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Ausgabe Mai/Juni 2005
Zen – weil wir Menschen sind

Vortrag des japanischen Zen-Meisters Fumon S. Nakagawa

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Der japanische Zen-Meister Fumon S. Nakagawa lebt und lehrt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Er ist Kaikyoshi – offizieller Auslandsbeauftragter – der japanischen Soto-Zen-Schule. Der Abt des Tempels Shinryu-an in Tokio und des Daihizan-Fumonji-Tempelklosters in der Nähe von München kommt für einen Vortrag nach Berlin. Wir drucken einen Auszug aus seinem Buch “Zen – weil wir Menschen sind” mit freundlicher Genehmigung des Theseus-Verlages.

Die Geschichte des Zen in Japan
Über Korea gelangte der chinesische Buddhismus im 6. Jahrhundert nach Japan. 500 Jahre später, zur Zeit eines allgemeinen, teilweise chaotischen Umbruchs der japanischen Geschichte, trat der japanische Buddhismus in seine schöpferische Phase. Zen wurde dabei zu einer der führenden japanischen Mahayana-Schulen.
Das aus China importierte Zen entwickelte sich vielseitig weiter, die Zen-Praxis als Buddha-Weg erfuhr eine wesentliche Vertiefung. Die chinesische und die indische Mentalität haben etwas gemeinsam: eine gewisse “kontinentale” Weiträumigkeit, Weitherzigkeit des Sowohl-Als-Auch. Für die japanische Mentalität ist dagegen eine einfache Entweder-Oder-Haltung kennzeichnend. Die kleine Insel Japan liegt am Rand des großen asiatischen Kontinents. Sie hat das Glück eines milden Klimas und das Naturwunder von vier klar ausgeprägten Jahreszeiten. So zeigt auch der japanische Geist seine eigene Struktur: scharfe Intuition, tiefe Einfachheit, innere natürliche Reinheit.Im japanischen Zen-Buddhismus lassen sich von Anfang an und bis heute zwei Richtungen deutlich unterscheiden, die beide aus der chinesischen Tradition stammen und sich in gegenseitiger Ergänzung entwickelt und entfaltet haben.Die Rinzai-Zen-Schule unterstützte und schuf teilweise selbst die verschiedenen Zen-Künste aus der Einserfahrung mit der universellen Wirklichkeit heraus: Kalligraphie (shodo), Tee-Zeremonie oder Tee-Weg (chado), Blumensteckkunst (kado), die Kampfkünste (budo), darunter das in Deutschland besonders durch Eugen Herriegel bekanntgewordene Bogenschießen (kyudo), auch Gartenbau-Kunst und so weiter. Fast alles das ist heutzutage im Westen geläufig. Das Wort “Weg” (do), das hier durchgängig verwendet wird und die Verbindung zu Zen ausdrückt, soll andeuten, dass in all diesen Künsten das Einssein mit der universellen Wirklichkeit praktiziert werden soll.

Die zweite Richtung, die Soto-Zen-Schule, wurde vor allem durch die Lehre Dogen Zenjis im 13. Jahrhundert geprägt. Dogen sieht die Gefahr, dass die intensive Auseinandersetzung mit den genannten Künsten für die Übenden zu einem Hindernis werden könnte, weil dabei der “Weg-Geist” leicht verlorengehe. Er verbindet seine Warnung mit der Forderung, dass in der Soto-Schule die Zen-Übung inmitten des normalen Alltagslebens praktiziert werden solle. Selbstverständlich ist bei Dogen das Zazen die Kernpraxis. Aber der völlig normale Alltag ist der kostbarste Schatz des Lebens. Kern bleibt die Zazen-Praxis: Zum Sitzen hin und aus dem Sitzen heraus – alles was uns im Leben begegnet, die gesamte Lebenspraxis, findet in der Welt des Zazen statt, dieser universellen Kostbarkeit.
Im Sinn des Mahayana-Gedankens ist Zen in Japan nicht mehr auf die Klöster beschränkt, sondern steht allen Menschen offen. Andererseits hat die Zeit viele Probleme gebracht. So gibt es immer wieder Neigungen zu kleinen sektiererischen Gruppen, es erhalten sich überholte Hierarchien, es gibt Nachwuchsprobleme wegen der sozial unklaren Stellung des Priestertums und auch wegen der oberflächlichen Atmosphäre der heutigen Konsumgesellschaft.
Seit kurzem hat Zen in die westliche Welt Eingang gefunden, nicht zuletzt durch japanische Zen-Pioniere. Es ist alles noch sehr unklar, aber schon stellt man im Westen die Frage: Was ist Zen? Doch gibt es darauf innerhalb des Zen keine intellektuell begreifbare, eindeutige Antwort. Man kann allenfalls sagen, was Zen nicht ist. Diese Schwierigkeit, die sich dem rationalen Begreifen entgegenstellt, hängt mit dem Wesen des Zen selbst zusammen, das sich allen begrifflichen Definitionen entzieht.
Es ist typisch westlich, dennoch immer wieder solche Definitionen zu versuchen. Zum Beispiel versteht man dann unter Zen eine esoterische Meditiationsmethode aus dem Osten, oder man hält es für eine Art Psychotherapie, eine Meditationstherapie. In den 60er Jahren kam es vor, dass Zen auf gleicher Ebene mit LSD gesehen wurde und heute gibt es christliche Meditationskurse unter der Überschrift “Zen”. Wie wird Zen da jeweils verstanden?
Ich meine, in dieser unübersichtlichen Situation wäre es gut, Zen zuerst einmal in seiner originalen Form als buddhistische, genauer als mahayana-buddhistische Praxis zu verstehen. Das sollte authentisch gezeigt und geübt werden. Dann kann sich ein Verständnis von Zen als einer bewussten, geistig-dynamischen Entdogmatisierungsbewegung entwickeln, als eines Befreiungsprozesses von allen Dogmen und Lehrsystemen. Letztlich ist es dann sogar egal, ob das buddhistisch ist oder nicht-buddhistisch. Das ist das Charakteristikum des Mahayana und das Wesen des Zen.

Za-Zen – das Sitzen in Dhyana
Die Zen-Tradition hat eine konkrete, erprobte und individuell machbare Praxisform überliefert: das Zazen. Man kann Zen in seiner konkreten historischen Erscheinung durchaus beschreiben. Sein eigentlicher Kern entzieht sich dennoch jeder begrifflichen Definition. Zen lässt sich vielleicht umschreiben als die Dynamik des Lebens selbst, geistig verstanden. Dabei ist es im üblichen Sinn keine Religion, keine Philosophie und auch keine Therapie. Aber genausowenig ist Zen einfach eine Methode, die sich einer anderen Religion unterordnen oder einverleiben ließe.
Im Zen geht es um die Wurzel der Existenz des Menschseins, um die Verwirklichung des Selbst, um das Aufwachen zur Vollkommenheit der eigenen Existenz im Hier und Jetzt. Dabei ist Zen bzw. Zazen – das “Sitzen in Versenkung” – kein Mittel, um etwas von uns Gewünschtes zu erreichen. Es ist vielmehr eine Vergegenwärtigung oder Realisierung der Wirklichkeit des eigenen Lebens und der gesamten Welt. Insofern ist Zen in der Tat keine Religion im herkömmlichen Sinne; und dennoch ist es tief erlebte religiöse Praxis.
In der Rinzai-Schule besteht die Hauptübung darin, eine Koan-Aufgabe zu bearbeiten. Ein koan ist eine rational unlösbare Aufgabe, wie z.B.: “Man kann den Ton zweier Hände hören, wenn sie zusammenklatschen. Was aber ist der Ton einer Hand?”
Im Vergleich zur Koan-Methode ist bei uns in der Soto-Schule das Zazen selbst das einzige und größte Koan. “Zazen ist nicht Mittel zum Erwachen. Zazen ist selbst die größte Ruhe und Freude. Zazen und das höchste bodhi-Erwachen sind identisch”, so lehrt Meister Dogen. In seiner Lehre ist die Welt des Zazen identisch mit der wahren Welt des Lebens. Er schreibt: “Akzeptiere Leben und Tod als Nirvana, hasse keines von beiden und begehre nicht das Nirvana. Nur dann bist du wahrhaft losgelöst von Leben und Tod ... Leben-und-Tod sind das Leben Buddhas.” (Shobogenzo-Shoji)
An die Übenden stellen solche Worte hohe Ansprüche. Selbst wenn man sie intellektuell versteht, ist es sehr schwierig, sie im innersten Herzen anzunehmen.
Um wachzuwerden für den Sinn des Lebens oder, anders gesagt, um mit sich selbst im Leben klarzukommen, ist die Geist-Körper-Haltung des Sitzens entscheidend:
- gerade aufgerichtetes Rückgrat
- leicht geöffnete Augen
- die Hände, ineinandergelegt und mit den Daumen zum Oval geformt, vor dem Bauch gehalten
- gekreuzte Beine im Lotussitz
- ruhige Atmung
Dies ist die grundlegende Zazen-Haltung. In dieser Geist-Körper-Haltung ist Zazen die innere Suche nach dem Selbst. Die Fragen ergeben sich ganz von selbst:
- Was tue ich?
- Warum habe ich das oder jenes getan?
- Wozu lebe ich?
- Wer bin ich?
- Warum bin ich hier?
- Warum bin ich geboren?
- Warum muss ich es so schwer haben?
- Was ist eigentlich mein Leben?
- Was bedeutet Tod?
Die Sitzübung erfordert Anstrengung und je anstrengender sie wird, desto mehr bemüht man sich um eine korrekte Haltung. Gerade durch die körperliche Anstrengung bei der fortdauernden Bemühung um eine aufrechte Haltung be- und verarbeitet der Geist alle auftauchenden Fragen – von selbst und intensiv.


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