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Ausgabe September/Oktober 2005
Tantrayoga in Tibet

Die geheimnisvollen Fresken im Tempel der Schlangengeister

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Der Wiener Franz Robotka schreibt über die Geheimnisse des “Tempels der Schlangengeister” in Tibet, dessen Gemälde früher verhüllt waren und nur vom Dalai Lama und seinen engsten Vertrauten eingesehen werden durften. Sie enthalten Informationen über die sonst nur mündliche weitergegebenen Praktiken der buddhistischen Tantras.

Hinter der eindrucksvollen Silhouette des Potala, der ehemaligen Winterresidenz des Dalai Lama in der Hauptstadt Lhasa, verbirgt sich ein Kleinod von unschätzbarem Wert: der Lukhang, der “Tempel der Schlangengeister”, mit seinen einzigartigen Wandmalereien, die mündliche Geheimlehre des Tibetischen Tantra darstellend.

Der Lukhang
Als der Potala-Palast im 17. Jahrhundert errichtet wurde, entstand im Laufe der 50 Jahre andauernden Bauarbeiten hinter der Nordseite eine großflächige Baugrube. Aus umliegenden Quellen gespeist, füllte sie sich allmählich mit Wasser an. Um die Natur und ihre feinstofflichen Bewohner nach diesem Eingriff wieder zu versöhnen – der Legende nach soll es ein weibliches Elementarwesen des Wassers gewesen sein, eine Lu oder Naga, halb Schlange, halb Mensch –, wurde in der Mitte des neuen Sees eine Insel gestaltet und auf ihr ein Tempel errichtet. Ursprünglich nur per Boot erreichbar, war er als persönlicher Rückzugs- und Erbauungsort für den 5. und 6. Dalai Lama gedacht.

Der 6. Dalai Lama
Im Vergleich zu allen anderen Dalai Lamas fällt der Sechste, Jamyang Gyatso (1683-1706), ziemlich aus dem Rahmen. Sein äußeres Leben stand in heftigem Widerspruch zu den Dogmen und der Mönchsdisziplin des mächtigen Gelugpa-Ordens. Mit 20 Jahren widerrief Jamyang Gyatso sein Mönchsgelübde und gab seine Robe an den Panchen Lama zurück. Er mied die dunklen Gänge des Potala und verbrachte seine Zeit mit Bogenschießen, dem Verfassen mystischer Liebesgedichte und Liebesabenteuern mit jungen Mädchen aus der Stadt. Er soll dem Wein sehr zugetan gewesen sein und besuchte häufig Tavernen in der Umgebung des Palastes.
Als ob das für die Säulen der patriarchalen Mönchshierarchie nicht schon schlimm genug gewesen wäre, weihte Jamyang sein inneres Leben auch noch ganz der vom Gelugpa-Orden abgelehnten tantrisch-sexuellen Praxis und dem Dzogchen (Ati-Yoga) der Nyingmapa-Schule. Darüber hinaus wollte er die auf Reinkarnation beruhende Erbfolge der tibetischen Herrscher durch natürliche Erbfolge ersetzen und plante zu heiraten, um ein Königstum zu etablieren. Kein Wunder, dass er bereits im Alter von 23 Jahren einem Komplott zum Opfer fiel und, von mongolischen Soldaten Richtung Peking entführt, spurlos verschwand.
Es gibt keinen Zweifel daran, dass der Lukhang-Tempel das verborgene Refugium war, in dem der 6. Dalai Lama seine Geliebten empfing und dass dieser ihm außerdem als Klause diente, in der er das innere Yoga-Tantra praktizierte. Die Errichtung und Ausschmückung des “Schlangenhauses” gehen aber nicht nur auf sein visionäres Genie zurück, sondern auch auf den Weitblick seines Mentors und Lehrers Desi Sangye Gyatso (gest. 1705), seinerzeit amtierender Regent. Dieser versuchte, das geheime tantrische Wissen der Nyingmapa-Schule, der ältesten der vier großen Schulen des Tibetischen Buddhismus, im Lukhang zu bewahren.

Die Wandgemälde im Lukhang
Diese Meisterwerke der tibetischen Kunst sind in ihrem künstlerischen Anspruch mit den Fresken in der Sixtinischen Kapelle vergleichbar. Als ihren Schöpfer vermutet man Lochen Dharma Shri (1654-1717). Zwar weist die tibetische Kunst eine große Vielfalt historischer und religiöser Motive auf, doch die mystische Praxis der buddhistischen Tantras wurde immer nur mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben. Einzig an den Wänden des Lukhang sind diese geheimen Yogalehren völlig ungeschminkt dargestellt worden. Es wird jener Pfad illustriert, der der kürzeste Weg zu spirituellem Erwachen und Befreiung sein soll.
Insgesamt sind es drei Fresken, je eines an der Nord-, Ost- und Westwand im obersten Stockwerk des Tempels. Die Gemälde waren früher verhüllt und durften nur vom jeweiligen Dalai Lama und seinen engsten Vertrauten eingesehen werden.
Die Kunstwerke an der Nordwand konzentrieren sich auf Yoga- und Sexualtechniken, wie sie in ähnlicher Weise im tantrischen Hatha-Yoga und teilweise im Taoismus praktiziert werden. Es scheint hier um die essentiellen Übungsabläufe zu gehen, die die sogenannte Schlangenkraft, die Kundalini, freisetzen sollen. Als Ergebnis davon treten, laut den alten indischen Yogaquellen, der Innere Klang (Nada) und das Innere Licht auf, und der Yogi ist bereit für Raja-Yoga oder “Königlicher Yoga”, d.h. die Arbeit mit dem geöffneten Dritten Auge, dem 6. Chakra.
Davon handeln eben nun die Bilder an der Westwand, wo Yogis in hohen Meditationsstufen (Dhyana) und z.B. beim Astralreisen gezeigt werden. Die Meisterung wiederum dieser Stufe führt zur Öffnung des 7. Chakra, und der Yoga-Praktizierende erlangt Befreiung: er geht in den Samadhi-Zustand ein.
Die Früchte dieser letzten Arbeit werden an der Ostwand illustriert, auf der die Meister des tantrischen Pfades in einer paradiesischen Umgebung, oft zusammen mit ihren Gefährtinnen, dargestellt sind.

Geheime Energieübungen
Gerade in der gegenwärtigen Zeit sind die Bilder des Lukhang eine unschätzbare Quelle für alle Yoga- und Tantrapraktizierenden auf diesem Planeten. Ihr Wert kann deshalb noch nicht wirklich ermessen werden, weil in vielen Abbildungen Techniken dargestellt sind, die in der allgemein bekannten Yogapraxis nicht weitergegeben werden. Die meisten Abbildungen sind kurz kommentiert, erstaunlicherweise sogar z.B. Suryayoga-Techniken, bei denen der Übende sehr lange direkt in die Sonne starren muss.
Nicht kommentiert sind aber jene Abbildungen, die Yogis bei der Ausführung der essentiellen Techniken zur Erweckung der Schlangenkraft und Öffnung der Shushumna-Nadi (zentraler feinstofflicher Energiekanal) zeigen. Betrachtet man unsere ausgewählte Abbildung, die eigentlich nicht sehr spektakulär aussieht, ahnt man wohl kaum, dass es sich um die wahrscheinlich entscheidendste Technik des Yoga handelt. Die beiden Figuren stehen im Zentrum des Nordwand-Freskos, das auch das größte von allen dreien ist, so als wollte man andeuten, dass es sich hier um die Kernarbeit auf dem Yogapfad handelt.
Eine detaillierte Analyse der Abbildung würde leider den Rahmen dieses Artikels sprengen. Kurz gesagt handelt es sich hier um Maha Bandha (“Große Schleuse”, eine Form von Pranayama), ausgeführt in einer spezifischen Standhaltung aus der zweithöchsten taoistischen Schule. Es ist wahrscheinlich, dass es in Tibet bewusst zu einer Verschmelzung essentiellster Yoga- und Tao-Techniken gekommen ist – man wollte aus beiden Systemen, die ohnehin verwandt sind, nur das Beste nützen.
Wie durch ein Wunder sind die kostbaren Wandgemälde über die Jahrhunderte gravierenden Beschädigungen entgangen. Nirgends sonst ist die esoterische Praxis der tantrischen Tradition Tibets mit solcher Kühnheit künstlerisch umgesetzt worden als im Tempel der Schlangengeister.

Einige wichtige Abbildungen findet man unter www.asianart.com/articles/baker/. Der Bildband über den Lukhang ist in der deutschen Ausgabe leider schon vergriffen.


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