wie vielschichtig und vielfältig die Gottesvorstellungen der Christen sind und wie sehr sie den offiziellen Lehren widersprechen; und dass Kirchenmitglieder, ja, selbst Pfarrer, oft gar nicht an Gott glauben, zumindest nicht an einen personalen Gott.« Dann zitiert Meesmann (Redakteur von Publik-Forum) eine Erhebung des Soziologen und Theologen Hijme Stoffels von der Freien Universität Amsterdam aus dem Jahr 2006, mit dem Ergebnis: »Von den Pfarrern der kleinen Remonstrantengemeinschaft gaben 41 Prozent an, dass sie nicht an Gott glaubten. Bei den lutherischen Pastoren sind dies 24 Prozent und bei den Reformierten 19 Prozent.«
 

Kindliche Mystik
In der naiven Phase unserer Entwicklung, speziell als Kinder und oft noch viele Jahre danach, haben wir dieses Gefühl einer Beheimatung im Leben, einer Geborgenheit im Universum. Solch ein Vertrauen ins Leben und in die Richtigkeit von allem haben wir Menschen typischerweise dann erst wieder nach der großen inneren Krise der Verlassenheit, in der direkten Erfahrung mit Gott, dem Göttlichen, dem Universum, der Existenz, dem Tao, dem Unnennbaren. Nenne es wie du willst. Dietrich Bonhoeffer hatte es als todgeweihter Gefangener der Gestapo (nicht erst dann, aber dann am eindringlichsten): »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag«. Kein Priester und kein Papst kann uns dieses Gefühl geben und auch kein noch so moralisch tadelloses Leben. Nur die mystische Erfahrung schenkt uns solche Erfüllung.


Kommen Kinder als Mystiker auf die Welt?

Nein, nicht ganz. So berauschend frei und unverstellt der unschuldige Blick eines gerade geborenen Kindes auf uns Erwachsene auch ist, spätestens mit dem Schrei vor Schmerz, Hunger oder Verlassenheit ist diese Idylle wieder dahin. Auch Mystiker empfinden Schmerzen, aber das Gefühl der Verbindung mit dem Urgrund verlässt sie nicht, so groß der aktuelle Schmerz oder das aktuelle Scheitern im Weltlichen auch sein mögen. Sie fühlen sich geborgen.
 

Ist Mystik »zu« einfach?
Das Schwierige an der Vermittlung mystischer Erkenntnis ist, das sie so einfach ist. So etwas Einfaches können sich die meisten Menschen nicht vorstellen – und sie sollen es sich ja auch nicht vorstellen, sie sollen es erfahren. Kann man etwas erfahren, was man sich »nicht vorstellen« kann? »Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können«, das wusste schon Einstein. Jedes Weltbild, jede Erwartung und Überzeugung ist Theorie, und die bestimmt in starkem Maße, was wir beobachten, schon allein deshalb, weil wir dorthin unsere Aufmerksamkeit lenken.


Stelle dir einmal vor...
was du sehen würdest, wenn du keine Vorstellung davon hättest, was du sehen würdest, wenn du dir nichts vorstellst. Eben das ist das Koan. »Gesegnet sind die, die keine Vorstellungen haben«, nicht einmal von Mystik und von Koans, müsste unser heutiges Update von Jesus sagen (die aktualisierte Bergpredigt 2.0).
Jedenfalls ist Mystik eine Erfahrung vor jeglicher Vorstellung und jenseits davon – etwas sehr Uriges, Archaisches und gar nicht Kompliziertes. Sie erfordert kein Philosophie- oder Theologiestudium, im Gegenteil, beides kann dabei sehr hinderlich sein. Es ist jedoch eine gute Voraussetzung, mit Philosophie oder Theologie »fertig« zu sein, wirklich fertig, denn dann kann man zurückkehren zu etwas so Einfachem wie der Mystik.


In der kommenden Januar-Ausgabe der KGSBerlin erscheint der zweite Teil dieses Mystik-Beitrages von Wolf Schneider.


Aus Connection Spirit 7/2010 mit freundlicher Erlaubnis des Autors und des Verlages. Mehr zum Thema Mystik finden Sie in der Juli-August Ausgabe von connection Spirit oder auf www.connection.de


Der Autor

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie in München (1971-75). Gründer und Herausgeber der Zeitschrift connection (seit 1985). Gründer der »Schule der Kommunikation«. Spielt Theater (»Zauberkraft der Sprache« und »Esoterik-Kabarett«). Schreibcoach und Kreativitätstrainer. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com


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