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Ausgabe Mai/Juni 2006
Die Magie des Fußballs

Die WM beginnt im Juni – die Welt ist im Fußballfieber. Luisa Francia folgt in ihrem Buch “Ballzauber” der Spur des “heiligen Fußballs” und entdeckt die Rituale, die magischen Elemente, die Beschwörungen, die Anrufungen, die Gesetze, die den Ballzauber be

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Fußball ist ein Männerkult, die Magie der Männer, Einweihung in die männliche Kraft, in Kampf, Konkurrenz, Sieg. Das Ziel der Initiation ist die Mannbarkeit, wie das in Stammesritualen genannt wird. Frauen können zuschauen, sie dürfen sogar mitreden, doch sie sind nicht Teil des Kults.

Das mythische Spiel
Dass sich das Fußballspielen in der modernen Zeit zum Volkssport mauserte – es ist weltweit das beliebteste Spiel, die am meisten betriebene Sportart – hängt sicherlich damit zusammen, dass man wenig Ausrüstung braucht, es überall gespielt werden kann und viele Menschen gleichzeitig miteinander spielen und kommunizieren können. Und doch ist es viel mehr und hängt mit dem Verlust von Initiationsritualen im Industriezeitalter zusammen. Weltweit verschwinden die spirituellen Einbindungen in die Gemeinschaft der Menschen. In dem Maß, wie die Kirchen das Spirituelle unter ihre Kandare nahmen und der Staat begann, den einzelnen Menschen Vorschriften zu machen, entstand eine Leere, wo früher Übergangsrituale die Lebensabschnitte von Männern und Frauen begleiteten. Die Kirche bot und bietet Kommunion und Konfirmation als Pubertätsritus, doch der bietet keinen sinnlichen Übergang, kein Körpergefühl, kein Kräftemessen, sondern eigentlich nur Unterwerfung unter religiöse Regeln. Fast unmerklich begannen Männer überall, die Initiationsriten in den sportlichen Bereich zu verlagern. Und wenn heute Sportvereine das Gemeinschaftsgefühl, den sportlichen Wettkampf, das Körpertraining für Buben auf großen Werbetafeln preisen, enthüllen sie, worum es im Sport eigentlich geht, warum Männer Fußball spielen müssen: Wenn es kein Initiationsritual für Männer gibt, müssen sie ihre Kräfte anderswo trainieren und sich mit Gleichaltrigen messen, z.B. beim Komasaufen oder an der Playstation. Dann doch lieber den gemeinsamen Sport mit ritualisiertem Kampf und fairen Regeln.

Reine Magie
Wer den beschwörend langen Blick des Brasilianers Ronaldinho auf den Tormann Lehmann beim Elfmeter im Halbfinale Brasilien gegen Deutschland im Confederations Cup 2005 gesehen hat, bekommt bestimmt heute noch Gänsehaut. Zuerst stand Ronaldinho einfach lauernd da, unbeweglich. Er ließ eine Art Laserstrahl aus seinen Augen zwischen die Augen des Tormanns fließen. Er bewegte sich immer noch nicht. Obwohl er ungebührlich lange brauchte, um diesen Elfmeter zu schießen, drängte ihn niemand. Alle beobachteten ihn gespannt. Er durchdrang mit seiner Energie den Gegner, fixierte ihn, zerlegte ihn. Und der Tormann, unter dem Blick der Schlange, wurde zum bewegungslosen Kaninchen. Unfähig zu reagieren, ließ er willenlos, machtlos, den Elfmeter ins Tor. Danach gab es am Sieg von Brasilien keine Zweifel mehr.
Eher aus dem Rahmen fällt dagegen, was am 24.10.98 die Kongo-Presse meldete. Ein Blitz schlug auf dem Fußballplatz von Basanga ein. Das heimische Team von Basanga blieb unverletzt, doch alle elf Spieler der gegnerischen Mannschaft fielen tot um und 30 Zuschauer erlitten Verbrennungen. Im Kongo war man davon überzeugt, dass der Blitzschlag auf einen Zauberer zurückging, der der Bansanga-Mannschaft zum Sieg verhelfen sollte.

Der Fußballkult
“Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist das wirkliche Opium des Volkes”, sagt Umberto Eco. Die Menschen vergessen ihre Sorgen, sobald sie in das magische Kraftfeld des Stadions eintauchen. Sie erleben Gemeinschaft, sie fiebern einer Handlung entgegen, die sie weder satt macht noch ihre alltäglichen Probleme löst. Sie stimmen gemeinschaftliche rituelle Gesänge an, sie fallen einander im Freudentaumel in die Arme und leiden Höllenqualen, wenn ihre Mannschaft verliert. Die Demütigung einer Mannschaft ist quasi die Demütigung jedes einzelnen Anhängers dieser Mannschaft.
Magische Rituale haben oft eine sehr komplexe Choreographie. Durch vorher bestimmte und immer wiederholte Handlungen wird das Heilige, das Verehrte, das Göttliche gerufen, bis Ekstase die Anhänger des Kults in einen gemeinsamen Rausch hebt.
Ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Kults ist natürlich das Geld, also das Opfer. Die Anhänger müssen opfern, die Götter und die Priester wollen Geld sehen, viel Geld. ... Kein Fan ist darüber irgendwie sauer. Während sie selbst das Bier aus der Dose schlürfen, sehen sie dennoch bewundernd auf ihre Helden, die Champagner aus den Schuhen ihrer weiblichen Beute trinken. ... Reine Magie.

Die Zauberer
Ein Zauberer, ein Schamane, hat charismatische Wirkung auf andere. Er ist nicht einfach irgendein Mensch, er vertritt ein ganzes Universum. Er verbreitet eine Aura, ein starkes Energiefeld umgibt ihn. Die Mannschaften werden Zauberern anvertraut.

Fetische, Farben, Symbole
Ein Wappen, eine Vereinsfahne, ein Vereinsemblem entspricht in allem einem magischen Amulett. Die dargestellten Farben rufen die entsprechende Kraft.
Ein Fetisch ist ein materieller Wohnort für eine göttliche Energie. Diese Energie kann in den Wohnort gerufen werden.
“Amulette sollen dem Träger magische Kraft und zwar unmittelbar oder durch Analogiezauber oder magischen Schutz verleihen”, weiß das Wörterbuch der deutschen Volkskunde, das auch amuletum als Brei aus Kraftmehl definiert. Dieser Brei aus Kraftmehl ist heute eher ein Brei aus Sponsoren, denn wenn man sich die Bilder von Mannschaften im Kicker oder in anderen Zeitungen betrachtet, stechen als Erstes die Namen der Bier-, Auto-, Kleidungs-, Versicherungs- und Reise-Firmen ins Auge, die den Verein finanziell unterstützen, um zur besten Sendezeit ihre Werbung abzusichern, auch eine Art Fetischzauber, in dem ein Wort für ein ganzes Firmenprogramm steht, wenn’s gut platziert ist.
Im Fußball ist vor allem interessant, wie die Vereine ihre Farben kombinieren und wie die Nationalteams eingefärbt sind. Da hat Brasilien einfach einen echten Vorteil mit der Heilfarbe Grün und Gelb als lichte, erfreuliche Strömung dazu, während das Schwarz-Weiß der deutschen Nationalmannschaft ein bisschen farblos und rätselhaft daherkommt.

Magische Worte und Gesänge
Die Spieler selbst sind weniger ausdrucksstark, sieht man einmal von Günter Netzer ab, der auch als existenzialistischer Schriftsteller etwas Geld hätte verdienen können, oder von Kaiser Franz, der eine eigene Sprache entwickelte, um die Anforderungen der Reporter an ihn zu befriedigen. “Die Schweden sind keine Holländer, das hat man ganz genau gesehen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Am Spielstand wird sich nicht mehr viel ändern, es sei denn, es schießt einer ein Tor. Ich sehe nach wie vor große Möglichkeiten, das Achtelfinale nicht zu erreichen.” (Zusammenfassung aus ‚Go’, Stadtzeitung für München im Juli 2005.) Schöner hätte das Orakel von Delphi auch nicht formulieren können. Bei Zauberern kommt es nicht so sehr auf das offensichtlich Sinnvolle der Worte an, sondern auf das Ausfüllen der Zeit mit Beschwörung oder Anrufung, mit Abwehrzauber oder Lockrufen. Nicht dem Zuschauer sollen die Worte Sinn machen, sondern den Geistern. ... Und wenn Franz Beckenbauer sagt: “Ich habe in einem Jahr fünfzehn Monate durchgespielt”, beweist das nur, dass er sich wie ein wahrer Zauberer außerhalb von Zeit und Raum bewegt.
Nach dem Spiel wird von allen Beteiligten verbal geholzt, was das Zeug hält: “Heute hat mir das Glück gefehlt und dann kam auch noch Pech dazu”, Jürgen Wegmann 1988. ... In die spirituelle Tiefe ging dabei einmal ganz ungeniert Andreas Möller (1991): “Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl.”
Reime sind in der Magie die Brücke zum Nicht-Materiellen, reimend gleiten wir in die Ebenen der Energie, Geister lieben Reime. Deshalb soll gereimt werden, was sich erfüllen soll: Schatzkammer im finstren Tannenwald, bis über 1000 Jahre alt...

Die Magie der Zahlen
In der Magie der Zahlen verliert so mancher den Boden unter den Füßen, z.B. Fritz Walter der Jüngere: “Ich finde, der Klinsmann und ich – wir sind ein gutes Trio!” Und Trainer Fritz Langner (1966): Ihr Fünf spielt jetzt vier gegen drei.”
Die Magie im Fußball könnte vielleicht überhaupt auf diese Formel gebracht werden: 2x11=23. Stimmt zwar mathematisch nicht, aber im Spielfeld bewirken die 2x11 Spieler, dass ein Schiedsrichter mit auf dem Feld sein muss – also 23. So ergibt sich die einzig mögliche Situation, dass zwei Primzahlen zusammen wieder eine Primzahl ergeben. Magie eben.

Der Kultort
Der Puls der Stadien sind die Fankurven. Zwischen zwei brodelnden Fankurven zu spielen, gleicht vermutlich dem Gefühl, in einer Mikrowelle erhitzt zu werden. Fankurven in einem “Fußballtempel” (Zitat aus der Zeitschrift “Anstoß”) erzeugen eine Art Kraftfeld, in dem die Anbeter des Kults ihre Fußballgötter schaukeln, treiben, hetzen, in den Himmel heben oder fallen lassen.

Die Fahrt des Helden in die Unterwelt
In der Tradition schamanischer Kulturen reicht der Schamanenbaum von der Unterwelt (Wurzeln) in die Menschenwelt bis zum Wipfel der Oberwelt. Dort befindet sich das Nest, in dem die Schamanenmutter, die Tiermutter der Schamanin, den Schamanen ausbrütet. Die Unterwelt ist nicht wie in der christlichen Vorstellung “böse” oder “schlecht”. In der Unterwelt befinden sich mächtige Dämoninnen oder Dämonen, mit denen die zu initiierenden Schamanen Bekanntschaft machen müssen, um zu ihrer wahren Kraft zu finden. Ohne Abstieg in die Unterwelt keine magische Kraft. Ohne die Kenntnis der zerstörerischen Kräfte, des dunklen Spiegels, der verborgenen Räume gibt es kein gestaltungsfähiges Bewusstsein.
Im Stadion ist die Unterwelt gleichbedeutend mit den Umkleidekabinen und Duschen. Nach einem Spiel ist dieser Bereich die Sperrzone, in der die Spieler die Sau rauslassen können, in der Presse keinen Zutritt hat, es sei denn, dieser Zutritt wird vor Begeisterung von den Fußballgöttern gewünscht und vom Verein abgesegnet.

Die Ekstase
Fußball ist ein Sport für Männer, ein Ritual für die Mannbarkeit, ein Kräftemessen, ein Aufeinandertreffen von virtuosen Sportlern, Zauberern, Meistern, ja Göttern – doch aus keinem Sport wird die Homoerotik, die Homosexualität so streng herausgehalten wie aus allem was mit Fußball zu tun hat. Ist es nicht die letzte Sportart, in der weltweit wahre Männer ihre Kräfte messen? ... Der Mann wächst an der Energie der Frau, das ist das Geheimnis der Initiation ins Mann-Sein.

Die Suche nach dem Heiligen Gral
Fußball ist die letzte wirkliche Gralssuche. Tapfere Helden machen sich auf, um den Kelch zu erringen. Sie kämpfen ehrenhafte, stolze Schlachten, gehen entweder als Sieger hervor oder akzeptieren, dass die andere Mannschaft besser war. So geht es zwischen Männern zu. Fair und hart. Trophäe ist der Kelch. Der Gral. Bei Regen, Schnee oder 40° Hitze – die Männer scheuen keine Mühen, um den Heiligen Gral zu erringen. Gewinnen sie, dann küssen sie den Kelch, lassen ihn durch die Hände laufen, weinen, heben ihn hoch, zeigen ihn der Gemeinde, laufen mit ihm ein paar Runden.
Fußball illustriert die einzige gemeinsame Aufgabe aller männlichen Erdbewohner: befruchten. Bring ihn rein. Irgendwie. Überwinde die Abwehr. Kämpf dich durch, sei schnell und geschickt. Die Evolution verlangt den Befruchtern alles ab.


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