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Ausgabe September/Oktober 2005
Profit & Spiritualität – ein Widerspruch!?

Die unterschiedlichen Konzepte von Wirtschaft fallen nicht vom Himmel. Dahinter stehen auch immer spirituelle Grundentscheidungen.

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Der gemeinnützige Verein Calumed möchte mit einer Tagung ein tieferes Verständnis für die wirtschaftspolitischen Abläufe und die ihnen innewohnenden “Glaubenssätze” aufzeigen. Vertreten ist u.a. Hans Jecklin, Leiter des renommierten gleichnamigen Schweizer Musikhauses, mit einem Beitrag zum Thema “Spirituell wirtschaften”.

Alles redet über Wirtschaft – wir auch. Die einen rufen nach einem Staat, der dem so genannten “Raubtierkapitalismus” die Zähne zieht und für einen Ausgleich zwischen Arm und Reich sorgt. Die anderen betrachten dies als Irrweg: Je weniger Staat, je weniger Abgaben und Regeln, desto leichter könnten sich die Selbstheilungskräfte des Marktes zum Wohle aller entfalten. Ersteres wird dann in unserem Land gern soziale Marktwirtschaft, letzteres neoliberale Ökonomie genannt.

Angst vor Verlust
Liebe und Angst sind Gegensätze: Wo Angst herrscht, ist kein Raum mehr für Liebe und umgekehrt. Trotzdem ist das Klima in den Unternehmen mehrheitlich von Angst geprägt. So erklärte mir kürzlich der Geschäftsleitungsvorsitzende eines der großen Schweizer Unternehmen, dass es doch gut sei, wenn alle Mitarbeiter des Unternehmens auch immer ein wenig Angst vor dem Verlust der Stelle hätten. Das halte sie auf Trab. Und er erwache schließlich auch immer wieder um vier Uhr in der Frühe und spüre die Angst vor dem Scheitern in den ihm auferlegten Zielen. - Ob er denn allen Ernstes glaube, dass seine eigenen Kinder gedeihen würden, wenn er sie auf dieselbe Weise mit Angst vorantreibe, fragte ich zurück. - Das sei doch etwas ganz anderes, meinte er, da bereite die Erfahrung geliebt zu sein - im Gelingen wie im Versagen - den Boden für das Selbstvertrauen.

Angstfreies Handeln
Nur: Können wir diese unbedingte Liebe unseren Kindern vermitteln, geschweige denn den Menschen, mit denen wir ein Unternehmen zum Blühen bringen wollen, wenn wir nicht selbst in der Liebe stehen, samt all unseren Beschränktheiten? Und wo wollen wir diese Liebe finden, wenn nicht in uns selbst: in unserem Wesenskern? Angst und Mangel sind Weggenossen. Und wenn die Ökonomen ihr Handwerk als Umgang mit Knappheit und Mangel praktizieren, landen wir in einer traurigen, von Bedürftigkeit geprägten Wirtschaft. Eine Wirtschaft, wo jene um ihres Erfolges wegen bewundert werden, denen es gelingt, möglichst viel zu nehmen und so wenig als möglich dafür zu geben. Und wir können uns ausmalen, wie jene Gesellschaft aussieht, wo alle diesem Vorbild nachleben. Wenn aufgrund innerer oder äußerer Anlässe das Mangelbewusstsein einkehrt, wird letztlich Angst das Geschehen bestimmen und den Duft des Unternehmens ersticken: Das Prinzip der Anziehung wird durch Druck ersetzt. Das ist für mich die Essenz von Leadership, jenseits von Ethik und Moral: angstfreies Handeln. Die Aufgabe gegenwärtig wahrnehmen und meinen Möglichkeiten gemäß lösen. Das Ergebnis im Augenblick des Handelns loslassen und achtsam wahrnehmen, wo es mich hinführt. Im Vertrauen darauf, dass mich meine innere Führung dorthinbringt, von wo aus der nächste Schritt zu tun ist. Und den finde ich nur, wenn ich auch die neue Situation wiederum gegenwärtig wahrnehme und sie daraufhin befrage, was sie von mir braucht.



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