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Ausgabe Januar/Februar 2006
Einmal Samadhi und zurück

Kann man Glücksgefühle buchen? Für Bewusstseinserweiterung Eintritt zahlen? Für Schwerelosigkeit ein Ticket lösen? In dem Berliner Floatingcenter “tranxx” hat jeder die Möglichkeit, sich diese Fragen selbst zu beantworten.

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"Floaten" heißt zu deutsch "schweben". Daniela Reil legte sich in den Floatingtank und entschwebte diesem Alltag.
\r\nSchuld an allem war William Hurt
1981 setzte Kultregisseur Ken Russell einen Film mit William Hurt in Szene, der im Original “Altered States” und in deutsch den ziemlich irreführenden Titel “Der Höllentrip” trug. Darin spielte der smarte US-Schauspieler einen Wissenschaftler, der sich mit Elektroden verkabelt, in einen Floatingtank, damals besser bekannt als Samadhi-Tank, legte, während seine Freunde seine im Tank gemachten Erlebnisse mittels Monitor auswerteten. Er machte aber nicht nur bewusstseinserweiternde Erfahrungen, sondern ging im Tank in seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung so weit zurück, dass er zeitweise auch körperlich als Art Werwolf den Tank verließ und im benachbarten Zoo mal eben eine Gazelle riss. Seit diesem Film wünsche ich mir, auch mal im Samadhi-Tank zu liegen. Nur, um eventuellen Fehlinterpretationen vorzubeugen: Es gelüstete mich weniger danach, meine Physiognomie umzuwandeln und irgendein unschuldiges Tier zu verdauen; der so brillant gemachte Film hinterließ den anhaltenden Wunsch nach eher geistiger Erfahrung. Und so wie im Film William Hurt schon sprichwörtlich Blut geleckt hatte und aus dem Tank gar nicht mehr rauswollte, so wollte ich wenigstens einmal rein. Wir schreiben das Jahr 2005 - manchmal dauert Wunscherfüllung schrecklich lange!!

Man kann auch in Farben “floaten”
Andrea Bosch, Inhaberin vom “tranxx”, nimmt mich liebevoll in Empfang. Noch bevor sie anfängt, mir alles Wissenswerte zu erklären, tauche ich schon in einen Farbrausch - nein, bis zu den Tanks bin ich noch gar nicht vorgestoßen, sondern stehe noch in der vorgelagerten Ruhe-Lounge. Orange, grün, weiß, Andrea passend dazu gekleidet, ein goldener Buddha, riesengroße Liegen zum Relaxen, leise Entspannungsmusik - alles zusammen ergibt eine so warme, friedvolle Atmosphäre, in der ich mich am liebsten sofort niederlassen würde. Brauche ich den Tank überhaupt noch? Oh ja - es gibt hier durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten. Die Farben sind nicht zufällig gewählt: Das Grün hat dieselbe (Farb-)Schwingung wie die Schumann-Frequenz, das Orange die Schwingungsfrequenz der Cheops-Pyramide, so wie selbstverständlich die Floating-Tanks, die nichts mehr mit den früheren “Sargformen” gemeinsam haben, sondern 6 qm groß und in Pyramidenform gebaut sind, nord-südlich ausgerichtet und maßstabgetreu die Originalmaße der Cheops-Pyramide aufweisen. Drei warm ausgeleuchtete Räume beherbergt das “tranxx”, komplett ausgestattet mit allem, was der Floater so braucht: Dusche, Duschgel, Shampoo, Handtuch, Bademantel. Inmitten jedes Raums ein Tank - und hier kommt die vierte Farbe hinzu: Durch die Innenbeleuchtung schimmert das Wasser tiefblau, und irgendwie meine ich, noch nie so ein Blau gesehen zu haben, es saugt mich förmlich an.

Wie gesund ist “floaten”?
“.... wie eine 3-Tages Heilfastenkur”, klärt mich Andrea auf. Das auf ca. 37° C erwärmte Wasser entspricht genau der Körpertemperatur und bringt den Körper durch die hohe Heilsalzkonzentration in einen Schwebezustand, in dem er leicht in eine Tiefenentspannung sinken kann bei gleichzeitiger Erhöhung der Stresstoleranz. Die hochkonzentrierte Sole hat zudem antiseptische Eigenschaften, die sich u.a. bei Rheuma und Arthritis positiv auswirken können. Weitere mögliche Auswirkungen sind: Stimulierung der Theta-Wellen (der Wellenbereich, in dem wir uns kurz vor dem Einschlafen befinden und in dem man optimal lernen kann), Stressreduzierung, verstärkte Produktion der Glückshormone Serotonin und Endorphin, Abmilderung von Winterdepressionen, Entschlackung und Entgiftung des Körpers ... oder mit anderen Worten: eine Regeneration für Körper, Geist und Seele.

Vorbereitungen und praktische Tipps
Nach der theoretischen Einführung nun endlich die Praxis. Vorher duschen und Toilettengang sind selbstverständlich. Aufgrund meiner Vorfreude bin ich so aufgeregt, dass ich irrtümlicherweise auf dem Herrenklo lande. (Hat aber außer mir niemand gemerkt!) Jede Floating-Session dauert komplette 60 Minuten (Vorbereitungszeit zählt nicht! dazu). Bei der Unterwassermusik kann man wählen zwischen Sphärenklängen, Wassermusik oder Hemi-Sync, wobei Andrea mit geschultem Blick den Floater berät. Im Tank gibt es eine Bedienerleiste mit 3 Knöpfen für folgende Funktionen: 1) Licht ein/ausschalten, 2) Musik ein/ausschalten, 3) Notruf. Dieser wurde erst ein einziges Mal betätigt, erzählt mir Andrea, und da war er auch nur aus Versehen gedrückt worden.

Ein Wunsch geht in Erfüllung
Ich liege im Tank. Das Wasser ist erstaunlich flach, aber so hochkonzentriert, dass man - einmal in der Waagerechten - Mühe hat, wieder in die Senkrechte zu kommen. Die große Einstiegsklappe, die sich von innen und außen leicht öffnen läßt, schließe ich sofort. Mit Platzangst hatte ich glücklicherweise noch nie was am Hut. Und da sich die Pyramidenspitze weit nach oben wölbt und der Tank ausreichend Platz für 2 Personen bietet (es wird auch “Paarfloaten” angeboten), fühlt man sich hier alles andere als eingesperrt. Das Licht lasse ich vorerst noch etwas brennen, man kann seinen Mut ja auch portionieren. In Nord-Süd-Richtung soll ich mich hinlegen, hatte mir Andrea noch gesagt. Nichts leichter als das - na ja, zumindest in der Theorie. In der Praxis habe ich allerdings anfangs wirklich Mühe, diese Position beizubehalten, da mein Körper, obwohl ich mich gar nicht bewege, mal hier- und mal dorthin dümpelt. Es braucht ein wenig Zeit, bis ich mich “justiert” habe. Die einzigsten Bedenken, die ich überhaupt hatte, bevor ich ins lagunenblaue Nass stieg, manifestieren sich glücklicherweise nur in den ersten 15 Minuten. Da man so flach ausgestreckt liegt, hat man natürlich auch die ganze Zeit das Wasser in den Ohren. (Floater mit Trommelfellverletzungen oder Tauchverbot bekommen Ohrstöpsel. Allerdings hört man dann die Unterwassermusik nicht mehr.) “Das ist nur am Anfang unangenehm, nach kurzer Zeit merkst du das nicht mehr”, hatte mich Andrea noch aufgeklärt. Das kann ich exakt so unterschreiben. Es war aber noch mehr, was ich nicht mehr merkte: da Wasser- und Körpertemperatur gleich sind, nimmt man irgendwann den Unterschied zwischen Körper und Wasser nicht mehr wahr. Und was ist mit der Zeit? Keine Ahnung, wieviel Minuten schon vergangen sind. Noch habe ich mich nicht getraut, das Licht zu löschen und irgendwie habe ich teilweise das Gefühl, ziemlich verkrampft auf dem Wasser zu liegen. Das ist mal wieder typisch: Andere sind nach dieser Zeitspanne bestimmt schon längst im Samadhi und ich liege hier, höre massiv meinen Herzschlag ...... und warte. Auch wenn ja alles mehr als angenehm ist .... aber wo bitte schön geht’s zur Erleuchtung? Dann gebe ich mir einen Ruck: Daniela, du wirst diesen Tank nicht verlassen, bevor du nicht das Licht gelöscht hast. Also paddel ich zum Bedienerknopf – Dunkelheit. Und mit diesem Knopfdruck ist urplötzlich alles anders. Viel intensiver, so als wäre ich jetzt erst wirklich angekommen.

Ein Thema in jeder Session
“Wenn du bereit bist, bekommst du ein Thema in jeder Session”, vernehme ich innerlich. Ah, und was ist jetzt mein Thema? “Annehmen!” Au nein, das ist gemein. Ich will die Kontrolle, schreie ich innerlich. Alles um mich herum schreit zurück: Ich will die Kontrolle. “Du kannst nicht loslassen.” Das stimmt ja, aber .... “Aber-Sätze setzen immer ein ‚Stop‘, sind gegen etwas gerichtet, setzen Grenzen, kein Fließen möglich.” Wann ist denn ‚fließen’ möglich? “Bei Hingabe, aber die verwechselst du allzu oft mit ‚ausgeliefert-sein‘.” Mir fällt der schöne Spruch ein: Wenn du immer alles willst, was geschieht, geschieht immer alles, was du willst. - So einfach könnte Leben sein. Und wie ist der Weg, um besser annehmen zu können? Ich bekomme ein Zeichen. Leider ist es diesmal das Blinkzeichen, das das Ende der Floating-Stunde anzeigt. Es ist aber noch mehr: für mich ein Zeichen, dass ich nochmal wiederkommen muß. Da ist mir ‚Jemand‘ noch eine Antwort schuldig geblieben.

Salz auf meiner Haut
Nur sehr ungern verlasse ich mein Refugium, zumal an meinem Körper Zentnerlasten zu hängen scheinen. Da durch den Schwebezustand auch die Schwerkraft nicht mehr wahrgenommen wird, bringt sie sich jetzt um so massiver wieder in Erinnerung. Nicht duschen, nur gründlich Haare waschen, befolge ich brav Andreas Rat. Ein Salzfilm bedeckt meinen ganzen Körper. Im Bademantel gekuschelt verbringe ich noch viel Zeit in der Ruhe-Lounge, versunken in meine gerade gemachten Erfahrungen. Nach insgesamt 4 ½ Stunden verlasse ich das “tranxx”. Ich werde wiederkommen. Ich habe auch Blut geleckt. Jetzt haben William Hurt und ich schon zwei Dinge gemeinsam.


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