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Ausgabe Mai/Juni 2005
Thich Nhat Hanh - Rückkehr - Reise nach Vietnam

Der vietnamesische Zen-Meister, Dichter und Friedensaktivist war zum 1. Mal, seit er im Exil in Frankreich in seinem Kloster Plum Village lebt, für 3 Monate in Vietnam. Annabelle Zinser hat ihn begleitet und berichtet über ihre Eindrücke.

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Thich Nhat Hanh, kurz Thay genannt, kehrte am 12. Januar 05 für drei Monate mit einer internationalen Delegation von 100 buddhistischen Mönchen und Nonnen und ca. 90 Laien-Praktizierenden aus aller Welt in sein Heimatland zurück – nach 39 Jahren im Exil. Das kommunistische Regime in Vietnam hat großes Interesse an einer internationalen Anerkennung, vor allem auch im Zusammenhang mit der Entwicklung des Tourismus. Voraussetzung dieser Anerkennung ist die Gewährung von Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit. In langen direkten Verhandlungen zwischen Plum Village und der Regierung wurden einige der Bedingungen, die Thich Nhat Hanh für seine Reise genannt hatte, erfüllt, wie z.B. die Veröffentlichung von 12 seiner Bücher (im Untergrund kursierten sie schon lange), dass er öffentlich reden konnte, also nicht nur in Klöstern, sondern auch in Universitäten etc und dass ihn eine internationale Delegation von buddhistisch Praktizierenden begleiten durfte. Nach langen Verhandlungen – zwischenzeitlich wurde die Reise einmal ganz abgesagt – stimmte die Regierung diesen Bedingungen zu. Das Fernsehen und die Zeitungen berichteten in unterschiedlichen Etappen immer wieder über die Reise von Thich Nhat Hanh und der internationalen Delegation und natürlich ging die Mundpropaganda wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt – immer wenn die Delegation in einem neuen Ort ankam. Je länger die Reise dauerte, desto mehr Menschen kamen aus allen Teilen des Landes dazu. Am Anfang hatte die Regierung noch versucht, in Hanoi diesen Zustrom zu unterbinden, aber im Verlauf der Reise entspannte sich das Regime immer mehr und ließ die Menschen einfach hinzukommen.

Saigon
In Saigon wohnten Thay und die Mönche und Nonnen im Phap-Van-Tempel, der genau an der Stelle aufgebaut wurde, wo früher die “Schule für Sozialarbeit” stand, die Thay in den 60er Jahren während des Vietnamkrieges errichtet hatte. Dort ist die Wiege des engagierten Buddhismus, von der Tausende von buddhistischen Laien, Mönchen und Nonnen als Sozialarbeiter in die ländlichen Gebiete zogen, um den Menschen auf den Dörfern zu helfen, mit einfachsten Mitteln Schulen und Krankenstationen, Wasser- und sanitäre Anlagen einzurichten und die Kriegsflüchtlinge mit dem Notwendigsten zu versorgen.
Thay betonte immer wieder, wie wichtig wir als internationale Gemeinschaft für die Vietnamesen vor Ort seien: Wie wir gehen, essen, atmen und lächeln, sollte als Beispiel für die Vietnamesen gelten, wie kostbar diese Übung der Achtsamkeit in Bezug auf Körper, Geist, Gefühle für uns ist, obwohl wir doch als Westler alles an Konsum haben, was sie sich vielleicht wünschen.
Immer wieder berührend für mich war die große Freundlichkeit, mit denen die Menschen uns begegneten. Wenn wir mit Thay und den Mönchen und Nonnen an der Spitze und wir Laien-Praktizierende dicht hinterher in unseren grauen Tempel-roben in die Tempel zogen, wo Thay einen Vortrag hielt, standen die Menschen seitlich am Weg und verbeugten sich und lächelten uns zu. Unsere Verunsicherung am Anfang verschwand, als wir uns klar machten, dass sie sich einfach vor unserer innewohnenden Buddha-Natur verbeugten. So freute ich mich immer mehr über diese vielen stillen Begegnungen am Straßenrand.

Prajna-Tempel
Von Saigon aus machten wir mit unserer Bus-Karawane einen Ausflug in die Berge und besuchten eine große Klosteranlage, den Prajna-Tempel. Da der Abt des Tempels der Praxis in der Plum Village-Tradition große Wertschätzung entgegenbringt, soll hier jetzt ein internationales Übungszentrum “Plum Village in Vietnam” entstehen. Nachmittags trafen wir Sr. Chan Khong, Thays älteste Schülerin und Mitarbeiterin in einem der vielen Kinderprojekte, die von Plum Village finanziert werden. Hier können die armen Bewohner der umliegenden Dörfer ihre Kinder in den Kindergarten bringen, der von Sozialarbeitern ins Leben gerufen wurde, die von Plum Village ausgebildet wurden.
Wir verbrachten dort eine Nacht im vietnamesischen Großfamilienstil: Matte an Matte wurde auf dem Boden ausgerollt und um vier Uhr morgens weckte uns die Tempelglocke zur ersten Meditation. Wir waren alle sehr glücklich in der frischen Luft und bei der weiten Aussicht auf die grüne Hügellandschaft.

Hue
Nachdem Thay und die Plum Village-Nonnen und Mönche ein großes Wochenend-Retreat in Saigon mit ca. 3000 Menschen abgehalten hatten, setzte er die Reise am 18. Februar fort und hatte einen überwältigenden Empfang von ca. 6000 Menschen in Hue, der alten Kaiserstadt in Mittel-Vietnam. Als Thay in seinen “Wurzel-Tempel” (root-temple) in Hue zurückkehrte, d.h. zu dem Kloster, wo er seine Zeit als Novize verbracht hatte, soll er einen Bruder, der neben ihm saß, gefragt haben: “Ist das wirklich wahr oder ist das ein Traum?” Der Bruder antwortete ihm: “Lieber Thay, dies ist wirklich wahr. Es ist kein Traum.”
Sr. Chan Khong erzählte uns bei einer Führung durch den Tempel aus seiner Novizenzeit eine Geschichte, die zeigte, wie liebevoll sein Lehrer mit ihm umging: Als Thay seinen Lehrer beim Essen bediente, empfand er die Zeit des Aufwartens anfangs als vergeudete Zeit und studierte deshalb die Sutren, statt zu schauen, was sein Lehrer brauchte. Einmal vergaß er, ihm die Essstäbchen zu bringen und sein Lehrer aß das Essen ohne Stäbchen nur mit dem Suppenlöffel und fragte ihn, als er fertiggegessen hatte: “Gibt es Bambus hier?” Nachdem Thay das bejaht hatte, fragte er weiter: “Was kann man aus Bambus machen?” und führte ihn mit dieser Frage zu den vergessenen Essstäbchen.

Inhalt der Vorträge
Der rote Faden, der sich bei allen Vorträgen von Thay, die Tausende von Menschen hörten, durchzieht, war: Es geht darum, die eigenen schwierigen Emotionen zu erkennen und zu heilen und Frieden in den nächstliegenden Beziehungen mit Eltern, Kindern und Partnern entstehen zu lassen. Die Methode ist offenes, entspanntes und mitfühlendes Zuhören. Dadurch können wir die andere Person verstehen, die genauso wie wir selbst leidvolle Gewohnheitsenergien des Denkens, Sprechens und Handelns hat. Die Übung besteht dann darin, nur die Worte auszusprechen, die die andere Person in ihren guten Eigenschaften bestärkt, ihr Leiden lindert und sie tröstet. Wenn wir unsere nächsten Beziehungen durch diese Übung immer mehr heilen können, geht es darum, die gleiche liebevolle Haltung in die Gemeinschaft einzubringen, wie Nachbarschaft, Schule, Kirche oder buddhistische Gemeinschaft. Dies führt zu mehr Frieden in der Gesellschaft. Dadurch tragen wir zur Verminderung von Drogenkonsum, Glücksspiel, Konsumverhalten und Prostitution bei, denn die Menschen fühlen sich in sich selbst und ihrer Umgebung wohl und geborgen und brauchen ihr vermeintliches Glück nicht im Außen zu suchen.

Annabelle Zinser: Dharmalehrerin in der Tradition von Thich Nhat Hanh, leitet die “Quelle des Mitgefühls”, Übungszentrum in der “Plum Village”-Tradition in Berlin-Hermsdorf, Heidenheimerstr. 27, Tel.: 405 865 40, www.quelle-des-mitgefuehls.de


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