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Ausgabe November/Dezember 2005
Was ist Qi?

Heiko Lassek über Qi-Konzepte im Daoismus

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Im Jahr 1997 kam der reichianische Energiemedizin praktizierende Arzt Heiko Lassek in Kontakt mit Lu Jin-chuan, dem Stammhalter der daoistischen Tradition des Taiji Men und wurde sein Schüler. Den asiatischen Kampfkünsten liegt das Energieprinzip des Qi zugrunde. Der folgende Artikel über das Qi ist ein Auszug aus einem Beitrag der Zeitschrift “emotion” – näheres siehe Buchtipp.

Übersetzungen von Qi
„Qi“ wurde und wird im angloamerikanischen Raum fast immer mit „Energie“ übersetzt und allgemeinsprachlich dem Begriff einer „Lebensenergie“ gleichgesetzt. In Wirklichkeit bezeichnet Qi, nur im Kontext übersetzbar, den gesamten Kreislauf der Transformation des Wassers vom Grundwasser hinauf in die Welt der Pflanzen, vom Tautropfen zum Nebel über den Feldern, vom Nebel bis zum Aufstieg durch Verdunstung zu der Bildung von Wolken am Himmel, von der Verdichtung der Wolken bis zum Herabregnen auf die Erde, von dem Einsickern bis zum Grundwasser in der Tiefe, vom Aufstieg in die pflanzliche Welt bis zur Verdunstung. Die chinesische Kalligraphie für Qi zeigt symbolisch die Nebeltropfen über den Reisfeldern. Weitere in der westlichen Literatur zu findende Übersetzungen sind: Leben spendendes Prinzip, Veranlagung, Kraft, Dampf, Gas, Wetter, Luft, Einflüsse, Atem oder materielle Kraft. Im Vergleich dazu sind in der Gesamtenzyklopädie der chinesischen Sprache, dem Zhongwen Dazidian, 21 verschiedene Eintragungen zur Bedeutung von Qi als einzelnem Zeichen zu finden.Interessant ist auch die Verwendung des Wortes Qi in Binomen:
Barometer - qijaji
Lufttemperatur - qiwen
Luft schnappen - qiji
Wetter - qixiang (wörtlich „Qi-Bild“)
ärgerlich sein - shengqi
Hass - qihen
Psychische und physische Disposition - qixing
Natürliche Begabung/Veranlagung - qibin
Melancholie - qijie (wörtlich Qi-Verklebung)
Moralische, charakterliche Veranlagung - qizhi
Angeborene Konstitution - yuanqi (im klassischen Kontext: „ursprüngliches Qi“)

Taiji Men
Im Folgenden werde ich den Versuch einer philosophischen Klärung des Begriffs Qi in der Tradition der bis in die Mitte der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts geheimgehaltenen Schule des Taiji Men versuchen. Taiji bedeutet „vor dem Anfang und nach dem Ende der Existenz“, Men bedeutet „Tor“. Diese Schule ist in der Volksrepublik China die anerkannt höchste philosophische Schule des Daoismus. Taiji Men unterteilt den Bereich der gesamten, auch der für uns nicht wahrnehmbaren Welt in zwei verschiedene Sphären: der des wu (des Nichts) und der des you (der Existenz). Alle Dinge, d.h. auch die menschliche Existenz, kommen aus dem Wu, existieren nach der Zeugung für einige Zeit im You, um dann im Verlöschen, dem Tod, zurückzukehren in das Wu. Das diesen Prozess (vom Wu zum You zum Wu) vermittelnde und überbrückende Agens ist Qi.
Je näher das Qi sich dem Bereich der Materie (You, der Existenz) nähert, desto dichter wird und interagiert es mit den Gesetzen der für uns erfahrbaren Wirklichkeit. So ist das Qi, das bestimmte chinesische Heiler und Kampfkünstler durch ihre Hände abstrahlen können (waiqi - das harte Qi) wissenschaftlich nachweisbar und wird seit mehr als zehn Jahren von der staatlichen Untersuchungskommission für Qigong-Wissenschaften erforscht.
Sanftes, heilendes Qi, das fortgeschrittene Heiler einsetzen, kann bisher nicht wissenschaftlich messbar erfasst werden; seine Effekte in Bezug auf die Hemmung von Bakterienwachstum und der Steigerung der Sprossung von Samen verschiedenster Pflanzenarten ist jedoch einwandfrei dokumentiert. Infrarot- und Magnetfeldmessungen zeigen hier dagegen kein Ergebnis.

Qi erfahren
Um einen (zu) einfachen Vergleich zu versuchen: Wenn Qi einige Eigenschaften des Wassers haben sollte, so hätte es auch flüssige, gasförmige und kristalline Aggregatzustände - doch hat es zahlreiche mehr. Menschen können das Qi unter besonderen, aber einfach herzustellenden Umständen wie einen bewegten Ozean von Wasser oder Luft erfahren. Es jedoch im übertragenen Sinne zu Eis gefrieren zu lassen, um damit in Kampfkunst und Medizin umzugehen, erfordert jahrelange Übung: Dies gilt umso mehr für den subtilen, gasförmigen Zustand.
Der Philosophie des Taiji Men entsprechend werden die Menschen vom Universum erschaffen, und der menschliche Körper stellt einen Mikrokosmos dieses Makrokosmos dar. Die Strukturen des Organismus korrespondieren mit den Strukturen der natürlichen Welt. In der Natur unterstützt das Wasser der Flüsse und Seen alle lebenden Dinge, so wie das Blut im Körper alle Zellen und Organe nährt. In diesem Bild entsprechen das Wasser und die Flüsse dem Blut und den Adern der organischen Welt. Darüber hinaus gibt es noch die Luft, unsichtbar, aber von fundamentaler Bedeutung für den überwiegenden Teil der Existenz auf diesem Planeten. Metaphorisch entspricht sie dem Qi. Wie können wir die Luft erfahren, wie kann man das Qi erfahren? Wir können die Existenz der Luft nicht fühlen, solange sie unbewegt ist oder wir uns selbst nicht bewegen. In dem Moment, in dem die Luft sich in Bezug auf uns bewegt und zu einem Luftzug oder Wind anschwillt, können wir sie fühlen. Metaphorisch verhält es sich in gleicher Weise mit dem Qi. Wenn das Qi den Körper bewegt, wird der Körper in bestimmte Bewegungen kommen, und der Mensch ist in der Lage, es zu fühlen. Die Übungsmethode hierzu bilden die sogenannten „spontanen Bewegungen des Taiji Men“. Shi Fang Wu Ji Dang (spontane Bewegungen in einem besonderen Zustand) oder die Praxis von Wu wei sind die Hauptmethode der Selbstbehandlung in der Qi-Dao-Medizin. Nach vollständiger, durchgehender Entspannung werden die Selbstheilungskräfte der Patienten wieder aktiviert, so dass diese Krankheiten sich selbst ausheilen können. Diese Methode kann einen sehr großen Bereich von Erkrankungen heilen. Insgesamt betrachtet beeinflusst sie jede menschliche Krankheit. Die entscheidenden Faktoren sind erstens der Grad der Entspannung, die ein Patient erreichen kann, und der Schweregrad der Erkrankung.

Qi in der Heilkunst
Wie oben erwähnt, kann Qi auch zur Behandlung menschlicher Erkrankungen eingesetzt werden. Zwischen westlicher Medizin, traditioneller chinesischer Medizin (TCM) und Qi-Medizin bestehen hier bedeutsame Unterschiede.
Westliche Medizin beruht auf der Behandlung vorliegender körperlicher Störungen. Im letzten Jahrzehnt wurde versucht, auch nahezu alle psychischen Erkrankungen auf eine physische Störung der Überträgerstoffe im Gehirn zurückzuführen. Die westliche Medizin beruht auf naturwissenschaftlichen Vorstellungen und Erkenntnissen darüber, wo sich ein Organ befindet und wie es zellulär funktioniert. Man kann sie als Organmedizin bezeichnen.
TCM basiert auf den funktionellen Erscheinungen der Organe. Diese Medizin bezieht sich nicht auf die physische Existenz der Organe, sondern auf ihre Funktionen. In der TCM befindet sich z.B. die Leber auf der linken Seite - obwohl die physische Leber auf der rechten Seite lokalisiert ist, erscheinen ihre Funktionen auf der linken. Für diese medizinische Richtung ist es nicht ausschlaggebend, wo exakt ein Organ sich im menschlichen Körper befindet, wichtig sind vielmehr seine den gesamten Organismus beeinflussenden Funktionen. Die TCM kann also als eine Organerscheinungs-Medizin betrachtet werden.
Für die Qi-Medizin ist weder die nach westlicher Ansicht bedeutsame Lage noch der Blickwinkel der TCM auf die Funktion das Entscheidende. Bedeutsam ist das Qi-Feld des Organs, man könnte sogar sagen: der Geist des Organs. Nicht die exakte Lokalisation der Leber noch die Funktionen sind in dieser Herangehensweise das Wesentliche. Entscheidend ist die Lage und die Ordnungsstruktur des Qi-Feldes.

Das Gold und der Löwe
In diesem Sinne möchte ich als Schlusswort eine daoistische Parabel zitieren:
„Im siebten Jahrhundert, als Fa-tsang, der Gründer der Hua-yen-Schule, am Kaiserhof Vorlesungen gab, sah er sich der Schwierigkeit gegenüber, die Theorie der gegenseitigen Durchdringung und der Einheit von Erscheinung und Wirklichkeit zu erklären. Fa-tsang zeigte auf einen goldenen Löwen in der Halle und trug seine berühmte Parabel vor. Das Gold symbolisiert die Wirklichkeit, und der Löwe symbolisiert die Erscheinung. Wirklichkeit selbst ist formlos, aber sie nimmt jede Form an, die die Umstände ihr geben. Ähnlich hat Gold ‚kein Bestehen an sich’, sondern ist zur Form des Löwen als seine Erscheinung geformt. Andererseits ist der Löwe nur eine Form, nur eine Erscheinung, die keine Wirklichkeit an sich hat - sie ist ganz und gar Gold. Wenn das Gold den Löwen vollkommen aufnimmt, hat der Löwe keine Existenz als getrennte Wesenheit. Die Existenz des Löwen hängt vollkommen von der Existenz des Goldes ab. Ohne Gold gäbe es keinen Löwen. Das heißt mit anderen Worten, ohne Wirklichkeit existiert keine Erscheinung. Andererseits jedoch stellt der Löwe die Erscheinung des Goldes dar. Ohne die Form des Löwen gäbe es keinen Ausdruck des Goldes. Erscheinung erweist die Existenz der Wirklichkeit. Das Gold und der Löwe koexistieren harmonisch; sie sind miteinander vereint, aber das hält keines von beiden irgendwie davon ab, es selbst zu sein. Jedes ist vollständig und genügend für sich und an sich. Das Gold und der Löwe bleiben in sich verschieden. Sieht man auf den Löwen, so sieht man ihn als Löwen; der Löwe ist offensichtlich, das Gold tritt zurück. Sieht man das Gold, so ist dieses offensichtlich, und der Löwe wird unserem Blick verschleiert. Manchmal sieht man beides; manchmal sieht man auch keines von beiden.“ (Aus: Chang Chung-yuan, Tao, Zen und schöpferische Kraft, Diederichs gelbe Reihe, Köln 1983, S.87 ff.)


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