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Ausgabe November/Dezember 2009
Reisende im Wind

Andreas Krüger ist der Begründer der prozessorientierten Homöopathie. Im Grunde ist „Prozess“ ein modernes Wort für „Nomadentum“. Im Gespräch mit Haidrun Schäfer spricht er über die Notwendigkeit, ein Nomade zu bleiben.

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KGS: Ist der Mensch ein Reisender?

Andreas Krüger: Eindeutig JA! Er reist von einer unbekannten Anfangssituation zu einem unbekannten Ziel. Auf seiner Reise durchlebt der Mensch viele Alter und viele Erfahrungen und in dem Moment, wo er aufhört zu reisen, wird er krank. Es gibt große Anthropologen, die gesagt haben, dass der Untergang des Menschentums in dem Moment begann, wo er aufgehört hat, Nomade zu sein. Ab diesem Zeitpunkt fing er an, seine Umwelt zu verdrecken und zu zerstören. Das Nomadentum ist die ursprüngliche Lebensart unserer Spezies. Sesshaftigkeit, Stillstand und Stagnation bedeutet Tod – Bewegung, Freiheit und Prozess bedeutet Leben. Wenn ein Kind auf diese Welt kommt, reist es aus dem Paradies des Mutterschoßes in diese Welt. Und wenn wir die Selbstregulation des Lebendigen – wie Wilhelm Reich es genannt hat – nicht unterbrechen, wird diese Reise ganz harmonisch. Wo immer diese Reise für längere Zeit unterbrochen wird, entsteht nach Reich Panzer, Stagnation und emotionale Pest.


Also schon starr geregelte Alltagsabläufe und vor allem Stillsitzen in der Schule...

... bedeuten zumindest eine Unterbrechung der Reise. Die Frage ist, wie stark die Unterbrechung ist. Wenn ein Kind einmal hört „Renn nicht so viel rum“, dann erschrickt es, kontrahiert kurz und rennt nach einer Weile wieder weiter. Wenn das Kind aber ständige Aufforderungen zu Stillstand erfährt, wird aus der temporären Stagnation eine chronische Stagnation, die wir als Stase bezeichnen. Und auf der physischen Ebene macht Stase sauer, dunkel und kann auf längere Sicht zu Krebs führen. Eigentlich müssen wir als Eltern oder Therapeuten bei Kindern gar nichts richtig machen – wir müssen nur nichts falsch machen, denn das sich Bewegende und Lebendige reguliert sich selbst. Reich hat es wunderbar an Amöben deutlich gemacht: Die sich ständig bewegende Amöbe trifft auf andere Amöben, verbindet sich mit ihnen, wodurch ihre Aura immer größer wird, so dass nach einer gewissen Zeit das ganze Reagenzglas ein einziges strahlende Licht ist. Wenn man den Amöben aber immer wieder elektrische Stöße zufügt, bewegt sich irgendwann überhaupt nichts mehr und es herrscht tiefe Dunkelheit. Das sich gesund bewegende Kind wird als Erwachsener niemanden unterdrücken oder Bomben werfen. Jede Form von Gewalt ist die Folge von unterdrückter Bewegung.


Dazu fallen mir die ADS-Kinder ein...

Ich denke, dass diese Kinder noch am stärksten gegen die Einengung ihres Nomadentums kämpfen. Für mich ist ADS keine Krankheit, sondern ein Heilungsversuch oder ein Ausbruchsversuch. Reich hat bei den Amöben beobachtet, dass sie sich zwar aus Angst zusammenziehen, aber immer wieder Ausbruchsphasen starten. ADS ist ein Ausbruchsversuch und wenn man mit Medikamenten da drauf haut, dann wird das Kind im Moment still, aber in fünf Jahren quält es seine Mitschüler oder wird gewalttätig. Der Reformpädagoge Hartmut von Hantig beschrieb in einer Fernsehsendung, die ich mit 22 Jahren gesehen habe, dass das Stillsitzen in Schulen kontraproduktiv ist und er sagte den Satz: „Wenn man sieht, dass ein Kind sich sitzend nicht wohlfühlt, dann muss man zu ihm sagen können ‚Geh doch mal in den Garten und lass den Drachen steigen!’“ Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Das ist für mich Nomadentum.


Kann man sagen, dass es ein homöopathisches Mittel gibt, das bei ADS Symptomen hilft?

Es gibt ja in der Homöopathie nicht DAS Mittel, aber was meine Patienten im Laufe ihres Prozesses immer kriegen, ist Tuberkulinum. Die Medizinhistoriker sagen, dass Menschen an Tuberkulose erkranken, wenn sie in dunklen, feuchten Wohnungen sesshaft werden. An der frischen Luft durch die Prärie reitend kriegt niemand Tuberkulose. Leitsymptom bei Tuberkulinum ist: besser durch Wind von vorne. Der Nomade ist jemand, der den Wind und die Weite liebt.


Bewegung ist also die Grundvoraussetzung für Gesundheit und Lebendigkeit.

Aber nicht die einzige. Die zweite Voraussetzung ist die Vielfalt. Jeder Mensch besteht schon an sich aus vielen Persönlichkeitsanteilen. Der Astrologe Peter Orban hat mal gesagt, dass wir mindestens 12 sind – analog zu den 12 Tierkreiszeichen. Jeder Mensch trägt all diese 12 Prinzipien in sich, allerdings immer in unterschiedlicher Gewichtung. Vielleicht sind wir aber auch 72 – da gibt es die unterschiedlichsten Theorien. Auf jeden Fall sind wir viele und ich würde sagen, diese Vielfältigkeit ist sogar die Ursache der Bewegung. Vielfalt schafft Bewegung, wohingegen Einheitlichkeit zu Stillstand führt. Deswegen sind Plattenbauten und Uniformen Gift für den Menschen. Das lebendige Gesunde ist beweglich und vielfältig. Das kann sich täglich ändern oder auch stündlich. Morgens bin ich in der Schule Lehrer, nachmittags für Patienten Therapeut und abends Vater für meine Kinder.


In Ihrer Schule lehren Sie „prozessorientierte Homöopathie“ – ist es der Versuch, Nomade in der Stadt zu bleiben?

Eigentlich ist Prozess ein modernes Wort für Nomadentum. Viele Menschen glauben, dass prozessorientierte Homöopathie eine Technik ist. Das ist völlig falsch, denn im Grunde ist die prozessorientierte Homöopathie eine Seinswirklichkeit des Therapeuten. Ein prozessorientierter Homöopath muss sich bewegen. Prozessorientiert heißt, dass alles in Bewegung bleibt und sich verändert. Der Therapeut verändert sich und damit seine Behandlungsweise. Voraussetzung für prozessorientierte Homöopathie ist die Bereitwilligkeit und Fähigkeit zur Beweglichkeit und zum Erhalten des inneren Nomadentums und der inneren Vielfalt. Und das wiederum ist die Voraussetzung, den Patienten in seinem gestörten Nomadentum und seiner unterdrückten Vielfalt beizustehen.


Für heute bedanke ich mich bei Ihnen als schreibende Stadtnomadin. Bis zum nächsten Mal.

weitere Infos unter www.samuelhahnemannschule.de


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