aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe März/April 2005
Mit dem Teufel leben

Buchauszug

art38148
Im April kommt Stephen Batchelor, einer der profiliertesten buddhistischen Lehrer und Denker nach Berlin. Wir drucken einen Auszug aus seinem neuen Buch “Mit dem Bösen leben – Warum wir das Gute wollen und immer wieder das Böse tun” mit freundlicher Genehmigung des Theseus Verlages.Die Welt, die sich vor uns entfaltet, ist nicht nur beeindruckend subtil, komplex und großartig, in ihrem turbulenten Treiben wird sie uns auch eines Tages, zusammen mit allem anderen, das wir lieben, verschlingen. Die unglaublich ergreifende Schönheit der Schöpfung ist von ihrer diabolischen zerstörerischen Gewalt untrennbar. All die Heiligen und Philosophen vergangener Jahrhunderte bemühten sich, einen Weg zu beschreiben, wie es sich in einer solch turbulenten Welt mit Weisheit, Toleranz, Empathie, Fürsorge und Gewaltfreiheit leben lässt. Das Beeindruckende am buddhistischen Ansatz ist, dass Buddha die Annahme eines unsterblichen oder transzendenten Ichs, das gegenüber der Unbeständigkeit der Welt immun ist, verneint, und stattdessen darauf besteht, dass Erlösung im Verwerfen solch tröstlicher Fantasien und im Umarmen gerade der Teile des Lebens zu finden ist, die es wieder zerstören.

Der Welt an sich hängt etwas Dämonisches an. Sie ist ein Ort, an dem Dinge geschehen, von denen wir nicht wollen, dass sie geschehen. Autos kommen auf eisigen Straßen ins Schleudern und prallen in Bäume, statt ihr Ziel zu erreichen. Fluten, Bomben und Erdbeben zerstören in wenigen Augenblicken, was in jahrelanger Arbeit aufgebaut wurde. Manchmal fühle ich mich von allen Seiten umschlossen: innerlich den Impulsen eines Organismus ausgesetzt, der aufs Überleben programmiert ist, äußerlich von den Tragödien einer leidenden Welt überwältigt. Gleichgültig wie ernst und voller Leidenschaft meine Absicht ist, Gutes zu tun, fortweg mache ich das Gegenteil. Ich verkünde meine wichtigsten Werte und ertappe mich dabei, sie heimlich zu hintergehen. Ich gelobe, mich dem Wohlergehen anderer zu widmen, bin aber ganz meinem eigenen Wohlergehen verpflichtet.
“Ich möchte frei von Leiden sein”, schreibt der indische Buddhist Shantideva aus dem 8. Jahrhundert, “und laufe direkt in es hinein; Ich sehne mich nach Glück, aber törichterweise zerstöre ich es wie einen Feind.” Tausend Jahre später notiert Pascal: “Wir wünschen die Wahrheit, und wir finden in uns nur Ungewissheit. Wir suchen das Glück und wir finden nur Elend und Tod.” Ein solcher Widerspruch ist mehr als nur ein gelegentlicher moralischer Fehltritt, der sich durch Angst vor Strafe oder ein erhöhtes Maß an Rechtschaffenheit zur rechten Zeit korrigieren ließe. Er scheint ins Wesen der Existenz selbst gestrickt zu sein.
Selbst wenn eine ruhige, entschiedene Stimme mir zuflüstert, dass ich mir widerspreche, wenn ich einem Zwang folge, warum finde ich es dann so schwierig, dem zu widerstehen? Es ist, als triebe mich eine unnachgiebige Kraft einem unentrinnbaren Schicksal zu. Ein Teil von mir fühlt sich hypnotisiert, als ob er unter einem Zauberbann schlafwandeln würde, süchtig nach einer Erfahrung, der er nicht entsagen kann. Ich weiß, warum ich nicht tun sollte, was ich tue, und doch scheine ich es nicht verhindern zu können. Der Kampf, der Versuchung zu widerstehen, gleicht dem Kampf, dem Sog von Ebbe und Flut zu widerstehen. Und diese Begierden scheinen nichts als blasse Schatten dieser tieferen und dunkleren Strömung unserer Existenz zu sein, die unter dem Namen Teufel bekannt ist.
Ich mag ernsthaft der Überzeugung sein, Gutes zu tun und mich Bösem zu enthalten, meine Gedanken und Taten verraten allzu oft, dass ich keines von beidem mache. In der stillen und einsamen Abgeschiedenheit der Seele koexistieren unzulässige Triebe mit der Sehnsucht, gerecht und freundlich zu handeln. Beide erheben gleiches Anrecht auf meine Aufmerksamkeit. Ich schwanke zwischen ihnen hin und her, einen Augenblick verzehrt von Abscheu vor mir selbst, nur um im nächsten einen Ausbruch beglückenden Mitgefühls zu erfahren. Es ist hier, im Herzen dieses inneren Raumes, wo wir zum ersten Mal der Herausforderung begegnen, mit dem Teufel zu leben.
Zu einer Zeit, in der uns die all-umfassenden Gewissheiten geschlossener Gesellschaften und Glaubenssysteme nicht länger überzeugen oder beruhigen, finden wir uns mehr und mehr in einem verwirrenden mittleren Bereich zwischen den Traditionen wieder. Indem wir die fruchtbaren Räume zwischen den Traditionen auskundschaften, schaffen wir einen Pfad, der vielleicht in einer spezifischen Tradition verwurzelt ist, sich aber ins Niemandsland verzweigt, das zwischen allen liegt und dies gibt uns die Freiheit, die Fragen, die sich aus unserem Geborensein und Sterbenwerden ergeben, neu zu stellen.
Stephen Batchelor war lange Jahre Mönch in der Zen- und der tibetischen Tradition. Er ist Autor zahlreicher Bücher über Buddhismus und leitet ein College für buddhistische Studien in Devon, Großbritannien. Er lehrt weltweit und lebt gegenwärtig in Frankreich.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.