aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November/Dezember 2005
Weihnachtsbräuche und ihre Symbolik

Der Diplom-Psychologe und Autor Klausbernd Vollmar macht sich Gedanken über Weihnachten und insbesondere die Symbolik des Brauchtums rund um das Weihnachtsessen

art42933
Es ist erstaunlich, wie viele Weihnachtsbräuche es in Europa gibt, die an das Essen und Trinken gebunden sind. Dies hat eine lange Tradition, die bis weit vor die christliche Zeit zurückreicht. Das üppige Essen zur Mittwinterzeit besitzt eine profane und eine mythologische Wurzel. Es war funktional, in früheren agrarischen Gesellschaften die schwachen Tiere mittwinters zu schlachten, um sie nicht über den restlichen Winter füttern zu müssen. Die mythologischen Wurzeln reichen zu den Jul-Gelagen der Germanen.

Mythologische Wurzeln
Weihnachten und die meisten Weihnachtsbräuche gehen auf das nordgermanische Mittwinterfest zurück, das Jul genannt wurde, was nichts anderes als Fest bedeutet.

Fest für Tote und Dämonen
Die Jul-Zeit ist die Zeit der Toten, der Fruchtbarkeitsriten und der Sonnenverehrung. So wurde ursprünglich – in Norddeutschland bis teilweise ins 15. Jh. hinein – der Tisch reichlich für die Toten gedeckt. Das Gekochte und Gebackene ließ man im frühen Mittelalter über Weihnachten unberührt stehen. Man nahm an, dass die Toten sich davon bedienen würden. Nach Weihnachten mischte man dieses Essen dem Vieh unter, auf dass es im kommenden Jahr fruchtbar werde. Allerdings war dies die asketische Version des Julbrauchs, die zunehmend die Zeitgenossen nicht recht befriedigte, da es offensichtlich war, dass die Toten nichts von den verführerisch leckeren Speisen aßen. Da hätte man doch lieber selbst dieses Mahl genossen. Jedoch zogen häufig vermummte Gesellen durch die Orte, die sich von diesem Mahl reichlich bedienten. Sie trugen Masken, die Knecht Ruprecht oder den Nikolaus darstellten und man war froh, wenn sie kräftig zulangten. Einige dieser dunklen Gesellen waren als Wölfe, Füchse oder Bären verkleidet. Wenn Wolf, Fuchs oder Bär von diesem Mahl genossen, dann würden sie im kommenden Jahr dem Menschen und Vieh keinen Schaden zufügen. Für Nicht-Dämonen war das Julfest ein Fastenfest.

Opferfest für die Götter
Den Gegensatz dazu stellten die Opfergelage dar, von denen der isländische Dichter Snorri Sturluson (1178-1241) berichtete, der sich als Saga-Dichter und Politiker einen Namen machte. Man aß und trank, um Odin zu ehren und alle anderen Götter positiv zu stimmen. Dabei wurden große Mengen des Julbieres getrunken und so viel gegessen, wie man konnte. Deswegen nannte man im 14. Jh. in Norddeutschland dieses Fest das Vollbauchs- oder Dickbauchsfest. Wer am Julfest viel isst und trinkt, dem wird es das ganze folgende Jahr nicht an Speise und Trank mangeln. Auch noch im 14. Jh. trank man auf die Götter und Helden, die durch die Christianisierung von Jesus und Maria abgelöst wurden. Wer als erster aufhörte zu essen, so war die einhellige Meinung, der würde im folgenden Jahr sterben, da er die Götter und Helden beleidigte. Damit war der Völlerei Tor und Tür geöffnet. Das Julgelage war stets ein soziales Fest, bei dem jeder etwas beisteuern musste.

Opfer für Natur- und Elementargeister
Das Jul- oder Weihnachtsessen musste nicht unbedingt aufgegessen werden. Gab es Reste, wurden diese entweder unter die Obstbäume gelegt, auf dass diese im folgenden Jahr reichlich Frucht bringen, oder sie wurden unter das Viehfutter gemischt, auf dass sich das Vieh bestens vermehrte.Auch die Elementargeister wurden zu Weihnachten nicht vergessen. Den Feuergeistern schüttete man den übrig gebliebenen Branntwein in die Flamme und für die Erdgeister vergrub man die Speisereste. Luft- und Wassergeister beschwichtigte man mit Mehl, das man in die Luft und in den Brunnen warf.

Opfer für den Herrscher
Die Abgaben zu Weihnachten galten aber nicht nur den Dämonen, Göttern und Toten, sondern auch dem Herrscher. Besonders in Nordeuropa wurden die Julgelage für den König und seine Gefolgschaft ausgerichtet und als Steuerzahlung angesehen.

Das christliche Weihnachtsfest
Die Christen zeichneten sich dadurch aus, dass sie wenig eigene Symbolik schufen. Sie holten sich ihre Symbolik von den freien Völkern. Die asketische Auffassung der frühen Christen wurde bald gelockert und schon 1171 wurde der Gänsebraten urkundlich erwähnt: Ein gewisser Graf Ulrich von Schwalenberg schenkte allerdings zum Martinsfest der Abtei zu Corvey eine Gans. Dieses Überreichen von Gänsen zum Martinsfest und später zu Weihnachten war eine gängige Praxis und quasi eine Art von Steuer. Dies geht auf die Antike zurück, in der die Gans eine Verkörperung von Fruchtbarkeit und Lebendigkeit darstellte. Die Gans war das heilige Tier der Aphrodite und wurde als Opfer dem Gott der Zeugungskraft (Priapos) dargebracht.
Wurde der Weihnachtsstollen nach Forschungen der Volkskundler Höfler und Bächtold-Stäubli ursprünglich als die Verbindung von Phallus und Vulva gedeutet, so verbanden ihn die frühen Christen mit dem Leib Christi und sahen in ihm das in Windeln gehüllte Christkind. Sie rückten den Weihnachtsstollen in die Nähe der Oblaten des Abendmahls. Dass es sich hierbei um eine symbolische Form des Kannibalismus handelt, darauf machten die Aufklärer Diderot und d‘Alambert in ihrer Encyclopédie aufmerksam.

Weihnachtswunder
Bei einem solch wichtigem Fest wie Weihnachten durften für die Christen Wunder nicht fehlen.So nahmen sie z.B. in Skandinavien an, dass sich zu Weihnachten Wasser in Wein verwandeln könnte. Geschieht das allerdings nicht, wird das Wasser am Weihnachtstisch zu Heilwasser, das Christtau genannt wurde. Zugleich bleibt an Weihnachten geschöpftes Wasser ewig frisch.Sehr verbreitet war auch der Glaube, dass einem der Essig nie im folgenden Jahr ausgehen würde, wenn man Gefäße, in denen Essig aufbewahrt wurde, zum Weihnachtsläuten rüttelte. Füllte man dazu noch diese Gefäße mit Wasser, würde sich dieses Wasser in feinsten Essig verwandeln, der einem das ganze folgende Jahr über nicht ausgehen wird.Wird das Weihnachtsbrot mit drei Kreuzen versehen, besitzt es Heilkraft (speziell gegen Fieber) und wird nicht schimmeln. Gibt man einen Teil davon den Tieren, werden diese gesund bleiben und können nicht verhext werden. Für den Hofhund allerdings muss man dem Weihnachtsbrot Knoblauch hinzufügen, damit er wachsam bleibt.Formt man sich aus dem Weihnachtsbrot, das man austrocknen lässt, ein Amulett, wird einem dieses das kommende Jahr bewahren – speziell im Kriegzeiten.

Weihnachtsmann
Am Schluss noch kurz einige Sätze zur Symbolik des Weihnachtsmanns: Überall auf der Welt kennt man ihn als Father Christmas, Sint Nicoloses, Père Noël, Sinterclaas oder Santa Claus. Sein Aussehen ist überall gleich. Das zeitgenössische Bild des Weihnachtsmanns ist ein Werbegag von Coca-Cola. Es wurde um die Jahrhundertwende entworfen für ein Werbeplakat zur Weihnachtszeit. Auf ihm trat der joviale “Father Christmas” erstmalig mit rotem Mantel, weißem Bart, frischen Bäckchen und freundlichem Gesicht auf. Dieser Weihnachtsmann hat so den Nerv unseres konsumverliebten Jahrhunderts getroffen, dass er zu einem archetypischen Bild geworden ist. Endgültig festgelegt wurde das heutige Erscheinungsbild des Weihnachtsmanns 1931, als die Coca-Cola-Company den schwedisch-amerikanischen Zeichner Haddon Sundbiom mit seinem Entwurf beauftragte. Dass die Gestalt des Weihnachtsmannes der germanischen Mythologie entlehnt wurde und den Gott Thor darstellt, wäre denkbar. Vielleicht hat Sundbiom an seine schwedischen Wurzeln angeknüpft und sich der nordischen Götterwelt erinnert. Dort wird Thor als freundlicher, älterer und korpulenter Mann mit einem langen weißen Bart beschrieben. Der rote Coca-Cola-Mantel war eine Auflage des Auftraggebers.

Nikolaus
Die Ursprünge des Weihnachtsmannes liegen in der Person des heiligen Nikolaus, der in Europa schon seit mehreren Jahrhunderten verehrt wurde, allerdings als ernste Bischofsfigur. Seinen ersten Auftritt hatte der Nikolaus Mitte des 16. Jahrhunderts. Sein Erscheinen wiederum basiert auf dem Bischof Nikolaus, der im türkischen Myra lebte und wirkte. Der Bischof war bekannt dafür, dass er den Armen und Bedürftigen zur Seite stand und Geschenke brachte.Deutsche Einwanderer in die USA brachten den Nikolaus mit - ursprünglich ein Bischof und Märtyrer der frühen Christen, später u.a. Patron der Seefahrer. Nikolaus mutierte zu Santa Claus. Traditionell trug der einen grauen oder braunen Mantel. Ihm war ein verhärmter Ausdruck zu eigen - das Gegenbild zum strahlenden Weihnachtsmann. Vielschichtiger als der Nikolaus/Weihnachtsmann ist Knecht Ruprecht, der schattengleiche Gefährte von Nikolaus, in dem Bilder eines Wüterichs und dunklen Gottes überlebt haben. Dieser Gott galt als Anführer des wilden Heers in den zwölf Rauhnächten (25.12.-6.1.). Zuvor brachte das “Christkind” die Geschenke. Es war allerdings keineswegs ein kleiner Jesus, sondern eine weibliche Fee. Ubrigens ist das „Happy X-mas“ keine Erfindung der modernen Werbung. Die flapsige Redensart der Amerikaner kommt ursprünglich aus der griechischen Sprache. Dort ist der erste Buchstabe des Wortes Christus ein X, dazu kommt noch, dass das X (chi) im griechischen Alphabet der 24. Buchstabe ist.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.