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Ausgabe Januar/Februar 2006
Coaching - Professionelle Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen

Auch wenn wir für unser Leben selber die Verantwortung übernehmen, gibt es Situationen, die wir nicht selber lösen können. Bei wichtigen Entscheidungen ist es manchmal sinnvoll, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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Barbara S. arbeitete seit drei Jahren als freie Journalistin in Berlin. Sie hatte besonders zu einer Zeitschrift eine gute und regelmäßige Geschäftsbeziehung aufgebaut und begann, sich als Kolumnistin einen Namen zu machen. Als Youngster gelang es ihr inzwischen recht gut, von ihrer Schreibkunst zu leben. Seit mehreren Jahren war sie mit Rolf, einem Musiker, zusammen. Ihr Lebensgefährte schlug sich mit gelegentlichen Auftritten durchs Leben. Sie wohnten getrennt. Stress verursachte Barbara nicht nur die recht anstrengende Arbeit. Immer häufiger stellte sie sich die Frage, wie es mit der Beziehung weitergehen sollte. Bisher lehnte ihr Freund ab, zu ihr zu ziehen, Kinder waren für ihn kein Thema. “Später vielleicht” oder “mal sehen”, hieß es meistens, wenn sie ihn darauf ansprach.
Mehrmals hatte Barbara auch für eine in Österreich erscheinende Zeitschrift geschrieben. Dann wurde sie nach Wien eingeladen und bekam ein Angebot: Ob sie sich vorstellen könne, als feste Mitarbeiterin zu ihnen zu kommen. Ein verlockendes Angebot. Außerdem verstand sie sich gut mit den Wiener Redakteuren. Die Zeitschrift gefiel ihr, dazu gab es ein festes und angemessenes Gehalt. Was tun?

Berlin oder Wien?
Als sie uns zum Coaching aufsuchte, ging es ihr zunächst um die Frage: Soll ich nach Wien gehen oder lieber in Berlin bleiben? Sie hatte bereits seit einigen Tagen darüber nachgedacht und abgewogen – nun blieben ihr noch zwei Tage Zeit für die Entscheidung. Beim Abwägen der Vor- und Nachteile auf der sachlichen Ebene entstand immer wieder eine Pattsituation, die sie einer Entscheidung nicht näher brachte. Da wir nur eine Sitzung Zeit hatten, entschlossen wir uns, ihr Problem symbolisch aufstellen zu lassen. Berlin wurde auf der einen, Wien auf der anderen Seite des Raumes geankert. Barbara positionierte sich in Berlin und begann mit Blick auf Wien den Raum zu durchschreiten. Die Ermutigung lautete, nicht den Argumenten, sondern den Gefühlen nachzuspüren, die sich auf diesem Weg regten. Zu Beginn gab Barbara noch kund, was sie nach Wien zog, das Ziel schien attraktiv, bot Anerkennung und auch mehr Sicherheit. Je weiter sie sich von Berlin wegbewegte, meldeten sich Gefühle und sie wurde stiller. In ihrem Rücken blieb etwas zurück, sie verlangsamte den Schritt, ihr Atem wurde schwerer: Sie ließ ihre Freundinnen zurück. Aber Wien war nicht weit und sie würden sich besuchen. Sie setzte ihren Weg nach Wien fort. Dort angekommen, wandte sie sich um und begann zu schluchzen. Was sie beunruhigt hatte, konnte sie jetzt erfassen. Sie sah ihren Lebensgefährten in der Ferne. Sie beschrieb ihn, wie er dasaß und ihr halb abgewandt nachsah. Sie begab sich in die Position ihres Freundes, so wie sie seine Körperhaltung beschrieben hatte und fühlte sich in seine Position hinein. Regungslos, mit schweren Armen saß sie dort an seiner Stelle, lediglich die Augen waren in die Ferne gerichtet. Sie begab sich auf unsere Anweisung hin auf die Wienposition zurück und blickte in Richtung Berlin. Was ihr die Tränen in die Augen trieb, war die Gewissheit, dass ihr Lebensgefährte nichts unternehmen würde, sie in Berlin zu halten. Die Enttäuschung über sein schon seit längerem fehlendes Engagement für ihre Beziehung wurde ihr bewusst.

Das Thema hinter dem Dilemma
Wien stand weniger für eine berufliche Entscheidung als vielmehr für eine Entscheidung zugunsten oder gegen ihre Partnerschaft. Barbara fasste den Entschluss, mit Rolf zu sprechen und ihre Beziehungssituation zu klären. Was sie gefühlsmäßig in der Coachingsitzung bereits antizipiert hatte, bestätigte sich später schließlich im Gespräch mit ihm. Es war Zeit für sie, die Beziehung zu verlassen. Die berufliche Entscheidung für Wien fiel ihr dann nicht mehr schwer.

Gefühle als Wegweiser
Gefühle sind es, die unsere Entscheidungen maßgeblich beeinflussen. Und das ist gut so. Zwar versuchen wir zurecht, uns die Welt und unseren Umgang mit ihr rational zu erklären. Wir benötigen diese Form der Bearbeitung und Systematisierung, damit Sinn und Ordnung in unsere Lebenswelt kommen. Erfolgreich sind wir in der Gestaltung unseres Lebens aber nur, wenn wir unsere Gefühle ernst nehmen und anerkennen, wie sie zur Entscheidungsfindung beitragen. Das Beispiel zeigt, dass sich hinter einer beruflichen Entscheidungssituation ein ganz anders geartetes Thema verbergen kann. Die Frage, wie lange sie die Unentschlossenheit ihres Freundes noch hinnehmen wollte, hatte sich Barbara schon oft gestellt. Sie hatte allerdings Angst vor der Antwort gehabt. Aus dem Coaching nahm sie den Impuls mit, sich der Situation zu stellen und den Schmerz der Enttäuschung zu ertragen. Für die kommende Situation ist sie nun besser vorbereitet.


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