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Ausgabe Januar/Februar 2005
“Du bist der Mann deines Lebens!”

Frank H. Fiess schreibt über seine jahrelangen Erfahrungen als Trainer von Männergruppen.

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Das Männer-Training beginnt
Siebzig Augenpaare sind auf mich gerichtet. Männer aller Altersgruppen aus dem gesammten deutschsprachigen Raum, mit den verschiedensten Berufs- und Lebensgeschichten haben sich “Im Kreis der Männer” zusammengefunden. Was sie vereint, ist die Hoffnung oder die Ahnung, dass die Wertschätzung und die Verwurzelung in ihrem Mann-Sein eine sprudelnde und nie versiegende Kraftquelle in ihrem Leben sein wird. Ankommen unter Männern. Schon nach der ersten Meditation begegnen sich die Männer von Angesicht zu Angesicht: “In die Augen schauen!” In den Augen ist alles sichtbar. Das Wesen. Die Angst. Die Liebe. Der kleine Junge. Der Mann. Mit jeder weiteren Seele, der sie in die Augen schauen, spüren die Männer: “Hier ist Raum ... Raum für mich, Raum, um mir selbst und den anderen Männern mit Würde und Respekt zu begegnen. Ein sicherer Raum, in dem jeder Mann so willkommen ist, wie er ist!” Das schafft Vertrauen, Sicherheit, Achtung und Respekt - die Grundlage für Intimität und Heilung.

Von Anfang an begleitet die Männer ihr eigener Atem und die Erfahrung, in ihrem eigenen Körper zu Hause zu sein. Der Körper ist der “erste Verbündete der Kraft” für uns Männer. Aus dem Vertrautwerden mit dem eigenen Atem und der Präsenz “In diesem Moment – jetzt” öffnen sich die Männer für den “zweiten Verbündeten der Kraft”: den Klang. Alles ist Klang, alles ist Schwingung. “Uni versum” (lat.) bedeutet “ein Lied”. Wir Männer öffnen uns für unser Lied und unsere Lieder.
Die Reise geht weiter. Die Männer sind mit sich und ihrem Selbst gut in Kontakt. Ich lade sie ein, sich “dem kleinen Jungen – dem inneren Kind” zuzuwenden. Männern, die ihre Grundverletzungen nicht gefühlt und “zu sich” genommen haben, fehlt etwas Entscheidendes. Unsere ersten Lebensjahre prägen uns für unser ganzes Leben – und für alle unsere Beziehungen. Daraus sind unsere Grundmuster und Glaubenssätze entstanden.

Fühlen
Das Fühlen des eigenen Leids und die Bereitschaft, es zu uns zu nehmen, offenbart oftmals generationsübergreifende Beziehungs- und Verhaltensmuster innerhalb der Familie: z.B. einen Vater, der selbst keinen Vater hatte oder einen, der emotional nicht anwesend war, oder einen, der ein Tyrann war; Großväter, die im Krieg waren und viel Grauen und Schmerz erfahren mussten. In den Tränen der Männer darf das alte Leid schmelzen. In diesen Tränen wird auf einmal die Liebe spürbar, die jedes Kind in sich trägt, das diese Erde betritt. Die Männer fühlen ihren eigenen Schmerz. Sie spüren, was der kleine Junge in ihnen erfahren hat und wie daraus die Abwehrmechanismen und Masken ihres Lebens gewachsen sind: der “harte Hund”, der “Arrogante”, der “Intellektuelle”, der “Zyniker”, der “Melancholiker”, der “Sensible”, der “Wilde”, der “Smarte” usw.
Männer, die ihren eigenen Schmerz fühlen und für ihre emotionale Heilung Verantwortung übernehmen, durchbrechen die Kette des Leids, die solange von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Aus ihnen erwachsen keine neuen Täter. Die wahrhaftige Begegnung mit dem eigenen Fühlen schafft eine große Nähe. Die Gemeinschaft wächst zusammen. Die Männer machen die Erfahrung – für viele in dieser Tiefe das erste Mal – dass sie mehr sind als Konkurrenten und Rivalen. Sie erfahren sich als Verbündete, Brüder, Freunde und Weggefährten. Die beginnende Heilung unserer Grundverwundungen lässt uns auch das positive Erbe unseres Vaters, unserer Mutter, unserer Ahnen empfangen. Wir können erfahren: “Der Weg zur Liebe führt auch durch das Herz unserer eigenen Mutter, unseres eigenen Vaters.”

Männer in ihrer Kraft
Der Tanz, der Atem und der Gesang rufen die Männer in ihre Kraft. Die Energie kocht und brodelt. Der Raum ist erfüllt mit Männerkraft. Frei und wild in einem sicheren Raum. Freude, Begeisterung, Enthusiasmus. Dynamische Körpererfahrungen schenken jedem von uns die Gewissheit: “Ich bin kraftvoll und stark! Meine Lebendigkeit und mein Feuer ist willkommen!” Leuchtende Augen, lachende Gesichter – wie schön die Männer sind. Die Übung “Eisenbiegen” bringt es auf den Punkt. Liebe und Intention bewirken Wunder. Die Männer biegen das Eisen, weil sie sich über die Augen mit ihren Herzen verbinden und aus ihrer gemeinsamen Intention heraus handeln. Es geht darum, unserer Lebensenergie unsere eigene, selbstbestimmte Richtung zu geben, denn wir denken jeden Tag mehr als 60.000 Gedanken, fühlen 80.000 Empfindungen und machen weit mehr als 20.000 Atemzüge – das ist wissenschaftlich erwiesen.

Sexualität
Das gewachsene Vertrauen und die Zuversicht begleiten die Männer in das Land des Körpers und der Sexualität. Wir lernen, unsere Energie im ganzen Körper fließen zu lassen. Wir erfahren, wie sich unser Männer-Körper als sinnliches, sexuelles, orgasmisches Wesen anfühlt: vibrierend vor Freude, Lebenslust und Wohlbefinden. Auch Männer-Ängste sind Thema: “Ich bekomme keine Erektion.” “Ich komme zu früh.” “Ich fühle mich nicht attraktiv/sexy genug.” Jeder Mann hat seine eigenen Ängste. Sie dürfen sich zeigen und bekommen ihren Platz. Wir sehen sie nicht als Makel, sondern als Tür zu einer neuen, wahrhaftigen und authentischen Form von Sinnlichkeit und Sexualität. Jeder Mann stärkt sich in seinem sexuellen Selbstbewusstsein, als freier Mann seine Sexualität zu leben und zu feiern. Jeder Mann lernt, seinen Lingam (indisch: “Lichtstab”) mit seinem Herz und seiner Seele zu verbinden. So kann er beim Liebesspiel mit seiner Partnerin oder seinem Partner Erfüllung, Verschmelzung und Ekstase erfahren. Ich nehme die Männer mit in “das Land der heiligen Sexualität” – ein Land, das noch nicht viele von uns betreten haben. Sie lernen die einzigartige Entspannung und den Genuss einer Lingam- und Anusmassage kennen.

Natur und Spiritualität
Dann naht das Ende der Reise ins Männerland – die Vollendung: Ein ganzes Wochenende in der Natur. Wir stehen unter dem weiten Himmel der Prignitz im Berliner Umland. Hier gibt es Weite, Wald, Wiesen, Wasser und viel Platz für uns. Unsere nackten Füße stehen fest auf der heiligen Mutter Erde. Der Himmel über uns ist verhangen. Wir machen ein Feuer – ein großes Feuer. Die Flammen lodern hoch in den Himmel. Wir sind weit gegangen, auf unserem “Weg der Liebe”. Die letzten Stunden sind dem gewidmet, was jedem von uns heilig ist.

Der Feuerlauf
Das Feuer reinigt uns. Feuer ist ein großartiger Lehrer – so wie alle Elemente. Das Feuer fordert uns unerbittlich auf, wahrhaftig zu sein – immer wieder. Wir singen, wir tanzen, wir beten. Das Feuer verwandelt sich in einen großen Berg rotschimmernder Glut. Jeder Mann ist frei in seiner Entscheidung, über das Feuer zu gehen oder nicht. Andreas hat mir später gesagt: “Die Freiwilligkeit – dass ich bei jeder Erfahrung Ja oder Nein sagen konnte – hat mir erlaubt, mich so tief wie noch nie für das Leben zu öffnen.” Jeder von uns Männern wird gefeiert – egal, ob er geht oder nicht. Das Entscheidende ist, dass jeder Mann seiner Herausforderung ins Gesicht schaut und sich von dem, was ihm heilig ist, berühren lässt. Als wir den Feuerlauf vollenden, schauen wir nach all’ den Gesängen, nach all’ der Freude in Stille nach oben: Der Himmel ist offen! Die Sterne funkeln, der Mond leuchtet hell. Viele Männer haben Tränen in den Augen. Der Himmel, die Stille, das Glimmen der restlichen Glut verbinden uns in einem tiefen Gefühl der Liebe. Männerliebe - Menschenliebe.
Mit dem Baum, den wir zum Abschluss in die Erde pflanzen, geben wir der Erde etwas zurück. Dieser Baum symbolisiert auch unseren eigenen Lebensbaum, unser Wachstum auf allen Ebenen und unser Versprechen, den Weg der Liebe und der Befreiung bis zum Ende zu gehen.
Wir alle – die Männer, mein Team und ich – sind glücklich, erfüllt und dankbar, als wir uns zum Abschied noch einmal in die Augen schauen. Wir wissen, wir Männer tragen die Liebe in unserem Herzen. Wir gehen in unsere Dörfer, Städte und Länder. Wir gehen zu unseren Familien, Frauen, Männern, Kindern, Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunden – als lebendige, kraftvolle und verantwortliche Männer in dem Bewusstsein: “Ich bin der Mann meines Lebens!”


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