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Ausgabe März/April 2006
Der Jakobsweg

Susanne Brian begab sich für drei Monate auf den Jakobsweg. Alexandra Giray sprach mit der Pilgerin.

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Alexandra Giray: Du bist drei Monate lang den Jakobsweg gegangen. Was hat dich dazu bewogen? Welche innere Entscheidung lag dem Entschluss zugrunde?
Susanne Brian: Ich befand mich in einer Phase, wo ich glaubte, den Überblick über mein Leben zu verlieren. Die Stadt Berlin stülpte sich über mich wie ein zu großer Hut, der über die Nase rutscht und die Sicht versperrt. Ich hatte das dringende Bedürfnis nach einer Auszeit, herauszufallen aus der Zeit. Nach einer schlichten klaren Aufgabe. Mir gefiel die Idee, im Rhythmus des Gehens den Kopf zu ‚verlieren’ und ins Herz zu rutschen. An nichts weiter denken zu müssen als an den nächsten Schritt, mich einzuschwingen auf die Natur wie in einem Tanz. Ich sehnte mich danach, ganz in die Gegenwart einzutauchen, nach Religion im Ursprungssinn des Wortes – nach der Rückbindung an die Wurzeln.
Was war deine Erfahrung? Welche Essenz hast du daraus gelernt?
Ich bin still geworden, habe nach innen gelauscht und mein eigenes Lied wieder gefunden. Habe wieder spüren, schmecken, wahrnehmen gelernt – in verloren geglaubter Intensität. Habe entdeckt, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein: eine Garnitur Kleider zum Wechseln, Gaskocher, Matte, Schlafsack und ein lachendes Herz. Das Haus auf dem Rücken tragen wie die Schnecke. Schritt für Schritt. Das Ziel kennen und es doch vergessen. Nur der Moment zählt und der Moment zeigt sich in ungeahnter Ausdehnung und Fülle. Erfahrung davon, wer ich bin, wenn mir vor Müdigkeit die Knie wegsacken und nichts von dem alten ‚Ich’ aufrechterhalten werden kann, wenn mit dem Schweiß auch alle Identitäten von mir abrinnen. Erfahrung von purem Sein. Habe das Vertrauen zurückgewonnen, dass nichts mir schaden kann, dass es von allem genug gibt und dass das Ungewisse wunderbare Überraschungen in sich birgt.
Du gibst auch einen Workshop während deines Aufenthalts in Berlin: Authentic Movement and Voice. Kannst du kurz den Inhalt beschreiben? Inwiefern fließt deine Erfahrung vom Jakobsweg in diese Arbeit mit ein?
Wie es auf dem Jakobsweg eine klare Ausrichtung, einen klaren Rahmen gibt, innerhalb dessen alles passieren kann, was sich zeigen möchte und dich somit wie ein riesiger Spiegel reflektiert, so gibt dir Authentic die Chance, mit geschlossenen Augen in Stille und Leere zu tauchen und hervorzukommen mit deinem ureigensten Material, das sich in Bewegung und Tönen ausdrücken möchte. Authentic Movement geht aus dem Ausdruckstanz hervor und ist eine kreativ-meditative Form, zu den eigenen inneren Ressourcen zu finden und diese durch den Körper auszudrücken. Authentic Voice ist eine Erweiterung dieser Form auf die menschliche Stimme in der Vielfalt ihrer Möglichkeiten von Tönen und Geräuschen bis hin zu Sprache und Gesang.



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