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Ausgabe Mai/Juni 2005
Die Traditionelle Chinesische Medizin

Die TCM hat ein vielfältiges Diagnose- und Behandlungsspektrum u.a. die Früherkennung von Ungleichgewichten, bevor es zu körperlichen Symptomen kommt. Haidrun Schäfer hat den HP Bernd Monecke befragt.

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H. Schäfer: Was ist das Besondere an der Traditionellen Chinesischen Medizin?
Bernd Monecke: Zum einen hat die TCM eine ungebrochene Tradition, die seit über 2000 Jahren zu einem erfolgreichen medizinischen System gewachsen ist. Und zum anderen ist die Sichtweise eine sehr komplexe, die sowohl die körperliche als auch die emotionale und die Verhaltensebene mit einbezieht. So ist es möglich, den ganzen Menschen auf allen Ebenen in seinen Heilprozessen zu unterstützen.
Was war für Sie persönlich der Grund, sich für die TCM zu entscheiden?
Mich haben die tiefen Ebenen beeindruckt, die man mit der TCM erreichen kann. Und die Komplexität der unterschiedlichen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten, die auf jeden Menschen ganz individuell abgestimmt werden.

Was sind die verschiedenen Diagnosemöglichkeiten?
Die wichtigsten Diagnosemittel sind die Befragung, die Puls- und die Zungendiagnose. Aber auch das Verhalten, das Aussehen und die Stimme eines Menschen werden mit einbezogen. Über den Puls und die Zunge sieht man sehr gut Schwächen oder Energieblockaden, die bei einer Befragung nicht deutlich werden, einfach weil sie sich noch nicht auf der körperlichen Ebene manifestiert haben. So kann man leicht erkennen, welche Organe im Ungleichgewicht sind, wo man Energie zuführen oder ableiten sollte oder ob krankmachende Faktoren wie Wind, Hitze oder Kälte aus dem Körper ausgeleitet werden müssen. Die TCM ist also eine hervorragende Möglichkeit, um vorbeugend zu behandeln. Das ist sicher auch ein entscheidender Unterschied zu unserem Medizinverständnis: Die TCM bietet außer den Heilungsmöglichkeiten differenzierte Diagnoseformen, die ein Ungleichgewicht erkennen lassen, bevor es zu einem Symptom kommt. Im alten China war es üblich, die Ärzte dafür zu bezahlen, dass die Menschen gesund blieben.
Um eine Diagnose zu stellen, gibt es verschiedene Systeme der Zuordnung. Das bekannteste ist das 5-Elemente-System. Was verbirgt sich dahinter?
Treffender ist die Bezeichnung der 5 Wandlungsphasen. Alles im Leben kann man in diese 5 Wandlungsphasen einteilen – von Lebensphasen bis hin zu den Jahreszeiten. So wird dem Frühjahr das Holzelement zugeordnet mit den Emotionen Wut und Ärger, der Farbe Grün und den Organen Leber und Gallenblase. Das Holz geht über in den Hochsommer mit dem Feuerelement, dem Herz und dem Dünndarm mit den Kreisläufen von Herz und Dreifachen Erwärmer, der Farbe Rot und der Freude. Dann folgt der Spätsommer mit dem Erdelement, der Farbe Gelb, den Organen Magen und Milz und der Emotion Sorge. Das Metallelement gehört in den Herbst mit der Farbe Weiß, den Energieleitbahnen Lunge und Dickdarm und der Emotion Trauer. Den Winter beherrscht das Wasserelement mit den Farben Blau und Schwarz und den Organen Blase und Niere und der Emotion Angst. In dieses System können für die Diagnose auch Emotionen und Verhaltensweisen eingeordnet werden. Wenn jemand z.B. Wut nicht zulassen kann und noch andere Symptome für einen Schwerpunkt in diesem Bereich sprechen, könnte man mittels der Akupunktur die Organkreisläufe Leber und Gallenblase entweder stärken, wenn zu wenig Energie vorhanden ist oder – bei Energiestauungen – diese wieder in den Fluss bringen. Viele Großstadtmenschen haben eine Schwäche im Erdelement, also in den Organen Magen und Milz. Der Magen hat u.a. die Aufgabe, Nahrung aufzunehmen und die Milz hat in der chinesischen Medizin die zentrale Rolle der Informations- und Nahrungsverarbeitung. Die Reizüberflutung in einer Großstadt kann zu einer Überbelastung von Magen und Milz führen und so eine Magen-Milz-Qi-Energieschwäche zur Folge haben. Auf der körperlichen Ebene äußert sich das z.B. durch Appetitmangel, weichen Stuhlgang, kalten Händen und Füßen, morgentliche Antriebsschwäche, Stresssymptomatiken, Aufmerksamkeitsstörungen und im emotionalen Bereich in Form von Sorgen oder Depressionen.
Gibt es außer den 5 Elementen noch andere Zuordnungssysteme?
Ja. Bei dem Organ- oder Zang Fu-System werden alle Organe im Körper zueinander in Bezug gestellt. Jedes Organ erfüllt eine bestimmte Funktion, organisch und emotional. Beispielsweise ist die Leber für den gleichmäßigen Fluss des Qi und der Emotionen zuständig – so kann man bei Qi-Stauungen über den Lebermeridian Blockaden in anderen Organen behandeln. Ein weiteres Zuordnungssystem ist die Substanzlehre, die besagt, dass ein Teil der Ursprungsenergie nicht erneuert werden kann. Sie braucht sich über die Jahre nach und nach auf und wenn wir einen ungesunden Lebenswandel führen, altern wir einfach schneller. Es gibt verschiedene Substanzen und Energieformen im Körper, deren Zusammenspiel wichtig ist zu kennen, um ursächlich behandeln zu können. Dazu gehört das Wissen um die Yin- und Yangenergien und die verschiedenen Formen des Qi wie das Abwehr-Qi, die Atemenergie, die Nahrungsenergie und die Ursprungsenergie sowie das Blut und die Körperflüssigkeiten.
Jetzt haben wir die Werkzeuge für die Diagnose. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die bekannteste Methode ist natürlich die Akupunktur. Weniger bekannt ist die Moxibustion, bei der die Akupunkturpunkte mit Moxazigarren gewärmt werden. Für die Moxibustion verwendet man gepresstes Beifußkraut, welches eine spezielle Wärmeausstrahlung hat. Beim Schröpfen wird die Haut um bestimmte Akupunkturpunkte stimuliert, was z.B. bei Füllesymptomatiken wie Schmerzen aufgrund von Stauungen angewendet wird. Die chinesische Massage nennt sich Tuina. Sie behandelt die Energieleitbahnen und einzelne Akupunkturpunkte mit bestimmten Massagetechniken. Ein weiterer Bereich ist die chinesische Kräuterheilkunde. Die chinesischen Kräuter sind größtenteils andere Kräuter als die, die bei uns wachsen. Ich behandle mit westlichen Heilkräutern und habe eine Zusatzausbildung darüber, wie man die westlichen Heilkräuter auf das energetische System der chinesischen Medizin bezieht. Da gibt es inzwischen seit über 30 Jahren gute Erfahrungen und ich vertrete die Meinung, dass die Kräuter, die bei uns wachsen, auch mehr Bezug zu uns haben. Auch die Bewegungsmeditation Qigong ist ein wichtiger Bereich der TCM. In China gibt es Gesundheitszentren, wo zur Genesung der Patienten hauptsächlich Qigong geübt wird. Und die letzte große Säule der TCM ist die Ernährungslehre.
Wie gehen Sie persönlich vor?
Ich mache als erstes eine Anamnese, bei der ich in zwei Stunden die wichtigsten Symptome und die Krankheitsgeschichte erfrage. Dabei kristallisiert sich die Grundkonstitution heraus: was sich im Ungleichgewicht befindet, welche Organe einen Fülle- oder Leerezustand haben, ob krankmachende Faktoren wie Wind, Kälte oder Feuchtigkeit in den Körper eingedrungen sind oder ob eine Hitze- oder Feuchtigkeitssyptomatik im Körper selber entstanden ist. Um das zu erkennen, sehe ich mir die Zunge an, mache eine Pulsdiagnose und stelle natürlich Fragen im Gespräch. Danach erstelle ich eine Diagnose mit einer individuellen Behandlungsstrategie. Nach der Anamnese mache ich einen zweiten Termin, bei dem ich Nadeln setze und eine Ernährungsberatung anschließe. Jeder Patient bekommt von mir einen individuellen Ernährungsplan mit Hinweisen auf unterstützende als auch auf zu meidende Produkte. Das sind keine strengen Diätanweisungen, sondern einfach umzusetzende Tipps. Die Ernährung ist ein Bereich, wo der Patient einen großen eigenen Spielraum hat, wieviel er zu seiner Gesundheit beiträgt. Über Ernährung und die Teemischung, die ich auf Wunsch für jeden Patienten individuell zusammenstelle, kann jeder selber zur Gesundung beitragen. Zusätzlich zeige ich noch geeignete Qigongübungen, die zu Hause gemacht werden können. Mein Ziel ist, dass die Menschen nach und nach selbständiger werden. Oft geht es darum, einige Lebensbereiche wie Ernährung oder Schlafverhalten etwas umzugestalten. Deswegen beinhaltet der zweite Termin ein längeres Beratungsgespräch, bei dem ich auf die Lebensführung eingehe. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, sind bereit, selber auf verschiedenen Ebenen die Behandlung zu unterstützen.
Was für “Fälle” kommen zu Ihnen?
Zu mir kommen oft Menschen, bei denen die Schulmedizin nicht mehr weiterkommt. Dazu gehören akute und chronische Schmerzen, Allergien, Stoffwechselerkrankungen oder Tinnitus. Auch zur Raucherentwöhnung, im psychosomatischen Bereich und bei persönlichen Lebenskrisen hat sich die TCM bewährt. Gerne behandele ich auch Kinder.
Worauf sollte man bei der Suche nach einem Therapeuten achten?
Wichtig ist, dass zur Diagnose sowohl die Befragung als auch die Puls- und Zungendiagnose genutzt werden. Die Ausbildungslänge ist auch ein Indiz. In den TCM-Vereinigungen gibt es Ausbildungsstandards von 750 Ausbildungsstunden allein in einem Fachgebiet wie z.B. der Akupunktur. Und spätestens nach 3-6 Behandlungen sollte eine Besserung eintreten.
Vielen Dank für die Informationen!


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