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Ausgabe März/April 2005
Die Konsequenzen des Erwachens

Ein Interview mit der Sufi-Lehrerin Annette Kaiser

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Annette Kaiser ist eine der zwei Nachfolger der Sufilehrerin Irina Tweedie. Sie fördert den Dialog zwischen allen mystischen Pfaden und arbeitet zur Zeit mit mehreren Menschen und Organisationen an neuen Leitbildern für Politik, Wirtschaft und Bildung. Sie führt Seminarhäuser in der Schweiz und im Chiemgau. Birgit Permantier hat sie in einem Interview über die Konsequenzen des Erwachens befragt.

Birgit Permantier: In deinem neuen Buch “Jenseits aller Pfade” geht es viel um die Konsequenzen des Erwachens. Welche Konsequenzen bringt ein erwachter Blick mit sich?
Annette Kaiser: Eine der Konsequenzen hat etwas mit unserer menschlichen Sichtweise zu tun. Es gibt ein einfaches Beispiel, das die veränderte Sichtweise beschreibt: Im alten Paradigma erlebt man sich und die Welt vom Zustand der Welle aus, im neuen vom ganzen Meer aus.
Du ziehst aus diesem veränderten Seinsempfinden auch praktische Konsequenzen, indem du dich in vielen Hilfsprojekten engagierst und zusammen mit anderen neue Leitlinien für Wirtschaft, Politik und Bildung entwickelst. Steht das nicht im Widerspruch zu der Einstellung “Akzeptieren, was ist”?
Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Aus der Haltung des tiefen Annehmens dessen, was ist, entsteht die Schöpferkraft für solche Projekte. So bin ich frei. Frei sowohl darin, was in mir an Ideen entsteht, als auch darin, was sich verwirklicht. Ich muss nichts erreichen. Es liegt kein persönliches Interesse mehr darin, dass irgendjemand irgendetwas verändert.

Welche Konsequenzen hat denn diese veränderte Sicht im Hinblick auf Beziehungen? Wie ist es denn für andere, z.B. deinen Mann, wenn du dich eher als Meer oder Liebesschwingung wahrnimmst?
Wichtig ist wahrscheinlich zu verstehen, dass wir mehrdimensional angelegt sind. Wenn mein Mann kommt, begrüße ich ihn, küsse ihn, freue mich. Das ist wie ein Kräuseln auf dem Meer. Aus diesem Seinsfeld heraus ist eine innige Verbindung da, die eigentlich zu allen Menschen besteht. Betrachten wir das Thema Liebe genauer, sehen wir, dass wir oft etwas vom anderen erwarten oder dass wir glauben, einander zu ergänzen. Und wenn wir dem tiefer nachgehen, sehen wir, dass dies sehr oft aus einem Mangel heraus geschieht. Das Sein im Jetzt hingegen kennt keinen Mangel.
Wenn Menschen einander nicht mehr brauchen, was führt sie dann zusammen?
Die Freude zusammen zu sein, die Gemeinsamkeit zu feiern. Die Partnerschaft ist weniger geprägt von Zeit, Gewohnheit oder Neigungen – vielmehr ist jeder Augenblick neu. Aber dies ist ein langjähriger Prozess, indem ich mich noch immer befinde. In der Partnerschaft kann es besonders hartnäckige Muster geben, die sich nur langsam lösen. Über die Jahre ist die Liebe toleranter und respektvoller geworden. Das hat mit dem “In-sich-selbst-aufgehoben-Sein” zu tun. Wir brauchen uns nicht, sondern begegnen uns aus einer Freiheit heraus und nehmen unser Zusammensein als Geschenk wahr. Und doch sind wir füreinander da.
Was verändert sich, wenn ich einen erwachten Blick auf Konflikte werfe?
Sie sind existent. Ich fürchte mich nicht vor Konflikten, aber ich arbeite auch nicht unbewusst darauf hin, dass sie entstehen. Das wichtigste ist, einem Konflikt nicht aus dem Weg zu gehen. Ich habe soweit innere Arbeit geleistet, dass ich inzwischen meine Schattenseiten und Schwachpunkte kenne und sofort wahrnehme, wenn etwas anstößt. Und dann warte ich nicht lange, um es anzusprechen.
Apropos Schattenseiten: Besteht nicht die Gefahr, dass ein Mensch in einer Lehrerrolle seine Schatten nicht mehr sehen kann?
Ja, natürlich. Deshalb ist es wichtig, Menschen zu haben, die mit einem reflektieren. Es ist wichtig, sich immer wieder zu überprüfen. Es braucht Achtsamkeit, Selbstreflexion und gesunden Menschenverstand – selbstverständlich. Für mich ist das nie abgeschlossen.
Da kommen wir auch zum Thema “Steckenbleiben”: Das “Steckenbleiben” – so sagst du in deinem neuen Buch – kann nicht nur einzelnen Menschen auf dem Pfad, sondern auch ganzen Traditionen und Pfaden geschehen, wenn sie nicht mehr im Dienste der Freiheit des Menschen stehen, sondern sich selbst wichtiger nehmen als das Ziel der Freiheit. Du benutzt den Begriff “spiritueller Materialismus”.
Der Begriff wurde in den 80er Jahren von Trungpa Rinpoche geprägt. Es geht dabei darum, dass Menschen, die einen Pfad beschreiten, sich subtil damit identifizieren. Sie sind dann Buddhist, Sufi, Christ oder was auch immer. Jeder Pfad, jede Religion stellt Werkzeuge zur Verfügung, damit der Mensch in sein natürliches, bewusstes Dasein erwacht. Irgendwann müssen diese Werkzeuge dann losgelassen werden, denn das Göttliche ist absolut frei. Wie könnte es gebunden sein?
Was kann mich dann motivieren, den nötigen Schritt zu tun, um mich wieder aus einer solchen Neuanbindung zu lösen?
Waches, offenes Dasein richtet sich nicht ein und macht es sich nicht bequem: Es ist. Es ist ganz lebendig, jeden Augenblick neu erschaffen. Dieses So-Sein ist frei, es beflügelt, will aus sich selbst heraus in Handlungen gehen, absichtslos-absichtsvoll. Der inneren Stimme folgend, ist es letztlich Liebe, die sich ausdrücken will. Sie ist wie ein Fluss, der sich ergießt.
Vielen Dank für das Gespräch.


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