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Ausgabe Januar/Februar 2005
Weniger ist mehr

Bowtech – eine Muskel- und Bindegewebstechnik

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Die Bowen-Technik arbeitet mit sanften Griffen, die aus rollenden Bewegungen über bestimmte Muskeln bestehen. Benannt nach ihrem Erfinder, Tom Bowen, versteht sie sich als ein eigenständiges, dynamisches System einer ganzheitlichen Muskel- und Bindegewebstechnik. Lukoma, Anka und Gyuri bieten diese Technik in Berlin an und im Februar findet der erste Ausbildungskurs statt. Haidrun Schäfer hat theoretische und praktische Einblicke erfahren.

Eine Basissitzung
Eine Massageliege und zwei Decken, doch eine Massage im klassischen Sinne erwartet mich nicht. Ich bin hier, um die Basissitzung der Bowen-Technik kennenzulernen. Ich lege mich auf den Bauch, Gyuri Barkoczi deckt mich zu und mit einem ersten Griff berührt er mich an der unteren Wirbelsäule. Eine rollende Bewegung über bestimmte Muskeln und danach verlässt er für zwei Minuten den Raum, damit ich die Informationen verarbeiten kann. Als er wieder hereinkommt, fragt er, ob ich seine Hände noch spüre, was ich bejahe. Also lässt er mich noch einmal ruhen, weil der Hypothalamus die Information noch nicht vollständig verarbeitet hat. Erst dann geht es weiter.

Die Griffe
Die Griffe werden an genau definierten, präzisen Körperpartien nur mit den beiden Daumen ausgeführt - sanfte, rollende Bewegungen über einen Muskel oder eine Sehne. Die Bewegungen des weichen Gewebes stimulieren den Energiefluss und verstärken die körpereigenen Impulse und Ressourcen der Selbstheilung. Damit der Körper die Gelegenheit bekommt, den Stimulus zu verarbeiten, gibt es nach jedem Griff eine Pause, die mindestens zwei Minuten beträgt.
Ich verfolge die Griffe und spüre den Wirkungen nach. Dabei liege ich ganz entspannt und gleichzeitig ist mein Körper voller Bewegung. Schön sind die Pausen, in denen ich dem Pulsieren oder den Bildern, die hinter meinen geschlossenen Augen auftauchen, folgen kann. Der menschliche Körper ist immer wieder ein Phänomen - was für ein angenehmes, lebendiges Kribbeln die wenigen Griffe auslösen.

Wie wirkt Bowtech?
Die Amerikanerin Jo-Anne Whitaker nimmt zur Erklärung das Resonanzmodell zu Hilfe: Wenn man die Saite eines Musikinstrumentes anschlägt, entsteht ein Ton, der energetisch schwingt, auch wenn das menschliche Ohr das nicht mehr wahrnimmt. Man geht davon aus, dass die Griffe die sogenannten Propriorezeptoren im Gehirn stimulieren. Diese sorgen dann dafür, dass es zu einem energetischen Ausgleich kommt. So werden Symptome oder Dysfunktionen reguliert, Überfunktionen wieder normalisiert und Unterfunktionen stimuliert, der Energiefluss und die Selbstheilungskräfte angeregt. Die Kunst besteht darin, den richtigen Ton zu finden – den Griff, der die Saite zum Schwingen bringt.

Emotionale Themen
Bowtech ermöglicht es auch, über eine körperliche Behandlung ein emotionales Thema zu lösen. Das rollt in der Regel nach ein paar Tagen sanft an und dann kann ich mich damit auseinandersetzen oder es ignorieren. Es scheint so zu sein, dass eine Tür geöffnet wird, um ein tieferes Verständnis für das eigene Strickmuster zu gewinnen: Was drücke ich aus, was übernimmt davon mein Körper und was kann ich davon lernen?

Zweiter Teil der Basissitzung
Später drehe ich mich auf den Rücken und Gyuri beschäftigt sich mit meinen Knien. Zum Schluss gibt es noch mehrere Griffe am Nacken und Hinterkopf, die bei mir Farbfontänen hinter meinen geschlossenen Augenlidern auslösen. Am Ende der Sitzung fühle ich mich entspannt und angeregt zugleich. Als ich aufstehe, soll ich darauf achten, beide Füße gleichzeitig aufzusetzen und mich auch beim Schuhe anziehen hinzusetzen, weil die Informationen, die diese Griffe in meinem Körper ausgelöst haben, Neustrukturierungen im Gehirn bewirken, die ich unterstützen kann, indem ich keine einseitigen Belastungen vornehme und auch nicht zu lange am Stück sitze, sondern mich ab und zu bewege.

Nachwirkungen
Die Bowen-Technik hat Nachwirkungen im positiven Sinne. Generell finden sie in den folgenden vier Tagen statt. Gyuri erzählt von dem Fall eines älteren Herren, der sich schwer am Brustkorb verletzt hatte und nicht mehr aufrecht gehen konnte. Vier Wochen nach seiner Behandlung war nichts zu bemerken. Erst acht Wochen später hatte der Thorax sich wieder aufgerichtet und sein Gleichgewicht wiedergefunden. Außer der Basissitzung gibt es keine festgelegten Behandlungsabfolgen. Jedes Anliegen wird individuell abgestimmt und gestaltet.

Wann hilft Bowtech?
In erster Linie hilft Bowtech bei allen akuten und auch chronischen Beschwerden am Bewegungsapparat: Muskelverspannungen, Gelenkbeschwerden, Sport- und Tanzverletzungen und auch als Vor- und Nachbereitung bei Operationen am Bewegungsapparat. Auch der Komplex innere Erkrankungen ist ein Wirkbereich: Blutdruck- und Herzrhythmusstörungen, Blutzucker- und Hormonerkrankungen, Schilddrüsenfunktions- und Immunstörungen oder Allergien, Asthma und Migräne. Im gynäkologischen-geburtshilflichen Bereich und auch bei Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörungen oder Lernschwierigkeiten bei Kindern kann man Bowtech einsetzen. Ebenfalls sind Erfolge bei Störungen im psycho-vegetativen Bereich wie Nervosität, Angst- und Erschöpfungszustände oder Schlafstörungen zu verzeichnen. Generell ist die Bowen-Technik bei Menschen aller Altersgruppen effektiv, vom Neugeborenen bis hin zum älteren Menschen und führt bei jedermann zu einer verbesserten Lebensqualität.

Persönliches Nachspiel
Drei Tage nach der Sitzung bekam ich Rückenschmerzen, die über die Weihnachtsfeiertage anhielten. Es ist wahrscheinlich, dass die Schmerzen aufgrund alter Verletzungen noch mal an die Oberfläche kamen. Ich habe früher voltigiert und bin mehrmals böse auf den Rücken gefallen. Gyuri bietet mir eine zweite Sitzung an. Diesmal weiß ich so ungefähr, was mich erwartet, so dass ich die Sitzung noch intensiver erlebe. Ich habe das Gefühl, dass es mir gut tun wird und dass einige negative Informationen aus der Vergangenheit auf der körperlichen und auch seelischen Ebene in Harmonie gebracht werden können. Gyuri gibt die Impulse und mein Organismus wird sie nutzen und wieder ein Stück stabiler werden. Bevor ich auf den Nachhauseweg schwebe, bedanke ich mich herzlich bei Gyuri, worauf er ein “you are welcome” erwidert. Diese Formulierung drückt sehr treffend seine Haltung aus: you are welcome.


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