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Ausgabe November/Dezember 2005
Tanz der Liebe

Tango Argentino – ein Beispiel vom Leben zwischen Mann und Frau

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Im Tango Argentino zeigt sich das Tanzpaar im spannenden Zusammenspiel der Geschlechter: Der Mann führt - er gibt Stabilität und Richtung, die Frau folgt – sie gibt sich hin und antwortet mit eigenen Impulsen, die das gemeinsame Spiel vorantreiben. Die Paar- und Familientherapeutin Erdmuthe Kunath erläutert, welche Erfahrungen und Einsichten aus diesem Tanz zum Gelingen von Partnerschaften beitragen können.

Das Selbstbild von Männern und Frauen und das Zusammenleben zwischen den Geschlechtern ist in den letzten Jahrzehnten in allen Lebensbereichen enormen Veränderungen unterworfen, die nicht nur größere Freiräume und zunehmende Gleichberechtigung mit sich bringen, sondern auch neue Schwierigkeiten und Herausforderungen. Viele Männer und Frauen sind in ihrem Rollenverständnis zutiefst verunsichert. Männer wissen oft nicht, wie sie Frauen begegnen sollen, was diese sich eigentlich von ihnen wünschen, und umgekehrt. In der Folge ziehen sich viele verunsichert in ein scheinbar neutrales “Niemandsland” zurück, sind weder “Fisch noch Fleisch” und strahlen die erotische Anziehungskraft eines “Neutrums” aus. Was aber können Wege sein, der alltäglichen Verunsicherung auf beiden Seiten Abhilfe zu schaffen?

Tango
Überraschenderweise erlebt der Tango Argentino parallel zu den oben skizzierten Entwicklungen seit Beginn der 80er Jahre eine bemerkenswerte Renaissance. Als Paartanz - mit in der billigen Showversion fast klischeehaft überzeichneten Mann/Frau-Bildern - erscheint seine Faszination wie ein unbewusster Versuch, über den Tanz wieder an Ursprüngliches anzuknüpfen. Auch in der Paar- und Familientherapie entwickelt sich im selben Zeitraum eine neue Richtung, die ebenfalls kontroverse, scheinbar dem Zeitgeist entgegengesetzte Beiträge zur Männer-/Frauenfrage liefert: die Familienaufstellung. Die darüber gewonnenen Einsichten und Erfahrungen hat Bert Hellinger in den sogenannten “Ordnungen der Liebe” beschrieben, die sich als außerordentlich hilfreich für das Verständnis von Paardynamiken erweisen. Interessanterweise sind diese Grundmuster in der Praxis des argentinischen Tangos unmittelbar erleb- und erfahrbar.
Schauen wir hierzu auf die Erfahrungen, die Tänzer des Tango – und dazu muss man kein Meister sein, einfache Grundschritte genügen - machen können. Tiiu Bolzmann, Familientherapeutin aus Buenos Aires sagt dazu: “Tango ist mehr als nur ein Tanz. Tango ist ein fühlbares, unmittelbar körperlich erfahrbares Beispiel vom Leben zwischen Mann und Frau. Im Wechselspiel des Tanzes von Führen und Folgen, Geben und Nehmen, Hingabe und Stabilität offenbaren sich wesentliche Grundordnungen der Liebe und Partnerschaft, wie sie auch Bert Hellinger beschreibt”.

Mann und Frau
Der Mann erlebt sich als unvollkommen angesichts der Frau, und weil ihm als Mann die Frau fehlt, zieht es ihn zur Frau, und die Frau erlebt sich als unvollkommen angesichts des Mannes, und weil ihr als Frau der Mann fehlt, zieht es sie zum Manne. Weil jedem der andere fehlt, zieht es sie zueinander. Das ist für beide ein großer Energieschub.
In der Bewegung des Tangos ist dies unmittelbar erlebbar: Der Mann begleitet die Frau mit seinem Körper, weil sie seine Stabilität braucht, um ihre Geschmeidigkeit zu finden. Sie reagiert auf diese männliche Energie, nimmt sie auf und gibt dem Mann durch ihr Vertrauen und ihre Hingabe die Kraft, sie zu führen. Er sorgt für ihre Sicherheit, damit sie den Tanz genießen kann, Verzierungen machen kann, sich mit all ihren Vorzügen entfalten kann. Auf diese Weise können sich beide ergänzen. Beim Tango folgt die Frau dem Mann in seinen Energiekreis, in seine Bewegungsform und er lässt sie sich entfalten, denn der Mann hat die Aufgabe, die Schönheit der Frau zu zeigen. Mingo Pugliese, ein alter Tangomeister aus Buenos Aires sagte einmal: “.. sie strahlt! Aber ich bin es, der sie so führt, dass sie glänzen kann.”

Geben und Nehmen
Mit der Entscheidung, gemeinsam zu tanzen, übernimmt der Mann den männlichen Teil – die Führung – und bleibt Mann. Die Frau übernimmt den weiblichen Teil – die Hingabe – und bleibt Frau. Sich hingeben heißt jedoch nicht, sich aufzugeben. Ebensowenig wie führen bedeutet, sich gewaltsam durchzusetzen. Vielmehr kreieren beide gemeinsam einen Tanz, eine gemeinsame Bewegung im Raum, der für jedes Paar einzigartig ist. Beide tun ihr Eigenes dazu und darin sind sie sich ebenbürtig.
Zur Ordnung zwischen Mann und Frau gehört weiter, dass der Mann die Frau zur Frau und die Frau den Mann zum Mann will. Außerdem ist wichtig, dass es zwischen ihnen zu einem Austausch kommt, bei dem beide gleichermaßen geben und nehmen.
Und beides, das Geben und das Nehmen, sind aktive Vorgänge. Einer nimmt aktiv den Impuls entgegen, setzt ihn um und durch diese Bewegung entsteht ein neuer Impuls, der wieder eine neue Bewegung hervorruft. Der Mann gibt einen Impuls, er sagt etwas durch seinen Körper und damit gibt er etwas von sich preis. Er zeigt etwas von seiner Eigenart, von seinem Gefühl, von seinem Geheimnis als Mann. Die Frau nimmt den Impuls entgegen, sie antwortet auf ihre Weise und damit sagt sie ebenfalls etwas von sich. Sie zeigt etwas von ihrer Eigenart, von ihrem Gefühl und von ihrem Geheimnis als Frau. Die Frau nimmt etwas vom Mann, das sie nicht hat und setzt es auf ihre Weise um. Das verstärkt ihre Weiblichkeit. Der Mann nimmt etwas von der Frau, das er nicht hat und setzt es auf seine Weise um – und das verstärkt seine Männlichkeit. Beide gewinnen durch den anderen.
Zitate in kursiv aus “Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers”, Hrsg. Gunthard Weber, Carl-Auer-Systeme Verlag
Erdmuthe Kunath und Karsten Waniorek: “Im Tanz der Liebe. Mann-Frau-Paar sein/werden. Workshop für Paare und Singles mit Elementen des Tango Argentino”.


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