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Ausgabe Januar/Februar 2009
Heilsame Rituale in Beziehungen und Familien

Ein Beitrag von Bernhard Mack - Leiter CoreDynamik

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„Wir mögen uns ja, aber im Laufe der Jahre hat sich alles abgenutzt und es ist so langweilig geworden.“ Diese Klage höre ich als Therapeut und Trainer immer wieder. Sie ist ein Ruf nach Unterstützung, den Weg aus dem alltäglichen Einerlei heraus zu finden, wieder zu mehr Interesse aneinander - und zu mehr Liebe miteinander.
Oftmals wissen wir ja auch, was wir tun könnten, aber wir tun es nicht. Die Gewohnheiten haben sich eingeschliffen und haben große Herunterziehkraft bekommen. Es ist möglich, dass wir da herauskommen, indem wir etwas Ungeheuerliches tun: Wir einigen uns auf ein gemeinsames Ritual. Das klingt erst furchtbar, sofort kommen Kommentare wie: „Das ist ja nicht mehr spontan und authentisch ...“ Wir erinnern uns an die leeren und hohlen Rituale unserer Vergangenheit, wir sehen die Gefahr von gemachter und oberflächlicher Spielerei. Doch wenn wir etwas Neues wollen, müssen wir uns zu einem Risiko entschließen. Wenn wir kein Risiko, nicht die Gefahr des vielleicht zunächst Lächerlichen oder Komischen eingehen, kann nichts wirklich Neues geschehen.
Wenn wir uns erst einmal auf ein Risiko geeinigt haben, ist alles andere nachher gar nicht mehr so schlimm. „Papi, er hat überhaupt nicht gebohrt!“
Also: Risiko und Gefahr Nr. 1: Wir gestehen uns ein, dass wir eine Veränderung der Situation möchten, da wir unzufrieden sind.
Risiko und Gefahr Nr. 2: Ich gestehe mir ein, dass ich vielleicht einen Teil zu der jetzigen Situation mit beitrage und deswegen auch etwas verändern kann.
Risiko und Gefahr Nr. 3: Wir gehen die Gefahr ein, dass es nachher - nach dem Ritual - neu und anders, lebendiger und erfüllender miteinander ist.
Risiko und Gefahr Nr. 4: Wir planen und besprechen den Ablauf des Rituals miteinander. Dabei gibt es die Gefahr, dass wir unterschiedliche Wünsche haben, die wir aufeinander abstimmen müssen.
Und nun komm das Schlimmste - Risiko Nr. 5: Wir müssen uns hinsetzen und anfangen. Erst fühlt sich das noch neu und komisch an.
Und dann geschieht das Wunder: Wir sind mittendrin. Alles wird auf einmal so leicht und selbstverständlich, es fließt, wir sind engagiert und vielleicht auch berührt ... und schwupp, ist die vereinbarte Zeit viel zu schnell vorüber und wir verabreden gerne einen neuen Zeitpunkt für das nächste Ritual.
Jetzt wird die Leserin und der Leser sicher fragen: „Wie kann so ein Beziehungs-Auffrisch-Ritual denn aussehen?“
Ich mache Ihnen einige Vorschläge von bewährten Ritualen, letztlich werden Sie dann immer kreativer werden und immer mehr eigene Ideen umsetzen wollen.
Das beste und bewährteste Ritual ist auch das verrückteste, schwerste und leichteste Ritual überhaupt: Wir sind verabredet miteinander! Auch in der gemeinsamen Wohnung, nach langen Jahren: „Wir sind heute Abend miteinander verabredet!“
Telefon aus, Fernseher aus, Kinder im Bett, Hausarbeit für morgen liegen lassen, keine Ablenkung.
Wir setzen uns einfach gegenüber und schauen uns an. Fertig. Mehr nicht. Und das für 20 Minuten.
In dieser Zeit genieße ich, dass ich dich anschauen kann, ich genieße deine Nähe und alles, was ich an dir mag. Und: In dieser Zeit lasse ich alle Vorwürfe, die ich gegen dich habe, los. Ich erinnere mich an die schönen gemeinsamen Momente und was wir beide für große Chancen des Glücks miteinander haben.
Wenn ich mich ganz gereinigt fühle, wenn ich mir sicher bin, das ich meinen Groll losgelassen habe, dann kann ich anfangen zu sprechen.
Dazu gibt es eine einfache und sehr hilfreiche Regel: „Wenn mein Herz spricht, kann ich alles sagen, wenn ich dich niedermachen will, dann bin ich still.“
Nachdem jede und jeder je 10 oder 15 Minuten gesprochen hat, ohne dass ihn der andere unterbrochen hat, ist das Ritual beendet.
Man verneigt sich voreinander oder nimmt sich still in den Arm.
Einfach miteinander sein. Für Männer ist es neu und ungewohnt, dass scheinbar nichts passiert. Dieses stille Sein in der Gegenwart des anderen hat aber einen immensen Wert.
Dies ist eines von zahlreichen Ritualen. Ausführlicher habe ich das in meinem Buch „Rituale alltäglichen Glücks“ beschrieben.

In Familien
Familien haben eine größere Zentrifugalkraft, als wir das wahrhaben wollen. Das System strebt auseinander. Doch für einige Jahre wollen wir die Familie zusammenhalten. Ich mache Ihnen einen schlichten Vorschlag: Nehmen Sie all Ihren Mut zusammen und schlagen Ihrer Familie ein Gemeinschafts-Ritual vor:Es sollte regelmäßig ohne Zwang sein, eine klare Zeitstruktur haben, die Interessen von allen berücksichtigen und Spass machen.
Ein Beispiel wäre das Ritual “Das Familienparlament“. Wir sitzen zusammen am Tisch oder im Kreis auf dem Boden und jeder spricht zu den drei Themen: Erstens was ich an euch mag, zweitens warum ich gerne mit euch zusammen bin und drittens, was ich mir hier mehr wünsche. Wenn alle gesprochen haben, wird ein Spiel miteinander gespielt, das jedes Mal neu und abwechselnd von einem von uns bestimmt wird. So können auch ein gemeinsames Essen, zur Freude geplante Spaziergänge und die gemeinsamen Runden auf der Eisbahn zu einem bewusst gestalteten Ritual werden.

Der Autor: Dr. Bernhard Mack, Dipl.-Psych, seit 35 Jahren Paar- und Gruppentherapeut, ist approbierter Psychotherapeut, Lehrer, Coach und Managementtrainer, Gründer und Leiter des CoreDynamik-Instituts, Autor, Musiker und CD-Produzent.


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