aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Januar/Februar 2005
Ein Lied, das die Seele zurückbringt

Nadia Salah berichtet über die Anwendung schamanischer Kraft- und Heilliedrituale an der Samuel-Hahnemann-Schule

art36705
Nach der indischen Lehre geht der Klang jedweder Form voraus und im Ursprung war das OM, aus dem sich die ganze Schöpfung entfaltete. Die moderne Physik bestätigt diese alte Lehre: Die Materie erweist sich als Illusion und das stofflich Sichtbare beruht in seiner atomaren Struktur letztlich auf Schwingung von Energie.

Heillied
Auch das Heillied als schamanische Technik weiß um die Wechselwirkung von Form und Klang. Da die materiellen Formen in Wahrheit Energieschwingungen darstellen, kann umgekehrt auch der Klang auf die Materie wirken. Als schamanisches Ritual ist das Lied eine Metapher des Absoluten und ruft aufgrund der in ihm wirkenden göttlichen Kraft ein ganzes Spektrum an Heilungen hervor. Beim Singen entstehen Frequenzen, die tief in den Körper des Kranken eindringen und die Zellstruktur auf die kosmische Ordnung einstimmen. Zum einen führt das Kraftlied tief in die Trance; es vermag aber auch im anderen Bewusstseinszustand geistige Helfer wie Krafttiere und Engel herbeizurufen. Zum anderen stellt das Heillied eine magische Technik des Schamanen dar, deren Wirkungsmächtigkeit sogar das Karma aufzulösen vermag, denn es ist dem Totem der Spinne zugeordnet, die als Krafttier nur dem Heiler erscheint, der entweder dem Tod oder dem Wahnsinn ins Auge geblickt hat. Ein solcher Schamane hat die Fähigkeit, die Stricke zu zersingen, mit denen die Menschen an den Pfahl des Schicksals gefesselt sind.

Alexanderkreis
Im Alexanderkreis, einem Kreis von Heilern, der auch für Schüler und Externe zugänglich ist, wird die Kunst des heilenden schamanischen Gesangs eindrucksvoll vermittelt. Für die musikalisch-technische Perfektion sorgt hierbei Astrid Dicke, deren tiefe Musikalität alle Facetten des schamanischen Liedgutes umfasst. Sie rezitiert die Gesänge sibirischer Jakuten mit der gleichen Inspiration wie buddhistische Mantren oder Songlines aus dem australischen Outback.
Die Seele des Ganzen ist Andreas Krüger, der Direktor der Samuel-Hahnemann-Schule, was man aber leicht vergisst angesichts der fröhlichen Ausgelassenheit, musikalischen Intensität und unbändigen Lebensfreude, die er an diesen Abenden ausstrahlt. Durch seine Stimme – heißt es in den alten Überlieferungen – hat der Schamane Gewalt über die Menschen und tatsächlich legt sich die Stimme von Andreas – charaktervoll und von eigentümlich herber Schönheit – wie ein Zauber auf die Seele. Wenn man sich in der Trance dieser rauen Stimme und ihrer zart-brüchigen Klangfarbe hingibt, erinnert sie so sehr an einen Druiden, dass man schwören könnte, in Stonehenge zu sitzen. Und Andreas, der schamanisches Wissen und Strenge mit so viel Liebenswürdigkeit vereint, leitet den ganzen Abend hochkarätige magische Operationen: Seelenreisen, Anrufung der Schutzgeister, Aufspüren des Krafttieres und Entdeckung des eigenen Heilliedes, um nur einige zu nennen.

Begegnung mit dem Tod
Ich erinnere mich an Abende voll ekstatischer Freude, an denen Andreas sein Krafttier tanzte und das wilde Heulen eines Steppenwolfes den Raum erfüllte. Ich erinnere mich aber auch an ruhige, stimmungsvolle Abende voller Harmonie, an denen die Klänge und Rhythmen der Mantren wie Balsam für die Seele waren. Aber keine schamanische Initiation ohne Begegnung mit dem Tod. Erschütterung und Trauer machen sich in der Schule breit, als die Nachricht eintrifft, dass Reinhold, ein großer Heiler und enger Freund von Andreas, die gestrige Nacht nicht überlebt hat. Ungemein tröstlich ist der Gedanke, dass unsere Lieder diese Seele auf dem Weg ins Unbekannte begleiten. “Wir wandeln”, heißt es in der freimaurerischen Oper, die die Initiation zu ihrem Thema gemacht hat “wir wandeln durch des Tones Macht froh durch des Todes düstre Nacht” und erst jetzt habe ich das Gefühl, diese Verse aus Mozarts Zauberflöte annähernd verstanden zu haben. Egal wo sich die Seele versteckt hat, zerrieben im Alltag, zerfetzt von widersprüchlichen Loyalitäten oder abgestumpft durch den alltäglichen Wahnsinn der Massenmedien – Andreas bringt sie durch ein Lied zurück und sprühende Lebensfreude dazu, wie man sie zuletzt als Kind empfunden hat. Ein großer Heiler, der uns gelegentlich ermahnt an die Worte eines noch größeren: “Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen…”


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.