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Ausgabe März/April 2005
Schätze aus Ladakh


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Während eines Besuches von Carolina von Gravenreith und Angelika Binszik bei S. H. Drikung Kyabgon Chetsang Rinpoche überraschte Seine Heiligkeit die Verlegerin mit der Aufgabe, ein Kunstbuch über das Kloster Phiyang und Wanla in Ladakh zu verlegen. Aus diesem reich bebilderten Buch hat Haidrun Schäfer Informationen über Ladakh, den Buddhismus und seine Ikonographie zusammengestellt.
Ladakh, das “Land der hohen Pässe”, liegt im äußersten Nordosten des indischen Subkontinents. Politisch gesehen ist es Teil des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, der seinerseits unmittelbar an China und Pakistan grenzt. Ethnisch, kulturell und religiös jedoch bildet Ladakh eine Enklave innerhalb der umgebenden indischen Provinzen und verbindet sich mehr mit Tibet und den angrenzenden Himalaya-Staaten. Als politisch sensible Zone konnte das Land bis 1974 nicht bereist werden; seither ist es dem Tourismus geöffnet und kann dank der Einrichtung eines Flughafens in der Hauptstadt Leh auch seine bisherige Isolierung während der Windermonate durchbrechen.Klimatisch und geographisch ist Ladakh ein Land der äußersten Gegensätze. Eine Hochgebirgslandschaft mit weiten Hochplateaus, unterbrochen durch tief eingegrabene Täler mit oft schluchtartigem Charakter, wird nach Norden und Süden begrenzt durch die zwei höchsten Gebirgsketten der Welt, den Himalaya und den Karakorum, mit Gipfeln bis 8000 Meter Höhe. Extrem wie die Landschaft ist auch das Klima in Ladakh. Große Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht bis zu 30° C erzeugen starke Ausgleichs- und Fallwinde, die sich häufig zu Stürmen auswachsen. Nur im Juli und August sind die Täler frei von Nachtfrost.

Trotz dieser geographischen Erschwernisse war Ladakh schon von alters her durchzogen von einem System von “Lebensadern”: Hier kreuzten sich sieben große Handels- und Karawanenwege, die die kürzesten Verbindungen von Indien nach Zentralasien und von Vorderasien nach China und Tibet darstellten. In der Hauptstadt Leh konnten die Karawanen überwintern und es entstand dort ein wichtiger Markt- und Handelsplatz. Heute erzeugt die 1974 erfolgte Öffnung des Landes für Auslandkontakte und Tourismus für die ladakhische Bevölkerung kulturell und gesellschaftlich zusätzlich Druck und Unsicherheit. Die Spannung zwischen einerseits “westlichen” Ideen und Lebensstil mit neuen Berufszweigen und Geldwirtschaft und andererseits dem traditionellen Tauschhandel und der traditionellen, religiös verwurzelten Lebensweise ist unübersehbar. Ein weiteres Problem, das seit dem politisch-militärischen Konflikt zwischen Indien und Pakistan neuerdings auch auf Ladakh zukommt, ist eine stärkere Abgrenzung bis Konfrontation zwischen Muslimen und Buddhisten, wo sich doch das Zusammenleben der Religionen bisher in freundschaftlichen Bahnen bewegt hatte.

Klöster in Ladakh
Die Klöster, die Ladakh wie kein anderes Land der Erde in hervorragendem Maß optisch und kulturell beherrschen, scheinen Naturerfahrung in religiöse Erfahrung umgesetzt zu haben. Sie stehen an ausgesetzten Stellen, kleben an steilen Hängen, Teil des Gebirges, Kristallisationspunkt von Stein, Licht und Stille. Sie hüten Schätze der verschiedensten Art; den Schatz der Weisheit, der sich in der Übung der Meditation und rechter Weltsicht äußert, den Schatz der genauen Kenntnis der Rituale zum Wohle der Menschen durch Stärkung des Guten und Zurückdrängung des Bösen. In den Äbten der Klöster werden Wiedergeburten von Heiligen verehrt. Geschulte Mönche und andere Künstler haben, aus dem Fundus des Glaubens und des religiösen Erlebens schöpfend und durch Meditation erleuchtet, wunderbare Bilder und Skulpturen geschaffen, die die Wände der Gebetsräume und Tempel ausstatten.

Die vier Schulen des Buddhismus
Der Buddhismus in seiner tibetischen Form als tantrischer Buddhismus (Tantras sind Meditationstexte) wird in Ladakh als letztem Rückzugsgebiet noch in seiner reinsten Form ausgeübt. Es gibt hier noch heute die vier großen religiösen Schulen des tibetischen Buddhismus, die in den verschiedenen Klöstern friedlich nebeneinander ihre Lehren vertreten:
- die unreformierte Rotmützen-Sekte der Nyingmapa, vom großen Lehrer Padmasambhava im 8. Jh. n. Chr. gegründet;
- der halbreformierte Rotmützen Orden der Kargyupa (Linie der mündlichen Überlieferung);
- die Sakyapa-Schule und
- der Gelbmützen Gelupa-Orden (Schule der Tugendhaften). Zusammen mit den Kargyupa bilden sie den wichtigsten und verbreitesten Orden. Ihr geistiges Oberhaupt ist der Dalai Lama.

In den Klöstern Tibets und somit auch in Ladakh – Ladakh gehörte zu Westtibet – wird vorwiegend der Mahayana- und der Vajrayana-Buddhismus gelehrt und praktiziert. Betritt man nun den Lakhang (Tempel) eines tibetisch-buddhistischen Klosters, so fallen einem eine Vielzahl an Abbildungen unterschiedlichster Art ins Auge. Sie sind allesamt Meditationshilfen, denn im Mahayana und Vajrayana wird mit Visualisation gearbeitet. Man meditiert über die verschiedenen Aspekte des Erleuchtungsgeistes. Dieser Erleuchtungsgeist zeigt sich beispielsweise in Form von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Avalokiteshvara wird dann nicht isoliert dargestellt, sondern in einem Mandala, das heißt zusammen mit seinem gesamten Gefolge. Es ist also keine Anbetung einer Vielzahl von Göttern, sondern ein Betrachten, eine Verinnerlichung der Vollkommenheit, der Ganzheit, solange, bis man diese Vollkommenheit als den eigentlichen Zustand der eigenen Natur erkennt. Da nun jeder Mensch seine ureigene Veranlagung hat, benötigt jeder seinen ureigenen Weg zur Erkenntnis. Der eine gelangt mit der Meditation über Avalokiteshvara zur Erleuchtung, der andere benötigt eine zornvolle Erscheinung wie Vajrapani, um sein Ego zu überwinden.
Die fünf Tathagatas

In der tantrischen Mythologie haben die fünf Transzendenten Buddhas einen größeren Stellenwert. Sie stehen für die fünf Buddha-Weisheiten und sind:
- Akshobya, der Unerschütterliche. Er repräsentiert die spiegelgleiche Weisheit, die alles reflektiert, ohne von der Spiegelung in irgendeiner Weise angezogen zu sein.
- Ratnasambhava, der mit dem Edelstein Geborene. Er verkörpert die Weisheit der Wesensgleichheit.
- Amitabha, der von grenzenlosem Licht. Er verkörpert Weisheit und Klarheit.
- Amoghasiddhi, der sein Ziel unbeirrt verwirklicht. Er verkörpert die “Alles-vollendende Weisheit”.
- Vairocana, der Erleuchtende.

Diese Transzendenten Buddhas haben mit der Gesetzmäßigkeit alles Irdischen nichts zu tun. Sie inkarnieren nicht und verlöschen nicht, sie sind allzeit als Buddhas gegenwärtig. Sie wurden 750 n. Chr. eingeführt. Jedem von ihnen untersteht eine Himmelsrichtung und jeder ist Herrscher eines bestimmten Zwischenparadieses. In diesem Zwischenparadies kann man wiedergeboren werden und die Lehren des Buddha direkt hören.

Bodhisattvas
Ursprünglich ist ein Bodhisattva einer, der den Erleuchtungsweg zum Wohle aller fühlenden Wesen geht und dabei schon spirituelle Erfahrungen gemacht hat. Ihre hohe Verwirklichung ermöglicht es den Bodhisattvas, suchenden Wesen auf dem Weg zu helfen, ihr Karma zu verbessern und die Energie der Weisheit zu übertragen. Bei ihrem Bemühen um die Wesen können sie die verschiedensten Formen annehmen, an mehreren Orten gleichzeitig erscheinen und vielfältige Wunder bewirken. Um ihre Kraft und Fähigkeit darzustellen, sind sie in der Ikonographie mit der fünfzackigen Krone geschmückt und können mehrere Köpfe haben. Avalokiteshvara gilt als der wichtigste transzendente Bodhisattva. Er ist derjenige, der das Leid der Wesen sieht und Mitgefühl mit ihnen hat. Sein Mantra “Om Mani Padme Hum” ist daher auch das am weitesten verbreitete Mantra. Zu den weiblichen Transzendenten Bodhisattvas gehören die Taras in ihren 21 Formen, Ushnishavijaya, die Mutter aller Buddhas, und Prajnaparamita, die Weisheit, die hinübergegangen ist. Tara und Prajnaparamita waren die ersten weiblichen Buddhas. Der Tarakult ist etwa um 150 n. Chr. erstmals erschienen.

Schutzgottheiten und Dakinis
Die nächste Gruppe sind weibliche und männliche Schutzgottheiten. Sie waren in früheren Leben Dämonen, die durch einen Eid gezwungen wurden, die buddhistische Lehre und deren Praktizierende zu schützen. Des weiteren findet man in der Ikonographie Abbildungen von Dakas und Dakinis. Dakinis, die “Himmelswandlerinnen”, sind Wesen, die menschliche Form annehmen können, um einem Menschen den Pfad zur Erleuchtung zu zeigen. Sie werden als Boten verstanden, die dem Suchenden die ihm innewohnende Erleuchtungsenergie bewusst machen können. Dabei können sie zu Mitteln der Zauberei oder der Illusion greifen. Auch gibt es Abbildungen von Arhats. Die sechzehn Arhats sind historische Persönlichkeiten, die die Erleuchtung durch Belehrungen von anderen erlangt haben. Buddha hingegen hat die höchste Erlösung und Befreiung aus dem Daseinskreislauf selbst gefunden und verwirklicht. Siddhas oder Mahasiddhas sind Yogis, die nicht nur Erleuchtete waren, sondern auch noch Wunderkräfte entwickelt haben.


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