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Ausgabe Mai/Juni 2006
Das spirituelle Enneagramm

Eli Jaxon-Bear hat seine spirituelle Arbeit mit dem Enneagramm als einen Weg der Selbsterkenntnis entwickelt.

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Es geht dabei darum, die eigenen Fixierungen zu erkennen, als Zuschauer zu betrachten und die verdrängten Gefühle wieder zu fühlen. Christian Meyer und Angelika Winklhofer beschreiben diese Arbeit.

Gurdijeff hat das Enneagramm Anfang des 20. Jahrhunderts wohl bei den Sufis kennen gelernt und nach Westeuropa gebracht. In den 60er Jahren verband es sich mit der modernen Psychologie vor allem durch Claudio Naranjo, einem der ersten Gestalttherapeuten. So fand es seine jetzige Form.
Das Enneagramm (ennea = neun) unterscheidet neun Charakterfixierungen. Diese drehen sich um Grundthemen des menschlichen Daseins: 1.) Autonomie und Kontrolle, 2.) Liebe und Geliebtwerden und 3.) Sicherheit. Jedem Thema entspricht ein Grundgefühl: dem Thema Kontrolle entspricht der Zorn, zum Geliebtwerden gehört der Schmerz des Nicht-Geliebt-Werdens, zur Sicherheit gehört die Angst. Der Mensch wird in seinen drei Körpern gesehen: Dem physischen, mentalen und emotionalen Körper, also Körper, Geist und Seele. Jedem dieser Themen und dieser drei Körper werden drei Fixierungen zugeordnet, eine extrovertierte, eine introvertierte und eine mittlere. So entstehen neun Fixierungen.

Entstehung der Fixierungen
Um zu verstehen, wie die Charakterfixierung entstanden ist, kann man sich vergegenwärtigen, mit wie viel Angst und Hilflosigkeit das kleine Kind konfrontiert ist, dem die Welt immer wieder übermächtig und unverständlich vorkam. Es entwickelt eine Strategie, um damit zurechtzukommen. Entweder zieht es sich zurück, versteckt sich und passt sich an. Oder es entscheidet sich, stärker oder besser zu werden als die anderen und niemand die Verletzlichkeit zu zeigen. Vielleicht wird es auch hilfsbereit oder leistungsorientiert, damit es Liebe von anderen zurückbekommt. Diesen unterschiedlichen Strategien entsprechen die Charakter-Fixierungen. Dann gibt es noch jeweils drei “Unterfixierungen”, je nachdem, welcher der drei Grundtriebe am meisten Energie hat: die Selbsterhaltung, der sexuelle Trieb oder der soziale.

Die Arbeit mit dem Enneagramm
1. Fixierungen erkennenDer erste Schritt der Arbeit mit dem Enneagramm besteht darin, die eigene Fixierung zu erkennen. Dabei erfährt man, dass vieles gar nicht so originell ist, wie man immer dachte, was sehr ernüchternd wirken kann. Das Leben ist zu einem großen Teil einfach ein Film, der tausendfach, millionenfach in dieser Weise gespielt wird, von Menschen, die auf der Suche nach Liebe und Anerkennung, nach Sicherheit und nach Kontrolle sind und in dem ängstlichen Gefühl leben, von all dem nicht genug zu haben. Das ist ernüchternd. Im nächsten Schritt ist es aber auch sehr erleichternd: Wenn es nur ein Film ist, dann brauche ich es vielleicht gar nicht so ernst zu nehmen. So ist es auch in der Wahrnehmung anderer Menschen: Man kann sie deutlicher in ihrer Andersartigkeit wahrnehmen und leichter tolerieren. Man hört auf, vom Apfelbaum Birnen zu erwarten. Wenn man sich und andere besser versteht, kann man sich und andere leichter akzeptieren und respektieren.

2. Position des Zuschauers
Das Drama oder den Film des eigenen Lebens zu verstehen, aber nicht mehr so ernst nehmen, ermöglicht, die Haltung des Zuschauers oder der Beobachterin einzunehmen. Dadurch, dass die Muster erkannt werden - zunächst während sie ablaufen, später bereits, bevor sie beginnen - verlieren sie bereits einen großen Teil ihrer destruktiven Kraft. Man ist ihnen nicht mehr so ausgeliefert und kann auch häufiger darüber lächeln.
Zugleich zeigt sich hier die spirituelle Dimension des Enneagramms. Der Film ist nur die Oberfläche des Lebens, die wahre Natur ist Bewusstsein, Liebe, Lebendigkeit und Frieden. Der Film ist nicht das Wesentliche und je tiefer man in sein Inneres vordringt, um so mehr kann man diese innere Wirklichkeit erfahren. Diese spirituelle Arbeit mit dem Enneagramm hat Eli Jaxon-Bear entwickelt. So hilft das Enneagramm, das zu entdecken, was man nicht ist. Das Zurücktreten und das eigene Leben als Zuschauer zu betrachten, ist ein wesentlicher Schritt aller spirituellen Wege, das Enneagramm ist dafür ein besonders nützliches Werkzeug.

3. Gefühle wieder erleben
Am Anfang jeder Fixierung steht Angst. Bei der 6 z.B. ist es die Angst, nicht dazuzugehören oder die Angst, vernichtet zu werden. Darüber entwickelt sich die Angst vor der Angst - beides wird von der 6 meistens völlig verdrängt. Auf der Oberfläche zeigt sich nun am ehesten die Angst, etwas falsch zu machen. Das führt dann dazu, dass Entscheidungen vor sich hergeschoben werden, dass Pläne immer wieder aufgeschoben werden nach dem trügerischen Motto “Wer nichts tut, macht nichts verkehrt.” Die grundlegende Angst wird verdrängt und damit auch alle anderen Gefühle. Weil die eigene Angst verdrängt wird, wird sie oft nach außen projiziert: Sie versucht herauszufinden, was die anderen “wirklich” meinen und ob sie etwas Schlimmes beabsichtigen. Das “Herauskommen” aus der Fixierung erfordert, die Gefühle, die mit der Fixierung verdrängt wurden, wieder zu fühlen. Die Angst zu erkennen, die das Leben bisher regierte und ihr zu begegnen. Die verdrängte Wut zu fühlen oder den Schmerz, nicht genug Liebe und Anerkennung bekommen zu haben. Wenn diese Gefühle gefühlt werden, dann verliert die Fixierung ihre Energie. Sie wird nicht geändert, sie wird überflüssig, verliert ihre Macht und die ursprüngliche Lebendigkeit kommt wieder zum Vorschein.
Das sind die drei Schritte der spirituellen Arbeit mit dem Enneagramm: Die eigene Fixierung zu erkennen, zurückzutreten und die Position des Zuschauers einzunehmen und die Gefühle wieder zu fühlen, die vorher mit der Fixierung verdrängt wurden.


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