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Ausgabe November/Dezember 2009
ADHS - die Welt als Puzzle

Wir wissen, dass Albert Einstein und Thomas Alva Edison, der Querdenker und Erfinder, ADHS hatten. Aber ganz sicher ist nicht jedes Kind mit ADHS ein Genie oder ein Indigokind - von Hartmut Müller

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Jedes ADHS-Kind kann lernen, seine Schwächen zu erkennen und selbst Strategien entwickeln, sie auszugleichen. Im Struwwelpeter finden wir sie: den „Hans guck in die Luft“, den „Zappelphilipp“ und den „Friedrich Wüterich“, die einfach nicht sind, wie sie sein sollen. Sie sind etwas anders und deshalb erfordert ihre „Erziehung und Bildung“ ein anderes Vorgehen als das, was diese Kinder normaler Weise erleben.

Wenn das Kind an allem und jedem interessiert, von der Welt ständig überschwemmt wird (Reizfilterschwäche) und das Hirn mit Verarbeiten nicht nachkommt, wie ein überlasteter Computerprozessor, schaltet es zwischenzeitlich ab, während das Leben weitergeht. Es hat dann gerade wieder etwas nicht mitbekommen. So läuft beim Diktat die Hand einfach weiter, schreibt irgendwelche Buchstaben. Beim Fußball läuft der Körper weiter. Der Ball verletzt die Nase, statt auf dem Fuß zu landen.


Beim Radfahren läuft das Rad weiter. Unfälle passieren. Immer ist dieses Kind dabei zu prüfen, ob es nicht gerade wieder etwas falsch macht und kann es bei aller Anstrengung nicht hindern. Es kann auch im eigenen Spiel vergessen, was es gerade getan hat und beginnt etwas Neues. Riesige Unordnung ist die Folge. Beim Spiel mit anderen erscheint es unberechenbar und wird ausgegrenzt. Der Erwachsene redet einfach weiter und merkt nicht, dass dieses Kind den dritten Satz überhaupt nicht gehört hat. Es weiß das aber auch nicht. Also gibt es Ärger.


Jedes Geschehen wird durch diese Miniblackouts zu einem Puzzle und das Kind braucht seine ganze Kraft und Intelligenz, sich die Welt immer wieder neu zusammenzusetzen. Das bezieht sich auf die Außenwelt genau so wie auch auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers. So bleibt die Entwicklung zurück, das Kind wirkt weniger reif.


Bei Hyperaktivität kommt dazu, dass der Körper aus der Tiefe des Gehirns einen ständigen Bewegungsdruck bekommt. Stillsitzen müssen erfordert ein ständiges sich beherrschen, was während der Blackouts nicht geleistet werden kann. Es entstehen Ticks oder Zappelei, die bewusst nicht gesteuert werden können.


Wie soll man sich als Kind unter diesen Umständen verhalten? Auf Grund des ständigen „Nicht-recht-seins“ fühlt es sich verurteilt. Durch „Du könntest, wenn du nur wolltest“ geht die Beziehung und das Vertrauen zu den Erziehungspersonen verloren. Das Kind fühlt sich im Grunde missverstanden, da ja seine ständigen Anstrengungen nicht wahrgenommen werden. Mehr Stress. Enttäuschung, Depression, Zwänge, Trotz, Wutausbrüche, unerfüllte Forderungen, Schuldgefühle, Ausweichverhalten und Unehrlichkeiten bleiben nicht aus. Hilflose überforderte Eltern werden aggressiv oder geben auf. Das Kind macht seine „Vorbilder“ nach. Das Familienchaos erscheint unabwendbar.
Das ADHS-Kind kann nicht wie andere


Zu unterstellen, dass es nicht wolle, ist beleidigend. Jedes Kälbchen will von Natur aus eine gute Kuh werden, jedes Füchschen ein guter Fuchs und jedes Menschenkind will lernen, wie die anderen, will Fähigkeiten erwerben und mit anderen zusammen das Leben schön machen und in liebender Verbindung sein. Und es tut alles dafür. Damit können Eltern und Erzieher immer rechnen.

Eltern, Erzieher und Lehrer sollten unter fachlicher Anleitung lernen und herausfinden, dass dieses Kind anders ist, dass es nicht mit anderen verglichen werden darf, was es kann und womit es überfordert oder falsch gefordert ist.
Die Fragen sind: wie können wir unser Verhalten auf die Eigenarten des Kindes einstellen? Wie kann das Kind an der Lösung gemeinsamer Probleme mitarbeiten? Was braucht das Kind, um sich besser steuern zu können? Dabei ist auch an die Ernährung zu denken, an „Ruhezeiten“, klare Absprachen, Zeit-Struktur, Rituale. Wie können wir die Selbstsicherheit stärken und Stärken ausbauen?


Bei Verdacht auf ADHS


Es sollte zuerst ein Fachmann durch Befragen aller Beteiligten und durch entsprechende Tests die Diagnose selbst und die Schwere der „Störung“ feststellen. Dann muss die ganze Umgebung des Kindes, wie oben gezeigt, sich darauf einstellen. Nach einer gewissen Zeit soll das Ergebnis überprüft werden. Wenn das Kind mit Erwachsenen, Gleichaltrigen und Schule besser zurecht kommt und auch selbst sich mit seinem Leben wohler fühlt, mag man in leichten Fällen ohne Medikamente auskommen.


Bei schweren ADHS wird man um eine sehr genau auf die Schwächen des Kindes abgestimmte Medikation nicht herumkommen, will man dem Kind nicht mehr schaden als nützen. Die Medikamente setzen das Gehirn in die Lage, mit weniger und kürzeren Blackouts auszukommen. Das Kind kann sich und seine Umgebung dann besser wahrnehmen. Das Wahrgenommene besser verarbeiten und sich selbst besser auf seine Umgebung einstellen. Erzieherische und therapeutische Einwirkungen (Neurophysiologie, Ergotherapie, Logotherapie, Schulhelfer und Nachhilfe) fallen so auf fruchtbareren Boden.

Hartmut Müller, Jahrgang 1937, Fachheilpraktiker Psychotherapie, Kindertherapeut
mehr Info: www.hartmut-mueller.de


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