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Ausgabe November/Dezember 2009
Die Architektur der Innenwelt

Die Vielfalt der inneren Welt läßt sich ableiten aus den fünf Urformen des Menschseins (Frau, Mann, Kind, Tier und Gott), so lautet die These von Artho S. Wittemann in seinem neuen Buch.

Wir sprachen mit dem Autoren.

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Artho Stefan Wittemann ist Begründer der „Individual Systemik“ und entwirft mit seiner „Architektur der Innenwelt“ erstmalig ein präzises und vollständiges Modell der Psyche, das nicht nur in sich schlüssig, sondern auch in der Praxis überprüfbar ist.

Die Psyche besteht demnach aus relativ eigenständigen Grundeinheiten, die ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Mit diesen „Inneren Personen“, wie Wittemann sie nennt, lässt sich ein Dialog herstellen, der bisher unbewusste Motivationen, Gefühle und Bedürfnisse transparent werden und bis an ihre tief verborgene Quelle zurückverfolgen lässt.

Bei aller Vielstimmigkeit dieser inneren Akteure lassen sich ihre Impulse und Anliegen in einem ebenso leicht verständlichen wie einleuchtenden Meta-Modell zusammenfassen:Die „Fünf Kontinente der Psyche“, Frau, Mann, Kind, Tier und Gott, sind die archetypischen Urfelder des Weiblichen, Männlichen, Kindlichen, Instinkthaften und Spirituellen.

So entsteht ein neues Bild der menschlichen Psyche. Es beruht auf der radikalen Unterscheidung von Inhalten und den Quellen, die diese Inhalte produzieren. Es beruht auf einem radikal systemischen, sich selbst regulierenden Bild der Psyche, das keinem seiner Teilnehmer eine übergeordnete Rolle einräumt. Und es beruht auf der radikalen Bereitschaft des Begleiters, sich den Eigenheiten jeder einzelenen inneren Quelle so lange auszusetzen, bis ihre ursprüngliche Natur nicht nur verstanden, sondern mit allen Sinnen erfahren wurde.


Fragen an Artho Wittemann

KGS: Was zeichnet die von Ihnen entwickelte Individual Systemik aus?

Artho S. Wittemann: Die Individual Systemik bietet ein Meta-Modell der Psyche an, das alle menschlichen Phänomene sinnvoll einordnet, erklärt und der direkten Überprüfung zugänglich macht. Dazu braucht sie nur wenige Parameter, die in ihrer Gleichzeitigkeit jedoch zu genau der Komplexität führen, wie wir sie von Menschen gewohnt sind.

Die Individual Systemik erkennt die Psyche als ein sich selbst organisierendes System autonomer Einheiten, die eine personenhafte Natur besitzen. Der Schlüssel liegt nun darin, die einzelnen ‚Inneren Personen’ im direkten Kontakt zu erleben und ihre tiefere Natur zu erkennen.

Warum ist der Widerstand keine Hürde für tiefenpsychologische Einsichten, sondern im Gegenteil sogar das Tor zur Psyche?

Es gehört zu den Grundprinzipien der Psyche, ihre eigene Tiefe gegen feindliche oder vermeintlich feindliche Einflüsse zu schützen. Diese Schutzreaktion nennen wir Widerstand. Wenn es verschiedene Innere Personen gibt, von denen sich jede auf eigene Weise und aus eigenen Motiven schützt, dann kann ich bereits anhand des Widerstandes ablesen, mit ‚wem’ ich es da zu tun habe.

Ich muss den Widerstand also nicht überwinden, um an die ‚Wahrheit’ zu kommen; der Widerstand selbst ist Ausdruck einer ‚Wahrheit’. Wenn ich mich aufrichtig für diese Wahrheit interessiere, sie respektiere und erkenne, wird sie zur Türe in tiefere Schichten der Inneren Person.

Wie können Therapeuten mit den von Ihnen beschriebenen „Inneren Personen“ in Kontakt kommen und sie zurück zur Integrität führen?

Die Arbeit mit Inneren Personen, so wie wir sie lehren, stellt sehr hohe Ansprüche an den Therapeuten. Denn der Therapeut muss in diesem Prozess seine sichere Therapeutenrolle verlassen und in einen direkten und wahrhaftigen Dialog mit jeder einzelnen Inneren Person treten. Wir nennen diese Art von Dialog „Gleich-zu-Gleich“. Es bedeutet, dass der Therapeut nicht nur mit ähnlichem Verhalten und ähnlichen Inhalten, sondern aus einer tiefgemeinten ähnlichen inneren Haltung antwortet. Das kann er aber nur, wenn seine eigenen Inneren Personen zu so einer intensiven Begegnung bereit sind. Er muss also seinen eigenen persönlichen Prozess schon sehr weit betrieben haben. Das gilt vor allem für die Auseinandersetzung mit seinen eigenen ‚Geheimen Machtseiten.

Was genau meinen Sie mit dem Begriff ‚Machtseiten’?

Geheime Machtseiten nennen wir die Inneren Personen, die sich radikal und absolut von der Welt und den Menschen zurückgezogen haben. Sie wollen um jeden Preis geheim bleiben und sie existieren nach unserer Erfahrung in jeder Psyche. Das stellt jede Therapie vor ein fast unlösbares Problem, denn Therapie lebt vom Kontakt zwischen dem Therapeuten und der Psyche. Die Geheimen Machtseiten lassen sich auch nicht über Umwege, wie etwa Hypnose oder emotionale Körperarbeit erreichen. Sie wissen, dass ihr mächtiger Einfluss darauf beruht, dass ihr Wille unsichtbar und damit unangreifbar bleibt. Solange dieses Thema nicht erlöst ist, bleibt der Begegnungs-Spielraum auch eines guten Therapeuten recht begrenzt.


Auf welcher Grundlage basieren die von Ihnen beschriebenen „Fünf Kontinente“, die die archetypischen Urfelder der Psyche bilden?

Die Fünf Kontinente der Psyche: Frau, Mann, Kind, Tier und Gott, sind die fünf Urformen des Menschseins. Wenn man eine Innere Person bis in ihre essenzhafte Tiefe kennen gelernt hat, kann man sie eindeutig einem der Fünf Kontinente zuordnen. Die tiefsten Werte des Menschseins sind mit ihnen verbunden: weibliche Bezogenheit, männliche Struktur, kindliche Empfindsamkeit, instinkthafte Überlebenskraft und göttliche Transzendenz. In unendlich vielen Spielarten entfalten die Inneren Personen diese Qualitäten in unserem Leben. Im Widerstand – wir haben gerade darüber gesprochen – verbergen und schützen sie diese Qualitäten jedoch, oft bis zur Unkenntlichkeit.


Wie sind wir nun zu diesem Konzept gekommen?

Hauptsächlich durch unsere Erfahrungen in der Praxis. Es ist ein ganz besonderes Ereignis, wenn man der Essenz-Qualität einer Inneren Person direkt begegnen darf. Man erlebt die Innere Person in großer Klarheit, Tiefe und Eindeutigkeit. Oft sind es dann die Inneren Personen selbst, die ihre Natur als weiblich, männlich, kindlich, instinkthaft oder transzendent beschreiben. Es ist eine große Erleichterung für sie, sich selbst so eindeutig zu erleben und zu verstehen.
Wie bereichert Ihr Modell die therapeutische Praxis?

Die IndividualSystemik hat vor allem drei Geschenke für die therapeutische Praxis. Erstens die radikale Unterscheidung zwischen Inhalt und Haltung – was jemand sagt und wer in ihm es sagt – führt schnell zum Kern der Dinge. Aus Darüber–Sprechen wird direkte, vertiefende Begegnung. Zweitens wird diese Begegnung von einem sehr klaren Meta-Modell geführt. Der Therapeut weiß, wo er ist und wo nicht. Die Präzision seiner Bewegungen erhöht sich um ein Vielfaches. Und drittens führt dies dazu, dass die Inneren Personen dem direkten Kontakt nicht mehr so leicht ausweichen können. Ihre Ausweichbewegungen werden im Gleich-zu-Gleich erkannt und benannt und führen dadurch weiter in die Tiefe.


Welchen Nutzen haben interessierte Laien von dem Modell?

Jeder Mensch weiß aus eigener Erfahrung, wie verwirrend und frustrierend die Bewegungen der Psyche sein können. Wir sind eben nicht Herren im eigenen Haus, wie Freud schon so richtig sagte. Wir finden uns selbst vor als ein bestimmter Mensch, von dem wir weder den inneren Aufbau noch die tieferen Motive noch die ursprüngliche Natur kennen.

„Menschliches Leid entsteht dort, wo sich die „Inneren Personen“ auf ihrer unbewussten Suche nach Lösungen für die Herausforderungen des Lebens von ihrer ursprünglichen Natur entfernen. Im erkennenden Dialog werden diese Irrwege sichtbar, so dass ein Kontakt zur eigenen Tiefe wieder möglich wird.“


Lesetipp:
Artho Stefan Wittemann. Warum wir erst anfangen uns selbst zu verstehen - Die Architektur der Innenwelt, 384 Seiten, Hardcover, € 24,80, J.Kamphausen Verlag


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