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Ausgabe September/Oktober 2005
Ist unser Gesundheitssystem noch zu retten?

Konstruktive Vorschläge aus der Praxis - von Dr. med. Ulrike Banis

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Seit 1982 bin ich approbierte Ärztin und habe den Großteil meiner beruflichen Laufbahn im deutschen Gesundheitswesen verbracht, zuerst angestellt und ab 1989 niedergelassen in eigener, hausärztlicher Kassenpraxis. Ich habe also alle Reformversuche, die seither stattgefunden haben, am eigenen Leibe erlebt und erlitten. Nach der Einführung des ICD 10-Schlüssels als Pflichtprogramm in allen Praxen, den ich als unsinnige beurteile, zog ich die Konsequenz, meine Kassenzulassung abzugeben. Diesen Schritt habe ich keinen einzigen Tag bereut. Ich arbeite inzwischen in einer Privatpraxis zusammen mit meinem Mann und freue mich, ärztlich und direkt am Menschen tätig sein zu dürfen. Doch seit der Einführung der Praxisgebühr im Rahmen der Gesundheitsreform zusammen mit der Streichung der Kostenerstattung naturheilkundlicher, nicht verschreibungspflichtiger Medikamente mache ich mir allmählich Sorgen. In Zusammenarbeit mit Patienten und Kollegen haben wir einige Vorschläge erarbeitet:

Wie kann man es besser machen?
1. Jeder Patient soll bei jedem Arztbesuch eine Privatrechnung erhalten.
2. Die Kosten dieser Rechnungen werden von den Krankenkassen gestaffelt vergütet.
3. Die Vernetzung zwischen Kliniken und niedergelassenen Kollegen muss verbessert werden.
4. Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen, weil unnötig, geschlossen werden.
5. Die große Anzahl an gesetzlichen Krankenkassen wird je Bundesland zu einer einzigen Krankenkasse zusammengefasst.
6. Der Hausarzt wird in der Vergütung nach GOÄ einem Facharzt gleichgestellt.
7. Alle naturheilkundlichen Medikamente werden erstattet, sofern dadurch Allopathika eingespart werden können.
8. Die naturheilkundlichen Verfahren, die Wirksamkeitsnachweise erbringen können, werden ebenfalls vergütet.

Erläuterungen und Begründungen
Zu 1: Mit der Privatrechnung erhält der Patient nicht nur einen Überblick über die von ihm verursachten Kosten, er kann gleichzeitig nachprüfen, ob das, was auf der Rechnung steht, auch tatsächlich gemacht wurde. Damit wächst das Kostenbewusstsein des einzelnen Patienten, gleichzeitig wird dem Abrechnungsmissbrauch ein Riegel vorgeschoben, weil der Patient die unmittelbare Kontrollinstanz ist.
Zu 2: Die Krankenkasse trägt eine Mitverantwortung beim “demographischen Faktor”, d.h. die Krankenkasse kann die “doctor-hoppers” besser zur Verantwortung ziehen, indem Mehrfachuntersuchungen eben nur noch zu einem kleinen Prozentsatz erstattet werden. Wer als Patient meint, er müsse drei oder mehr Meinungen einholen, bezahlt dies selbst.
Zu 3: Es sollte sich einbürgern, dass ein Patient, der mit den Röntgenaufnahmen oder den Ergebnissen der Blutuntersuchung von seinem Hausarzt ins Krankenhaus kommt, dort nicht noch einmal die gleichen Untersuchungen “verpasst” bekommt, nur weil die Großgeräte ausgelastet werden müssen. Umgekehrt reicht es aus, wenn der Patient mit einem Entlassbrief, der Aufschluss über die neu verordneten Medikamente gibt, aus der Klinik kommt. Auch ist es hilfreich, dass Ärzte sich untereinander über die Medikamenteinnahmen ihrer Patienten informieren.
Zu 4: Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben in der Vergangenheit ihre Daseinsberechtigung damit begründet, die ärztliche Versorgung “sicherzustellen”. Diese Notwendigkeit entfällt, sobald jeder Arzt quasi Privatarzt ist. Damit gibt es nur noch Verträge zwischen Arzt und seinem Patienten, ohne eine zwischengeschaltete Instanz. Die Verteilung der Patienten auf die Ärzte wird per Abstimmung mit den Füßen erledigt, d.h. wer als Arzt gut ist und sich mit seinen Patienten Mühe gibt, wird belohnt – und nicht per Gesetz durch “Massenbegrenzung” bestraft.
Zu 5: Eine einheitliche Krankenversicherung in jedem Bundesland sorgt dafür, dass die Verwaltungskosten erheblich sinken, denn man benötigt nicht mehr so viele “Wasserköpfe”. Zugleich sind die Krankenkassen per Aufsicht verpflichtet, mit den Versichertengeldern pfleglich umzugehen und diese nicht für Werbeaktionen oder architektonisch wertvolle Glaspaläste zu vergeuden.
Zu 6: Der Hausarzt oder die Hausärztin, die das soziale Umfeld der Patienten kennen, werden in ihren Funktionen aufgewertet und endlich dafür ordentlich bezahlt. So wird der wirtschaftliche Druck von den Ärzten genommen und der absurde bürokratische Aufwand entfällt. Sie können sich wieder ihrer Kernaufgabe widmen, dem Patienten zuzuhören und ihn zu behandeln.
Anfragen von Versicherungen oder Rentenversicherungsträgern sind grundsätzlich kostenpflichtig – und deutlich seltener nötig, wenn über die Rechnungen alle Informationen bei der Krankenkasse zusammenfließen und die dortigen Sachbearbeiter ihre Versicherten befragen können.
Zu 7: Über 80% der Versicherten wünschen eine Behandlung mit Naturheilmitteln, weil sie von deren Wirksamkeit überzeugt sind. Es ist die Pflicht des Gesetzgebers, diesem Wunsch zu entsprechen.
Zu 8: Auch in der Naturheilmedizin gibt es gute und weniger gute Verfahren und Möglichkeiten. Wie wäre es mit multizentrischen Verlaufsstudien, untermauert mit Fragebögen, subjektiven und objektiven Einschätzungen, dazu die Berücksichtigung der bereits im Zentrum für Dokumentation der Naturheilkunde in Essen vorhandenen Kostenanalysen des Vergleiches NHV–Schulmedizin, dem “outcome” der “best cases” beider Verfahren? Diese Art von Studien ist in den USA bereits anerkannt – warum nicht hierzulande?
Wenn man die Zahlen, die Jahr für Jahr vom Bundesrechnungshof veröffentlicht werden, kritisch liest, weiß man, dass das Gesundheitssystem unter Zugrundelegung dieser Reformvorschläge nicht nur locker bezahlbar wäre, sondern darüberhinaus auch vom Großteil der Bevölkerung mitgetragen würde. Was einem derzeit als Gesundheitsreform verkauft wird, ist eine lächerliche Flickschusterei und geht an den Kernproblemen meilenweit vorbei. Daher wünsche ich mir eine angeregte Diskussion über meine Vorschläge und mehr fachliche Kompetenz im Gesundheitsministerium!


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