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Ausgabe September/Oktober 2005
AMMA die Mutter - Aum Amriteshwaryai Namah

Einmal im Jahr kommt Amma im Rahmen ihrer Europatour nach Deutschland. Haidrun Schäfer war bei ihrem letzten Europa-Aufenthalt in Mannheim und schildert ihre Eindrücke.

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Die Maimarkthalle von Mannheim liegt auf dem Messegelände außerhalb der Stadt. Das Zeitgefühl geht mir völlig abhanden, sobald ich die Halle und damit das Feld, das Amma für drei Tage beseelt, betrete. Um 10 Uhr beginnt das Morgenprogramm. Ich bin schon vor 9 Uhr da und stelle mich in die Schlange für eine Darshan-Anmeldung. Darshan ist traditionellerweise die Begegnung mit einem Weisen; bei Amma bedeutet dies, dass sie jeden einzelnen segnet und umarmt.Es herrscht eine beeindruckende Atmosphäre in der riesigen Halle. Viele freiwillige Helfer organisieren den Aufbau, den reibungslosen Ablauf und den Abbau. Mittelpunkt ist ein kleines rosa Sofa, auf dem Amma sitzen wird. Dahinter eine Bühne, die zum einen als Leinwand für Filme und später als Bühne für Musiker dient. Im vorderen Teil der Halle gibt es einen Essensbereich, in dem von morgens bis abends indische und europäische Speisen angeboten werden. Auch hier viele, viele Helfer, die putzen, schnippeln, backen, kochen, nachfüllen, abräumen und abwaschen. Jeder kann seine Hilfe für den Zeitraum, den er investieren möchte, anbieten.

Meditation
Kurz vor 10 Uhr bildet sich ein Spalier und ein Sprechgesang erfüllt mehrere Minuten die Halle: Aum Amriteshwaryai Namah – die Würdigung und Begrüßung an die göttliche Mutter. Dann kommt sie, läuft lächelnd und Hände berührend strahlend durch die von Vorfreude ergriffene Menge. Eine Geste, die ihre Größe beweist: Sie ist völlig unprätentiös und braucht kein Podest, das sie über andere stellt. Nachdem sie sich vor allen Anwesenden verbeugt und auf dem Sofa Platz genommen hat, umringt von Kindern, beginnt eine kurze, in deutsch übersetzte Meditation. Alle Anwesenden singen dreimal OM, so dass der Klang in jeder Zelle vibriert. Danach soll jeder lautlos atmen und die Silbe MA, die reine Liebe, einatmen und OM, das göttliche Licht, ausatmen. Damit trägt die Atmung die Schwingung der beiden Silben in den ganzen Körper. Zum Schluss wird ein Sanskritmantra gesprochen: Lokah Samastah Sukhino Bhavantu, d.h. „Mögen alle Wesen dieses Universums glücklich sein und Frieden finden“.

Darshan
Anschließend beginnt der Darshan mit der Segnung von vielen Kindern. Die ersten warten schon in einer Reihe: erst stehend, dann auf Stühlen sitzend und zum Schluss kniend. Schließlich wird jeder zu ihr hingeführt. ”Für mich sind die Menschen wie Kinder, die ich liebe. Ich berühre sie und sorge so ein wenig für sie. Wie es eine Mutter tut”, sagt sie dem ZDF in einem Interview. Die ca. 1500 bis 2000 Menschen verteilen sich in der großen Halle. Die Stimmung ist friedlich und gelassen – keiner hat es eilig. Das Publikum ist bunt gemischt: Großeltern, Eltern mit Kindern, Paare, viele auch alleine, jung und alt.
Ich reihe mich in meine aufgerufene Zahlenreihe ein. Je näher ich Amma komme, um so wärmer wird mir. Ich beobachte bewundernd ihre Unermüdlichkeit, ihre Präsenz, die sie JEDEM zukommen lässt. So, wie ich Amma erlebt habe, nimmt sie den Menschen weder Krankheiten noch Sorgen oder Leid. Auch spektakuläre Heilungen sind selten. Sie sät etwas, was an jedem Ort, den sie besucht, wachsen wird: Sie legt einen Samen für Frieden in jeden Menschen, dem sie begegnet. Und damit nimmt sie die Schwere, die viele Menschen belastet. Mich berührt eine Szene, wo sie eine Mutter mit ihrem Kind in den Armen hält und ganz warm lächelt – es scheint mir, als wenn zwischen den beiden eine große Leichtigkeit ist. Bei anderen ist sie wieder sehr ernst – so, als wenn es da viel Last zu erleichtern gibt.

Nährende Liebe
Über 1600 Menschen nimmt sie allein an diesem Vormittag in ihre Arme – ohne Pause, nur ab und zu trinkt sie einen Schluck Wasser. Immer ist sie freundlich, lächelnd, jedem schaut sie in die Augen und in sein Herz. Ich bin fasziniert von der allgemeinen Geduld und Präsenz. Keine Ahnung, wie spät es ist, als ich dran bin – die Dimension Zeit ist einfach aufgelöst. Ammas Arme sind warm und weich, ihre Hände fest und energisch. Sie murmelt etwas in mein Ohr, wovon ich “meine Tochter ... sorge dich nicht...” verstehe. Mein Herz ist offen und weit und füllt sich mit Liebe und Zuversicht. “Eine gute Mutter ist wie eine Tankstelle” hat mal jemand gesagt. Amma ist die “Mutter für Millionen von Menschen. In ihren Reden drückt sie es anders aus: Jede Gesellschaft, jede religiöse Gemeinschaft besteht aus Individuen. Wenn jeder einzelne in friedlicher Absicht sein alltägliches Leben gestaltet, werden Kriege überflüssig. In Indien sorgt sie mit ihren großangelegten karitativen Projekten für die Befriedigung der Grundbedürfnisse ihrer Menschenkinder. In der wohlgenährten westlichen Welt stillt sie unseren seelischen Hunger, von einer Mutter in Liebe in den Armen gehalten zu werden, um dann “aufgetankt” ein eigenes erfülltes Leben zu leben. Amma füllt die mehr oder weniger großen Lücken fehlenden Urvertrauens mit ihrer Liebe – so wie eine Mutter ihr Kind liebt, ohne dass es etwas dafür tun muss. Über 24 Millionen Menschen hat sie insgesamt umarmt.

Abend-Darshan
Um 19.30 Uhr beginnt die Abendveranstaltung. Wieder werden vorher Darshan-Nummern ausgegeben, wieder ist die Schlange lang. Wer schon vormittags da war, wird auf morgen verwiesen – jeder soll eine Chance haben. Vor dem Darshan gibt es einen Vortrag von einem ihrer deutschen Schüler und viele Bhajans – spirituelle Lieder zu Ehren Gottes. Nach dem Schüler hält sie selbst einen Vortrag. Ihre Stimme ist tief und rauchig und sie spricht bewegt und schnell. Anschließend singt Amma und sie singt wundervoll. Musiker und Chor begleiten sie und die Halle ist erfüllt von bewegenden Klängen.

Puja und Devi-Darshan
Amma bleibt in der Regel drei Tage an einem Ort. Am letzten Abend findet immer um 19 Uhr eine Devi-Puja, eine Reinigungszeremonie, und danach ein Devi-Darshan statt. Es ist eine besondere Form des Darshans und Amma trägt hierbei einen farbenprächtigen und reich verzierten Sari. Ich bin um 17.30 Uhr da. Eine riesige Menschenmenge wartet. Die Schlange ist bunt gemischt. Wieder sind viele Kinder dabei, wobei Familien, Ältere und Gebrechliche eine Prioritätenschlange bilden – sie kommen zuerst dran. Jedem der geschätzten 5000 Menschen wird ein Sitzplatz zugewiesen, an dem ein Deckel für das Schälchen mit geweihtem Wasser und ein Briefumschlag für Spenden bereitliegen. Ich habe Nummer 2001-2100 und noch Glück, auf den mit Teppich ausgelegten Reihen sitzen zu können. Die nächsten zwei Stunden bleiben alle auf ihren Plätzen und nehmen an dem Ritual teil.

Gesegnetes Wasser
Als Amma um 19 Uhr erscheint, ist es mucksmäuschenstill im Saal. Nach der Begrüßung hält die Stadträtin von Mannheim eine Ansprache. Danach segnet Amma große Mengen von Wasser, die von ihren Helfern umgefüllt und in kleine Schälchen verteilt werden, bis jeder eins in der Hand hält. Dieses Wasser hat eine heilende Wirkung. Es kann immer wieder aufgefüllt und auch geteilt werden. Nebenher läuft ein Film über Ammas 50jähriges Geburtstagfest, das im September 2003 in Indien stattfand. Menschen aus 191 Ländern haben vier Tage und Nächte gefeiert. Amma brachte sämtliche Religionen zusammen, um gemeinsam für den Frieden zu beten.

Devi-Puja
Anschließend beginnt die Devi-Puja. Bei diesem Reinigungsritual werden 108 Mantren vorgesungen, die alle im Saal wiederholen. Dabei vollführt jeder eine reinigende Geste, bei der die Hände über den Brustraum und das Gesicht eine Art Wellenbewegung machen, um alles Dunkle abzugeben und sich für das Licht zu öffnen. Ich kenne kein einziges der Mantren, es geht auch total schnell, so dass ich nur ab und zu OM murmel, was immer wieder vorkommt. Die Mantrenfolge wird so gewaltig vorgebetet, dass ich mich mit einer Gänsehaut am ganzen Körper diesem Wellengemurmel hingebe, meine Hände dem Klang folgen und eine immer wiederkehrende harmonische Bewegung ausführen. Keine Gedanken, weder von Dunkelheit noch von Licht – ich überlasse alles dieser Kraft, der ich mich einfach anvertraue. Und es ist eine gewaltige Kraft – die Stimmen der ca. 5000 Menschen, sicher geleitet auf einem heiligen Pfad, lassen niemanden unberührt.

Devi-Darshan
Um 21 Uhr erscheint Amma festlich geschmückt. Diesmal sitzt sie auf der Bühne in einem goldenen Zelt in einem Meer von Blüten, um jeden der anwesenden Menschen persönlich zu segnen – das wird bis in die frühen Morgenstunden dauern. Begleitet wird dieser Darshan von Ammas Musikern. Es ist unglaublich, dass trotz dieser Fülle von Menschen eine so entspannte Stimmung herrscht. Amma thront in der Mitte, während von beiden Seiten eine nicht endende Reihe von Menschen auf ihre Segnung wartet. Wie so oft an diesen Tagen füllen sich meine Augen mit Tränen. Nicht aus Schmerz, sondern vor Rührung und Dankbarkeit. Eine ganz besondere Dynamik begleitet diesen Darshan. Immer wieder verschwindet ihr Gesicht hinter den vielen Körpern um sie herum und dann wieder sehe ich sie lachend und gütig ein weiteres Menschenkind empfangen. Die Musik ist laut und es herrscht Feststimmung. Viele gucken zu, andere essen und plaudern, Kinder spielen. Mit meiner Darshan-Nummer 2000 habe ich wenig Chancen an diesem Abend, bevor die letzte Straßenbahn in die Stadt zu meinem Hotel fährt. So bedanke und verabschiede ich mich still von dieser außergewöhnlichen Frau: Aum Amriteshwaryai Namah.


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